Als Gouverneurin von South Dakota bot Kristi Noem dem US-Präsidenten anlässlich des Nationalfeiertags 2020 die perfekte Bühne. In der Arena des Nationalparks am Mount Rushmore hielt Donald Trump in der Abenddämmerung eine Rede, unterhalb der vier in den Berg gemeißelten Präsidentenköpfe: George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt. Schon damals kokettierte Trump mit der Idee, dass sein Antlitz dereinst die Präsidentengalerie erweitern könnte.
Vier Jahre später begleitete Noem den Kandidaten Trump oft als Moderatorin auf seiner Wahlkampftour. Dies nährte die Spekulationen, wonach sie zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin avancieren könnte. Trump würdigte die Gouverneurin, eine strikte Abtreibungsgegnerin und Verfechterin des Waffenrechts, als „Kriegerin für amerikanische Werte“. Bis ihre Memoiren „No Going Back“ publik wurden, in denen sie schilderte, wie sie den bissigen und verhaltensauffälligen Familienhund auf ihrer Farm getötet hatte. Zugleich tauchten in Boulevardmedien Gerüchte auf, Noem habe eine Affäre mit Corey Lewandowski, einem Ex-Wahlkampfmanager Trumps. Dies torpedierte ihre Chancen, zur Nummer zwei aufzusteigen.
Nach seiner Wahl bestellte der designierte Präsident die 54-Jährige indes zur Heimatschutzministerin. Im Kampf gegen die illegale Immigration – dem großen Versprechen Trumps – kommt Kristi Noem eine Schlüsselrolle zu. Gemeinsam mit Lewandowski, ihrem De-facto-Stabschef, saß sie jüngst auf ihren Wunsch hin indessen in einer Krisensitzung zwei Stunden im Weißen Haus mit dem Präsidenten und seinen Beratern um Vizestabschef Stephen Miller zusammen.
Noem und Miller waren mit ihrer harschen öffentlichen Verteidigung der Vorfälle rund um die Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis und den Tod Renee Nicole Goods und Alex Prettis zu einer Belastung für Trump geworden. 60 Prozent der US-Amerikaner halten die ICE-Aktionen für überzogen. Die Todesfälle schreckten auch Republikaner auf, ein republikanischer Kandidat für die Gouverneurswahl in Minnesota gab seine Ambitionen auf.
Entgegen dem Ablauf, die Handy-Videos nahelegen, sprachen Noem wie Miller in beiden Fällen von Notwehr, zur Entrüstung eines großen Teils der Öffentlichkeit und der Eltern Goods und Prettis bezeichneten sie die Toten als „inländische Terroristen“. Pretti, ein 37-jähriger Pfleger in der Intensivstation eines Veteranen-Spitals, war zwei Aktivistinnen zur Hilfe gekommen, die ICE-Agenten mit Pfefferspray abgedrängt hatten.
„Ich denke, dass sie sehr gute Arbeit leistet“, sagte Trump nach dem Gespräch mit seiner Ministerin. Im Gegensatz zur Amtszeit Trumps gilt nicht die Devise aus seiner Reality-Show „The Apprentice“: „You are fired!“ Nach einem Jahr hat der Präsident noch kein Mitglied seiner Regierung entlassen. Einzig Mike Waltz, seinen Sicherheitsberater, hat er nach wenigen Monaten auf den Posten des UN-Botschafters in New York weggelobt.
Dennoch hat der Präsident seine Heimatschutzministerin entmachtet. Angesichts der wochenlangen Verschärfung in Minneapolis gab Trump die Parole von einer zumindest teilweisen Deeskalation aus. Er beorderte Gregory Bovino, den umstrittenen Kommandanten der „Operation Metro Surge“ aus Minnesota ab und schickte stattdessen Tom Homan als Krisenmanager in die „Twin Cities“ am Mississippi. Homan, der Grenzschutz-Beauftragte, pflegt eine interne Fehde mit Kristi Noem.
Die Demokraten forcieren inzwischen ein Amtsenthebungsverfahren gegen die forsche Heimatschutzministerin. Im Repräsentantenhaus hat die Opposition mehr als 160 Stimmen gesammelt, im Senat schlossen sich zwei republikanische Trump-Kritiker den Rücktrittsforderungen an. So kritisierte Thom Tillis die Ministerin als „amateurhaft“. Eine Mehrheit im Kongress für ein Impeachment zeichnet sich freilich vorerst nicht ab.
Die Opposition setzt den Präsidenten unter Druck. Sie verweigert im Senat die Zustimmung für die Haushaltspläne Trumps, wo die Regierung auf zumindest sieben Stimmen der Demokraten angewiesen ist. Die Frist läuft am Freitag aus, danach könnte in Washington neuerlich ein Shutdown drohen – die Lahmlegung eines Teils der Regierungsgeschäfte wie zuletzt sechs Wochen im Herbst. Ein Rücktritt Noems oder eine Reduktion der Mittel für die Einwanderungsbehörde, so signalisieren die Demokraten, könnte die Krise zügig beenden.
Die Heimatschutzministerin hat sich im ersten Jahr spektakulär in Szene gesetzt – oft als „Cowgirl“ mit Cowboy-Hut wie auf ihrer Farm im Prärie-Staat South Dakota. Sie begleitete die Grenz- und Einwanderungspolizei zu Einsätzen in New York oder in Texas, sie flog zu einem Lokalaugenschein nach El Salvador in das berüchtigte Gefängnis Tecoluca mit den Abschiebehäftlingen aus den USA. Und sie ordnete die Razzia in der Hyundai-Fabrik in Georgia an, die zu einer Krise mit Südkorea führte.
Kristi Noem zählt zur Entourage, mit der sich Trump in Mar-a-Lago umgibt. Der Präsident lud die Ministerin auch zur Silvesterparty in dessen Privatklub in Palm Beach in Florida ein. Noem teilt auch den „Mar-a-Lago-Look“, der Trumps Schönheitsideal widerspiegelt. Ihre Kurzhaarfrisur wich einer Löwenmähne, kosmetische Operationen und gebleichte Zähne im Stil der First Lady erinnern das Trump-nahe Boulevardblatt „New York Post“ aus dem Hause Murdoch kürzlich an eine „vereiste Barbie“.