Am ersten Arbeitstag meiner neuen Kollegin stolperte diese gleich beim ersten Öffnen ihres Laptops über etwa zwei Dutzend neue Mails. Das erinnerte mich an den Ozean aus elektronischen Briefen, in dem ich bei meinem Antritt versank: Etwa 18.000 ungelesene Mails warteten vor gut zwei Jahren auf mich. „Da hast du doch schon dein nächstes Gazettchen“, meinte die Kollegin – stimmt eigentlich.
Der Grund für die damalige Unmenge an Post hatte einen simplen Grund: Ich hatte meine Mail-Adresse schon während eines früheren Praktikums erhalten, und sie war offenbar weitergelaufen, während ich ein Jahr lang in Deutschland arbeitete. Bereits damals hatte sich nämlich abgezeichnet, dass ich wohl wiederkommen würde – ein erfreulicher Grund also. Das Resultat im Postfach erschlug mich dennoch, und bis alle Mails geladen hatten und dann noch gelöscht waren, verging etwa eine halbe Stunde.
Ich kam mir vor wie Sisyphos, der dazu verdammt ist, ewig einen Steinbrocken auf die Spitze eines Bergs zu wälzen, nur, damit er gleich wieder herunterrollt.
Dabei hatten sich so viele Mails aufgestaut, dass sie erst nach und nach luden, sobald ich wieder einen Batzen gelöscht hatte. Daher kam ich mir vor wie Sisyphos, der dazu verdammt ist, ewig einen Steinbrocken auf die Spitze eines Bergs zu wälzen, nur, damit er gleich wieder herunterrollt. Und ich kann nun aus Erfahrung sagen, es ist keine besonders erfüllende Arbeit.
Immerhin: Meines Wissens nach konnte ich die wenigen relevanten Mails erfolgreich herauspicken. Irgendwann war mein Mailprogramm dann wieder einsatzfähig und ich konnte mich dem offensichtlich notwendigen nächsten Schritt widmen, einige Filter einzurichten. Nur blöd, dass ich das nicht schon vor dreieinhalb Jahren gemacht habe.
Aus dem Leben der LW-Journalisten
Das „Gazettchen“ ist eine informelle Kolumne, in der die Autoren auf legere Weise von ihren Alltagserlebnissen erzählen oder auch schon mal Einblick in ihre Gedankenwelt gewähren. Das hat eine lange Tradition: Am 3. Dezember 1946 erscheint erstmals ein Meinungsstück mit dem Titel „Heute“ am Seitenanfang oben links auf der ersten Lokalseite im „Luxemburger Wort“. Am 13. Januar 1971 wird dann aus der bei den Lesern ausgesprochen beliebten und sehr persönlichen Kolumne das „Gazettchen“, das bis heute und über alle Layout-Überarbeitungen hinweg seinen Premium-Platz in Luxemburgs auflagenstärkster Tageszeitung behalten hat.