Es ist überstanden. Trump hat gesprochen, es war die gewohnte Flut von Selbstlob, Lügen und Ausfälligkeiten. Aber sein Auftritt in Davos führte nicht zu einer weiteren Eskalation mit Europa, der US-Präsident verzichtete darauf, die Annexion Grönlands anzukündigen. Dass das schon reicht, um viele WEF-Teilnehmer zu beruhigen, zeigt: Man ist inzwischen mit sehr wenig zufrieden.

Unaufgeregte Reaktion: Guy Parmelin und Donald Trump reichen sich die Hand.

Bild: LAURENT GILLIERON

Jede der Beleidigungen, die Trump absonderte – auch gegen das Gastgeberland Schweiz – wäre in normalen Zeiten ein Skandal. «Ohne uns wäre die Schweiz nicht die Schweiz»: ein Irrwitz. Sein Versuch, Karin Keller-Sutter blosszustellen, «diese Frau», die immer dasselbe sage: eine bodenlose Frechheit. Der Mann scheint schizophren zu sein, denn bei einer Begegnung danach machte er Keller-Sutter Komplimente und pries ihre harte Verhandlungsführung.

Schweiz reagiert mit: «Lasst ihn toben»

Doch wer schlau ist, weiss damit umzugehen. Die Schweiz entschied sich für die «Who cares?»-Variante. Lasst ihn toben. Bundespräsident Guy Parmelin reagierte demonstrativ gelassen auf Trumps Rundumschläge. Freundlich schüttelte er dem Wüterich nach dem Schauspiel die Hand, sprach ein paar nette Worte. Gute Miene zum bösen Spiel. Ist das richtig? Der Kleinstaat Schweiz könnte nichts gewinnen, würde er den Aufstand gegen Trump proben.

Anders verhält es sich mit der EU, einem Wirtschaftsblock, der den USA ebenbürtig ist. Dass die EU-Kommissionspräsidentin und Frankreichs Präsident im Grönland-Streit eine rote Linie ziehen, ist zwingend. «Bis hierhin und nicht weiter», war die Botschaft am Vortag. Trump reagiert nur auf Stärke. Er verachtet zwar die EU, aber die unmissverständlichen Worte dürfte er gehört haben.

In Davos schloss er erstmals aus, Truppen nach Grönland zu schicken. Das ist ein Teilerfolg, mehr nicht. Der Trump-Irrsinn geht weiter. Erst eine krachende Niederlage bei den Zwischenwahlen im November könnte seinen Grössenwahn bremsen.

Der wahre Skandal von Davos ist der Umgang mit Selenski

Die offizielle Schweiz und die EU haben das Mögliche gemacht. Keine gute Figur machte hingegen der Veranstalter, das Weltwirtschaftsforum. Wie sich Co-Präsident Larry Fink seinem prominentesten Gast vor die Füsse warf, war peinlich. Es sei keine Begrüssung, sondern eine Laudatio gewesen, ätzte ein Banker im Publikum.

Schlimmer noch: Das WEF verpasste es, Ukraines Präsident Wolodimir Selenski einen prominenten Auftritt zu versprechen, so wie dies in den letzten zwei Jahren noch unter Klaus Schwab der Fall war. Es wäre ein Beitrag zur Ausgewogenheit gewesen und hätte das WEF als Plattform aufgewertet. Erst am Donnerstag darf Selenski nun doch noch im Kongresszentrum sprechen, wohl nachdem Trump sein «Okay» gegeben hat. Russlands Angriffskrieg ging in Davos bislang in der alles dominierenden Ego-Show von Trump völlig unter. Das ist der wahre Skandal dieses Weltwirtschaftsforums.