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Die Produktivität in der EU liegt fast gleichauf mit den USA. Der Unterschied erklärt sich vor allem durch längere Arbeitszeiten in Amerika.

Die US-Regierung sieht Europa im „wirtschaftlichen Niedergang“. Auch hierzulande wird der wachsende Abstand zur Wirtschaftskraft der USA beklagt. Im Zentrum der Klage steht die Arbeitsproduktivität: Während die US-Amerikaner immer produktiver würden, falle die Alte Welt zurück, heißt es. In Deutschland führt das zu der Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“.

Menschen genießen ein Essen im Freien in der Nähe des Asinelli-Turms in Bologna.

Mehr Freizeit, weniger Emissionen: Auch Bologna ist lebenswert. © YAY Images/Imago

Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt jedoch: Der Abstand zwischen Europa und den USA ist gar nicht so groß – und vor allem der Tatsache geschuldet, dass in den USA die Menschen mehr arbeiten und höhere Preise zahlen müssen.

USA sehen Europa „im Verfall begriffen“

Die europäischen Nationen seien „im Verfall begriffen“, heißt es in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der US-Regierung. „Sollten sich die aktuellen Trends fortsetzen, wird der Kontinent in 20 Jahren oder weniger nicht mehr wiederzuerkennen sein.“ Daher sei es „alles andere als sicher, dass bestimmte europäische Länder über eine Wirtschaft und ein Militär verfügen werden, die stark genug sind, um zuverlässige Verbündete zu bleiben“.

„Die EU kann stolz auf ihr Entwicklungsmodell sein, und die Trumpisten sollten sich etwas zurückhalten – ebenso wie die europäischen Konservativen, die ihnen nachplappern.“

Die Sorgen um die Wirtschaft werden diesseits des Atlantiks geteilt. Kernproblem Europas sei ein anhaltender Rückgang des Wachstums der Arbeitsproduktivität. „Der Wohlstand in einer Volkswirtschaft hängt in hohem Ausmaß von der Wirtschaftsleistung der einzelnen Individuen beziehungsweise der Arbeitsproduktivität ab“, erklärt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Langfristig zeige sich ein relativ enger Gleichlauf des Wachstums der Arbeitsproduktivität, also der Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen, und der Einkommensentwicklung, also des Bruttoinlandsprodukts je Einwohner. Die Produktivitätsschwäche Europas habe weitreichende Folgen, warnt Jared Cohen von der US-Investmentbank Goldman Sachs. Denn „wer nicht wächst, droht geopolitisch zu verschwinden“.

Europa ist nicht weniger produktiv als USA

Der französische Ökonom Gabriel Zucman hat sich die Zahlen genauer angeschaut und kommt zu einem ganz anderen Ergebnis. „Die Aussage, die EU hinke den USA weit hinterher, ist schlicht falsch“, schreibt er auf der Plattform Bluesky. Um den tatsächlichen Wohlstand zu messen, müsse zunächst das deutlich höhere Preisniveau in den USA berücksichtigt werden. So berechnet, ist das BIP pro Kopf in den USA seit 2019 zwar deutlich stärker gestiegen. Auf die längere Sicht, also seit 1990, ist das kaum beeindruckend: Die USA kommen beim Wachstum der Wirtschaftsleistung pro Kopf auf 70 Prozent, die EU 27 laut Statistikamt Eurostat immerhin auf 63 Prozent. Dies entspricht einem durchschnittlichen Jahresplus von 1,6 Prozent in den USA und 1,5 Prozent in der EU – keine riesige Differenz.

Während das Wachstum also sehr ähnlich ist, existiert dagegen eine große Differenz beim Niveau der Wirtschaftsleistung pro Kopf: In den USA liegt es laut Zucman 35 bis 40 Prozent höher als in der EU. „Diese Lücke aber“, erklärt der Ökonom, „ist überwiegend darauf zurückzuführen, dass die Menschen in der EU weniger Stunden arbeiten – und nicht darauf, dass die Europäer weniger produktiv sind.“

Europa hat „eindeutig überlegene Wirtschaftsleistung“

Was zählt, ist also die Wirtschaftsleistung pro gearbeiteter Stunde. Nach neuesten Daten der World Inequality Data Base liegt sie in den USA bei 60 Euro pro Stunde und damit gleichauf mit dem Wert in den „Kernländern“ der EU (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und Belgien). Mit älteren Datenreihen, anderen Preisindizes und Produktionsmessgrößen ließen sich zwar leicht abweichende Zahlen erzielen, so Zucman. „Dies ändert jedoch nichts an der grundlegenden Tatsache, dass die ‚Kern-EU‘ etwa genauso produktiv ist wie die USA und dass das Niveau in Nordeuropa noch über dem der Vereinigten Staaten liegt.“ Mit derselben Produktivität wie die USA verfüge die „Kern-EU“ nun auch über mehr Freizeit, eine höhere Lebenserwartung und weniger Ungleichheit. „Wie man es auch dreht und wendet, es handelt sich um eine eindeutig überlegene Wirtschaftsleistung.“

Wie aber sieht die Lage aus, wenn man auch den Rest der EU hinzurechnet? In dieser Rechnung ist ihre Produktivität aufgrund der relativ geringen Produktivität in Osteuropa etwas niedriger als in den USA. Doch ist auch hier die Differenz nicht gigantisch: Laut Statistiken der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) beispielsweise beträgt das BIP pro Arbeitsstunde in den USA 81,8 Dollar, in Westeuropa 83 Dollar und in der EU 27 rund 71 Dollar. Dabei ist laut Zucman zusätzlich zu beachten, dass die USA ihr BIP zu besonders hohen Kosten für den Planeten erwirtschaften. In der EU 27 dagegen lägen die CO₂-Emissionen pro Produktionsstunde deutlich niedriger.

Zucmans Fazit: „Mehr Freizeit, bessere Gesundheitsergebnisse, weniger Ungleichheit, weniger CO₂-Emissionen, und das alles bei weitgehend ähnlicher Produktivität: Die EU kann stolz auf ihr Entwicklungsmodell sein, und die Trumpisten sollten sich etwas zurückhalten – ebenso wie die europäischen Konservativen, die ihnen nachplappern“. Das bedeute allerdings nicht, dass die EU keine Reformen brauche. Die wichtigste Priorität sollte aber darin bestehen, massiv in Bildung, Universitäten, Forschung, öffentliche Infrastruktur und Energiewende zu investieren.