Am Ende des Zweiten Weltkriegs ist Luxemburg übersät mit Trümmern von Fahrzeug- und Flugzeugwracks. Eines davon liegt am Straßenrand der N15 zwischen Pommerloch und Bohey bei Doncels und dient, wie viele andere Wracks, Familien als Foto-Kulisse. Über 50 Jahre später stößt der Luxemburger Adjutant-Major und Hobby-Historiker John Derneden zum ersten Mal auf Bilder der Flugzeugüberreste und identifiziert sie als Teile einer deutschen Messerschmitt Bf-110, eines sogenannten Nachtjägers. Er will der Geschichte des Wracks auf die Spur kommen.
Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich Adjutant-Major John Derneden inzwischen mit Flugzeugabstürzen und Notlandungen auf Luxemburger Boden während des Kriegs. Foto: Marc Wilwert/LW-Archiv
Auf einem Bild des rechten Seitenleitwerks ist neben einem Hakenkreuz noch ein Teil der Werknummer zu lesen: Sie beginnt mit den Ziffern 1805. Das führt Derneden zu einer ersten Mutmaßung, wie er in einem vor Kurzem fertiggestellten Artikel zum Fall schreibt: „Im Jahre 1999 hatte ich bereits vermutet, dass es sich um die Messerschmitt Bf-110 mit der Werknummer 180575 handeln könnte, die in der Nacht vom 31. Dezember 1944 verloren ging.“
Doch obwohl er Fundort, Flugzeugtyp und Werknummer kennt, kann Derneden das Flugzeug nicht zweifelsfrei identifizieren, denn er weiß, dass nur etwa 5,5 Kilometer entfernt bei Tarchamps ein weiterer deutscher Nachtjäger abgestürzt war – und auch dessen Werknummer beginnt ausgerechnet mit den Ziffern 1805.
Auf dem Seitenleitwerk einer Bf-110, das die beiden Kinder vor der zerstörten Roullinger Kirche präsentieren, ist die Werknummer gut zu erkennen. Foto: Frank Rockenbrod
Entscheidender Hinweis nach 26 Jahren
2004 erhält Derneden dann ein Foto, das zwei Jungen zeigt, die vor der völlig zerstörten Roullinger Kirche stehen. Zwischen sich halten sie das Seitenleitwerk einer Messerschmitt Bf-110, und dieses Mal ist die gesamte Werknummer deutlich lesbar: Es ist die 180575. Allerdings war bei Roullingen seines Wissens nach gar kein Flugzeug abgestürzt, wie Derneden schreibt. Gehörte dieses Seitenleitwerk also zum Nachtjäger von Pommerloch? Möglich ist es, denn während auf dem Bild vom Wrack an der N15 das rechte Seitenleitwerk zu sehen ist, handelt es sich laut dem Hobby-Historiker dieses Mal um das linke Seitenleitwerk.
„Wenig später erhielt ich noch ein anderes Foto, was wiederum das gleiche linke Seitenleitwerk zeigt“, schreibt Derneden weiter. Er hält es für wahrscheinlich, dass das Leitwerk an der Absturzstelle von Pommerloch mitgenommen wurde – schließlich besteht es aus Aluminium und ist daher relativ leicht. Doch erst im Februar 2025 hält er das für die Identifikation entscheidende Foto in Händen. Es stammt aus dem Jahr 1946 und zeigt eine Familie beim Posieren am Flugzeugwrack in Pommerloch. Die Werknummer ist, wie Derneden vermutet hatte, die 180575.
Familie Marx posiert 1946 am Flugzeugwrack in Pommerloch. Das Foto ist für Derneden von besonderer Bedeutung, denn dieses Mal ist die gesamte Werknummer an der Maschine zu erkennen. Foto: Aloyse Marx
Die Identität eines Leichnams
Damit kennt Derneden auch das Schicksal hinter dem Wrack: Es sind die Überreste einer der Maschinen aus dem Nachtjagdgeschwader 6, die am 31. Dezember 1944 vorwiegend im Raum über Belgien und Frankreich im Einsatz waren. „Das Geschwader führte dort Nachtschlachteinsätze mit Schwerpunkt auf Bastogne sowie gegen Eisenbahnziele durch”, schreibt Derneden. „Insgesamt kehrten vier Messerschmitt Bf 110, sieben Junkers Ju 88 und eine Heinkel He 219 A (…) bei dem Versuch, alliierte Bomberverbände abzufangen, nicht zurück.“
Mich treibt der Satz ‚Give the body a name‘ an. Das heißt so viel wie: Gib der Leiche einen Namen.
John Derneden
Luxemburger Adjutant-Major und Hobby-Historiker
Eine der Maschinen, die nicht zurückkehrten, ist Dernedens Nachforschungen zufolge die Maschine von Pommerloch. „Der Pilot war Lt. Günther Richter und kehrte am 31. Dezember 1944 nach dem Feindflug in die Gegend von Bastogne nicht mehr zurück“, schreibt Derneden. „Lt. Günther Richter ist bis heute als vermisst gemeldet.“ Ihm war als einzigem der drei Besatzungsmitglieder der Fallschirmabsprung nicht gelungen, wovon auch ein Bild der stark verstümmelten Leiche zeugt.
Historische Aufarbeitung
Ein Beweggrund für Dernedens Beschäftigung auch mit deutschen Schicksalen ist, wie er im Gespräch mit dem LW erklärt, eine korrekte historische Aufarbeitung. „Nach dem Krieg ist viel geschrieben worden, aber nur aus amerikanischer Sicht“, führt er aus. Es sei aber wichtig, auch in die Berichte der anderen Seite zu schauen. So seien manchmal deutsche Panzerbesatzungen fälschlich als SS-Truppen bezeichnet worden, weil die Uniformen sich ähnelten, und deutsche Fallschirmspringer seien wegen der andersartigen Uniformen für Amerikaner oder „Deutsche in falscher Uniform“ gehalten worden.
„Für manche Augenzeugen, die den ganzen Hintergrund nicht kennen konnten, hat sich vieles vermischt“, so Derneden. So habe ihm einmal ein Mann berichtet, in Ettelbrück hätten deutsche Soldaten vor den Weihnachtstagen 1944 Benzin an die Fassaden geschüttet und es angezündet. Inzwischen sei aber klar: „Das waren die Amerikaner, die die Deutschen aus Ettelbrück heraus haben wollten und mit Brandbomben, schon zu der Zeit ähnlich wie Napalm, bombardiert haben.“
Wrackteile der Messerschmitt Bf-110, vorne links Motor mit Teil von Luftschraube, machen deutlich, mit welcher Energie das abgeschossene Flugzeug auf dem Boden des Öslings aufgeschlagen sein muss. Foto: Sammlung Pfarrer Fritz Rasque
Ein Familienfoto mit traurigem Hintergrund
Daneben hat Derneden noch einen anderen, grundsätzlichen Beweggrund: „Mich treibt der Satz ‚Give the body a name‘ an. Das heißt so viel wie: Gib der Leiche einen Namen.” Bereits seit etwa 44 Jahren identifiziert Derneden für das Ettelbrücker Patton-Museum Flugzeugwracks in ganz Luxemburg – unabhängig von deren Nationalität.
Vor Jahrzehnten war Derneden mit dem früheren Mitarbeiter des Museums Marcel Chevallier – der, wie Derneden anmerkt, leider im Jahr 2013 verstarb – gemeinsam zu Besuch bei einem Bauern. Der Landwirt hatte nämlich die Papiere eines deutschen Soldaten nach dem Krieg in einem zurückgebliebenen Sturmgeschütz gefunden, das die Besatzung offenbar eilig hatte verlassen müssen.
Fliegen ja, immer! Aber Krieg, nein, nie wieder!
Josef Rickling
Im 2. Weltkrieg deutscher Soldat
Unter den Dokumenten waren neben Führerschein und Wehrpass auch Familienfotos, die den Soldaten mit Frau und Kind zeigten. Damals habe der ehemalige deutsche Soldat noch gelebt, erinnert sich Derneden, „und Marcel Chevallier ist mit dem Auto zum Mann gefahren, um ihm seine Papiere und Fotos zurückzugeben”. Beim Treffen stellte sich dann heraus, dass Frau und Kind bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen waren, während der Mann im Krieg war – und dass er keine Fotos der beiden mehr hatte. Entsprechend emotional sei der Moment gewesen, als er die Bilder nach Jahrzehnten wieder in Händen hielt.
Kontakt zu deutschen Soldaten
Auch John Derneden konnte zuweilen den Kontakt zu noch lebenden deutschen Soldaten aufnehmen, so etwa zu Josef Rickling. Der war in seiner Jugend begeisterter Segelflieger gewesen, hatte sich daher für den Dienst bei der Luftwaffe entschieden und musste am 23. Dezember 1944 notlanden, nachdem seine Maschine im Luftkampf über Luxemburg abgeschossen worden war. Offenbar wurde er dabei nicht schwer verletzt, konnte er doch bereits den 2. Weihnachtstag bei seiner Familie verbringen. Anschließend allerdings ging er aufgrund einer Krankheit nicht mehr in den Krieg zurück.
In einem Artikel über Ricklings Schicksal zitiert Derneden aus einem Brief des ehemaligen Fliegers aus dem Jahr 2005: „Erst nach dem Krieg wusste ich: Fliegen? Ja! Herrlich! Aber im Krieg zur Vernichtung des Gegners – Nein! Nie wieder. Ich schäme mich noch heute, dass ich englischen Fliegern, die abgeschossen und verwundet im Feldlazarett in Bitburg auf der Erde saßen begegnete und sie mit Gleichgültigkeit und Ablehnung betrachtete, statt da schon zu bemerken, dass ihnen gleiches Los widerfahren war als mir, der gerade noch mal gut davongekommen war. Darum nochmals: Fliegen ja, immer! Aber Krieg, nein, nie wieder!“
Dieses Bild eines Feldgrabs befand sich bei Fotos der BF 110, daher dürfte es sich um das zwischenzeitliche Grab Günther Richters handeln. Derneden merkt an, dass die Anhöhe von Berlé im Hintergrund zu erkennen ist. Foto: Sammlung Pfarrer Fritz Rasque
Im Fall des am 31. Dezember 1944 zu Tode gestürzten Leutnant Günther Richter war es Derneden allerdings nur noch möglich, sein Grab zu lokalisieren. Auf einem alten Bild entdeckte er ein Feldgrab in einem Garten. „Im Hintergrund rechts sieht man die Anhöhe von Berlé und man kann mit größter Wahrscheinlichkeit darauf schließen, dass hier die sterblichen Überreste des Piloten notdürftig begraben wurden“, schreibt Derneden.
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Nach dem Krieg sei das Feldgrab vom Deutschen Gräberdienst nach Sandweiler umgebettet worden. „Die sterblichen Überreste wurden im Kameradengrab beigesetzt. Leider verliert sich hier die Spur und Leutnant Günther Richter bleibt bis heute als vermisst gemeldet“, schließt Derneden den Artikel über eines von vielen Fliegerschicksalen ab, denen er im Verlauf der letzten Jahrzehnte nachspürte.
Dritter Band der Buch-Reihe „Crash“ erschienen
Seine Erkenntnisse über im Krieg über Luxemburg abgestürzte Flugzeuge, die Schicksale der Besatzungen und die Folgen für die Zivilbevölkerung hält John Derneden in seiner Buchreihe „Crash“ fest. Deren dritter Band „Crash III. Abstürze und Notlandungen von alliierten und deutschen Flugzeugen in Luxemburg 1940-45“ ist vor einem Monat erschienen und in Buchhandlungen sowie am Patton-Museum erhältlich.