Die Europäische Union erlebt derzeit einen bemerkenswerten Rückhalt. Der jüngste Eurobarometer zeigt: Eine klare Mehrheit der Europäerinnen und Europäer steht hinter der EU, erwartet aber gleichzeitig mehr Entschlossenheit, mehr Sicherheit und mehr strategische Unabhängigkeit.
74 Prozent der EU-Bürger sind überzeugt, dass ihr Land von der EU-Mitgliedschaft profitiert hat. Auch das Gefühl europäischer Zugehörigkeit ist stark ausgeprägt: 73 Prozent der Befragten sehen sich als EU-Bürgerinnen und -Bürger. 48 Prozent geben an, der EU zu vertrauen. Zudem blickt eine Mehrheit von 59 Prozent optimistisch in die Zukunft der Europäischen Union.
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Angesichts globaler Unsicherheiten wächst der Wunsch nach einer stärkeren europäischen Rolle. Zwei Drittel der Befragten (67 Prozent) sehen die EU als Ort der Stabilität in einer unruhigen Welt. Besonders deutlich fällt die Zustimmung zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit aus: 83 Prozent sprechen sich dafür aus, die Handelsbeziehungen der EU weltweit stärker zu diversifizieren und Abhängigkeiten zu reduzieren.
Auch in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik zeigt sich ein klarer Trend. 79 Prozent der Europäer – und damit einer der höchsten Werte seit Beginn der Erhebungen – befürworten eine gemeinsame Verteidigungs- und Sicherheitspolitik der Mitgliedstaaten. Verteidigung wird damit zunehmend als europäische Gemeinschaftsaufgabe verstanden.
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Sicherheit bleibt wichtigste Priorität
Frieden und Stabilität gelten für 42 Prozent der Befragten als jene Maßnahmen, die kurzfristig den größten positiven Einfluss auf ihr Leben hätten. Es folgen die Schaffung von Arbeitsplätzen (26 Prozent), die Sicherung der Versorgung mit Lebensmitteln, Gesundheits- und Industriegütern (25 Prozent) sowie die Steuerung irregulärer Migration (24 Prozent).
Diese Prioritäten spiegeln sich auch in den Erwartungen an den EU-Haushalt wider. Die Bürgerinnen und Bürger wünschen sich hauptsächlich Investitionen in Beschäftigung, Soziales und öffentliche Gesundheit (42 Prozent), Bildung, Jugend, Kultur und Medien (36 Prozent) sowie Verteidigung und Sicherheit (35 Prozent).
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Ein weiteres zentrales Ergebnis der Umfrage ist die historisch hohe Unterstützung für die gemeinsame Währung. EU-weit befürworten 74 Prozent den Euro, im Euro-Währungsgebiet sind es sogar 82 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich bei der Bewertung der wirtschaftlichen Lage ein geteiltes Bild. Demnach beurteilen 46 Prozent sie als gut, ebenso viele als schlecht. Knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) geht jedoch davon aus, dass sich die wirtschaftliche Situation in den kommenden zwölf Monaten stabil entwickeln wird. Dabei wird zwar deutlich, dass sich der Euro als Symbol wirtschaftlicher Stabilität entwickelt hat. Dennoch bleiben die wirtschaftlichen Sorgen vieler Bürger bestehen.
Breiter Rückhalt für die Ukraine-Politik
Trotz der anhaltenden Belastungen durch den Krieg in der Ukraine bleibt die Unterstützung für die europäische Linie hoch. 81 Prozent der Befragten befürworten die Aufnahme von Menschen, die vor dem Krieg fliehen. 77 Prozent unterstützen finanzielle und humanitäre Hilfe, 73 Prozent der Befragten stehen hinter den Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Zudem spricht sich die Mehrheit dafür aus, der Ukraine den Kandidatenstatus zu gewähren (59 Prozent) sowie für die EU-Finanzierung militärischer Ausrüstung (57 Prozent).
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Für 77 Prozent der Befragten stellt die russische Invasion eine Bedrohung für die Sicherheit der EU dar. Dementsprechend wird der Krieg als wichtigstes Problem wahrgenommen, dies noch vor der Migration, der internationalen Lage sowie der Sicherheit und der Verteidigung.
Die Ergebnisse des Eurobarometers zeichnen das Bild einer Europäischen Union, die einen starken Rückhalt in der Bevölkerung hat. Gleichzeitig formulieren die Befragten klare Erwartungen: Sie wollen mehr Handlungsfähigkeit, mehr strategische Autonomie und mehr Schutz in unsicheren Zeiten.
Die EU hat damit politischen Rückenwind, auch wenn dieser an Bedingungen geknüpft ist. Der Auftrag der Bürgerinnen und Bürger ist deutlich: Europa soll stärker, selbstbewusster und solidarischer werden.