China und Russland haben sich zusammengeschlossen, um den Westen entscheidend zu schwächen: Ein künstlich erzeugtes Virus, „Covid-29“, trifft im Jahr 2029 die medizinische Versorgung europäischer Städte hart – russische und chinesische Soldaten sind offenbar dagegen geimpft. Moskau mobilisiert Truppen an der NATO-Ostgrenze, eine US-Flugzeugträgertruppe wird im Südchinesischen Meer von Peking attackiert, das Taiwan unter seine Kontrolle bringen will. Gleichzeitig setzt Moskau einem britischen Marineverband vor der Küste Norwegens zu; ein massiver Cyberangriff lähmt die Waffensysteme der Royal Navy, westliche Aufklärungssatelliten sind geblendet oder zerstört, russische U-Boote versenken einen britischen Flugzeugträger. So beginnt in „Future War. Bedrohung und Verteidigung Europas“ ein fiktiver großer Krieg, der vor den gegenwärtigen geopolitischen Hintergründen nicht ganz unrealistisch erscheint.
Armin Wagner hat in „Das ABC der Apokalypse: NATO-Offiziere erzählen den Dritten Weltkrieg“ mehrere solcher Fiktionen aus dem Kalten Krieg bis in die Gegenwart zusammengefasst und kritisch eingeordnet – sie wurden von teils hochrangigen früheren NATO-Militärs verfasst. Die Bücher geben Auskunft „über das imaginierte Bild der Offiziere von einem kommenden Krieg“, schreibt Wagner. Es gehe um die militärische Bewertung des Gegners und mehr noch um die Wahrnehmung der eigenen Gesellschaft und die „Standfestigkeit“ des Westens. Wagner schränkt ein, dass es sich bei den Texten nicht um wissenschaftliche Erhebungen handle – und auch kaum handeln kann, „weil die empirische Erfahrung mit einem Atomkrieg fehlt“. Wiederholt scheinen deswegen auch politische Agenden durch, die die Autoren einem breiten Publikum mehr oder weniger subtil vermitteln wollten. Oft wird harsche Kritik an der NATO, der Verteidigungsstrategie oder an der angeblich fehlenden Resilienz der Bevölkerung laut. In manchen Fiktionen besteht das Verteidigungsbündnis noch – in anderen ist es bereits untergegangen.
Explodierende Haushaltsgeräte
In dem im Jahr 2021 publizierten Buch „Future War“ zweier ehemaliger US-Generäle und eines Politikwissenschaftlers werden beide Ausgänge geschildert: Im ersten Szenario ist die NATO unvorbereitet; weitere Cyberangriffe treffen Banken oder die europäische Verkehrsinfrastruktur, Computer und Telefone fallen aus. Sogar Haushaltsgeräte explodieren „aufgrund der Vernetzung der zum großen Teil von China hergestellten zivilen 5G-Netzwerke“. Eine technische Einordnung zur Realisierbarkeit eines solchen Angriffs nimmt Wagner nicht vor.
Armin Wagner: „Das ABC der Apokalypse“Campus VerlagDer Westen, der gleichzeitig mit einer Migrationskrise konfrontiert ist, ist gespalten. Die NATO-Partner können sich nicht auf die Ausrufung des Bündnisfalles einigen, obwohl 120.000 russische Soldaten zur Einnahme des Baltikums bereitstehen. Doch der fiktive US-Präsident mache deutlich, so beschreibt es Wagner, dass „er wegen dieses Territoriums am Rande Europas“ keinen umfassenden Krieg beginnen werde. Die bis heute präsente Frage, ob Washington zur Verteidigung Europas Atomwaffen einsetzen würde, wird in den verschiedenen Erzählungen immer wieder aufgegriffen. Die konventionell unterlegene NATO gibt das Baltikum schließlich auf, und „Präsident Putin hat seinen lang gehegten Traum verwirklicht, das Bündnis der Geschichte zu überantworten“.
Die NATO habe sich als „Papiertiger“ entpuppt, schreiben die Autoren und kritisieren insbesondere Deutschland, das „das Hauptproblem“ für die Verteidigung Europas sei. Zumindest solange Berlin nicht akzeptiere, dass es militärisch stark sein müsse. Den Autoren dürfte es gefallen haben, dass Bundeskanzler Friedrich Merz vier Jahre nach ihrer Veröffentlichung die Mission ausgab, die Bundeswehr „konventionell zur stärksten Armee Europas“ zu machen.
Im positiven Szenario ist die NATO auf die Konfrontation mit Russland und China vorbereitet. Die Verbündeten investieren mehr Geld in ihre Verteidigung und sind technisch in der Lage, die Cyberangriffe abzuwehren. Auch dem russischen Aufmarsch am Baltikum sind die Partner gewachsen: Die hochgerüsteten Streitkräfte arbeiten eng zusammen, und die NATO kann eigenständig und rasch ohne politische Kontrolle agieren. Moskau bricht seine Offensive ab, die chinesisch-russische Allianz zerbricht. Peking und Washington nähern sich durch die Normalisierung ihrer Handelsbeziehungen wieder an. Wagner bezeichnet dies treffend als „eigensinnige Interpretation“ der chinesisch-amerikanischen Beziehungen. Sie gründeten darauf, dass das Verhältnis beider Länder allein über die Wirtschaftsbeziehungen reguliert würde. Auch die Taiwanfrage verliere für Peking „unkommentiert ihre strukturelle Bedeutung“. Doch der Appell der Autoren ist offensichtlich: Europa werde das ganze Buch lang „seziert, ermahnt und motiviert“, schreibt Wagner, um „aus seiner militärischen Denkfaulheit“ auszubrechen – ansonsten drohe dem Kontinent, militärisch überrumpelt zu werden.
Fiktiver Landkrieg zwischen NATO und Warschauer Pakt
Einen großen Fokus legt Wagner auf Erzählungen aus dem Kalten Krieg. Als Referenzwerk zieht er „Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland“ von John Hackett heran. Der frühere Befehlshaber der britischen Truppen in Westdeutschland konzentriert sich in seinem 1978 veröffentlichten Buch, an dem weitere Militärs und Diplomaten mitwirkten, auf einen fiktiven Landkrieg in Mitteleuropa zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO.
Noch vor dem Ende der ersten Kriegswoche haben die Sowjets die nördlichen Niederlande besetzt, die NATO hält die Linie Eindhoven–Venlo–Paderborn; Krefeld ist „Ankerpunkt“ der Verteidigung. Die Parallelen der geschilderten Kriegsführung zum heutigen Ukrainekrieg sind erstaunlich: Es gebe einen „Kampf zwischen rivalisierenden elektronischen Systemen“ bei der Aufklärung, Flugabwehr und Störung der Kommunikation.
Dem Westen gelingt schließlich die Kehrtwende, auch aufgrund der Qualität der westdeutschen Truppen und weil die Sowjetunion keine Luftüberlegenheit erringen konnte. Deren Truppen ziehen sich geordnet zurück. Doch angesichts des drohenden Niedergangs zieht die Sowjetunion die nukleare Karte – und zerstört Birmingham. Eine Stadt mit viel Industrie und Zentrum der Waffenproduktion, wie die Autoren das Ziel begründen. Und: nahe genug an London, „so dass die Hauptstadt die Druckwelle der Explosion noch spürte, ohne selbst dem Erdboden gleichgemacht zu werden“. Washington und London reagieren mit Atomangriffen auf Minsk.
Laut Wagner findet sich im Buch keine Begründung, warum es ausgerechnet die weißrussische Hauptstadt trifft. In der Fiktion ist deren Vernichtung „die Initialzündung für die Explosion der schwelenden nationalistischen Unruhe“ in der Sowjetunion. Und dann geht es schnell: Der stellvertretende KGB-Chef erschießt den sowjetischen Präsidenten, übernimmt die Führung über den Staat und erklärt sich gegenüber den USA zu einer Friedenskonferenz bereit. Wagner kritisiert dies korrekt als „beinah naive Darstellung der Abläufe“ im sowjetischen Machtapparat. Aber mit dem Wissen von heute seien die generellen Annahmen über den inneren Zerfall der Sowjetunion „durchaus plausibel“.
Wagner gelingt mit „Das ABC der Apokalypse“ eine Analyse an der angestrebten Schnittstelle von Politik-, Militär-, Technik- und Ideengeschichte. Auch wenn sich das Buch stellenweise etwas behäbig liest, liefert es eine kompetente Einordnung der Literaturgeschichte über einen fiktiven Dritten Weltkrieg auf verschiedenen Ebenen: Sei es die Perspektive der sowjetischen Soldaten in „Red Army: A Novel of Tomorrow’s War“, der Fokus auf den Luftkrieg in „Air Battle Central Europe“ oder die Folgen eines umfassenden Nuklearkriegs in „Gegen den Dritten Weltkrieg: Strategie der Freien“. Ob sich der „glimpfliche Ausgang“ des Kalten Krieges angesichts der aktuellen Spannungen wiederholt, bleibe abzuwarten, schreibt Wagner am Ende seines Buchs. „Sicher nur ist: Die ‚nukleare Ewigkeit‘ dauert an.“
Armin Wagner: „Das ABC der Apokalypse“: NATO-Offiziere erzählen den Dritten Weltkrieg. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2025. 455 S., geb., 49,– €.