Publiziert18. Dezember 2025, 19:13
Luxemburg: Wenn Armut näher rückt als gedacht
Bei der Weihnachtsfeier der Stëmm vun der Strooss wird sichtbar, was oft übersehen wird: wachsende Armut, psychische Krisen und vorsichtige Hoffnung auf Stabilität.

«Familienprobleme, dann psychische Probleme, dann Drogen- und Alkoholprobleme, das ist ein Teufelskreis.» Sébastien, 25, ist einer von schätzungsweise 650 bis 700 Menschen, die am Donnerstag zur 27. Weihnachtsfeier der Stëmm vun der Strooss ins Kulturzentrum Victor Hugo in Luxemburg kommen. Im vergangenen Jahr waren es noch 500 bis 600.
Der junge Mann lebt heute in einer betreuten Wohnung in Colmar-Berg, finanziert vom Nationalen Kinderbüro (ONE). Zuvor hat er insgesamt mehrere Jahre auf der Straße verbracht, zuletzt von 2024 bis Mai 2025. «Am Dienstag habe ich ein Vorstellungsgespräch gehabt, das sehr gut gelaufen ist», sagt er. Es gehe um eine Stelle in einem Restaurant im Norden Luxemburgs, vermittelt über die Arbeitsagentur Adem. Sébastien steht unter Vormundschaft, eine Sozialarbeiterin verwaltet seine Finanzen. Sein Ziel ist es, «zu 100 Prozent stabil» zu werden.
«Probleme mit Drogen und Alkohol wegzudrücken, funktioniert nur für ein paar Stunden»
Er erzählt von Phasen schwerer Depression, einem Suizidversuch und dem Versuch, Probleme mit Drogen und Alkohol wegzudrücken. «Das funktioniert nur für ein paar Stunden», sagt er nüchtern. Für Menschen wie ihn ist die Stëmm nicht nur ein Ort zum Essen, sondern auch ein Stück Struktur und Zugehörigkeit.
Der Sprecher der Organisation stellt fest, dass die Armut im Land in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Mittlerweile säßen bei der Weihnachtsfeier nicht nur Obdachlose, sondern auch viele Geflüchtete mit Kindern und Menschen, die trotz Arbeit kaum über die Runden kommen. In den Räumen begegnet man auch Grenzgängern wie Marie-Lou, 60, aus dem Raum Longwy. Sie ist erwerbsunfähig und kommt drei- bis viermal pro Woche, um zu essen, zu duschen und ihre Kleidung zu waschen. An diesem Donnerstag sagt sie lächelnd, sie habe den Eindruck, im Ritz zu essen.
«In diesem Land, in dem man den Eindruck hat, dass alles gut läuft, muss man sich bewusst sein, dass es auch Menschen gibt, die größere Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen», sagt Vizepremier Xavier Bettel (DP), der mit Großherzig Guillaume, Großherzogin Stéphanie und Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) vor Ort ist. Er verweist auf den am 8. Dezember vorgestellten Nationalen Aktionsplan zur Prävention und Bekämpfung von Armut – ein Programm von einer Milliarde Euro, das den Zugang zu Hilfen vereinfachen und Menschen gezielt aus der Prekarität holen soll.
Die Stëmm hat im vergangenen Jahr in ihren Sozialrestaurants rund 15.000 Menschen empfangen, im Schnitt 750 Mahlzeiten pro Tag. Im kommenden Jahr feiert der Verein sein 30-jähriges Bestehen. «In 30 Jahren ist die Prekarität nicht verschwunden, sie hat zugenommen», fasst der Sprecher zusammen. Für Sébastien bleibt die Hoffnung, dass 2026 für ihn nicht mehr Überleben, sondern Ankommen bedeutet.
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