Neujahrsvorsätze haben etwas rührend Optimistisches. Kaum ist das letzte Raclette-Pfännchen geleert, glauben wir ernsthaft, dass der Kalenderwechsel genügt, um ein anderer Mensch zu werden. Sportlich, diszipliniert, ausgeglichen, am besten alles gleichzeitig. Liebe Leserinnen und Leser, ich bewundere diesen Mut – ich teile ihn nur leider nicht.

Die Jogginghose wurde zwar häufiger getragen, allerdings nicht zum Sport.

Ich finde Neujahrsvorsätze hauptsächlich eines: albern. Nicht, weil Veränderung schlecht wäre, sondern weil sie sich so schlecht terminieren lässt. Als würde das Leben am 1. Januar kurz innehalten, tief durchatmen und sagen: „So, jetzt aber.“ Tut es aber nicht.

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Natürlich sind die Vorsätze inzwischen kreativer geworden. Statt „dreimal die Woche joggen“ gibt es jetzt Vision Boards, auf denen wir unser zukünftiges Ich ausschneiden und an die Wand pinnen. Daneben hängen ästhetische Fotos von Pflanzen, Latte Art und Menschen, die offensichtlich nie müde sind. Und neuerdings: Jahresbingos. Zwölf Monate, 25 Felder, kleine Ziele zum Abhaken. Das finde ich – und das gestehe ich gern – tatsächlich ziemlich süß. Vielleicht, weil es weniger nach Selbstoptimierung klingt und mehr nach Spiel und Spaß. Nicht ganz so ernst, eben.

Nach einem Monat ist meist klar, was funktioniert – und vor allem, was nicht. Die Jogginghose wurde zwar häufiger getragen, allerdings nicht zum Sport. Das Vision Board staubt bereits leicht ein.

Veränderung hält sich nun einmal nicht an Kalendertage. Also plädiere ich für einen neuen Vorsatz – rebellisch, oder? – weniger streng mit uns selbst zu sein. Dinge zu tun, weil sie uns guttun, nicht weil das Jahr neu ist. Und anzuerkennen, dass ein altes Ich manchmal völlig ausreicht. Der Februar kommt übrigens auch ohne Vorsätze ganz gut klar.

Aus dem Leben der LW-Journalisten

Das „Gazettchen“ ist eine informelle Kolumne, in der die Autoren auf legere Weise von ihren Alltagserlebnissen erzählen oder auch schon mal Einblick in ihre Gedankenwelt gewähren. Das hat eine lange Tradition: Am 3. Dezember 1946 erscheint erstmals ein Meinungsstück mit dem Titel „Heute“ am Seitenanfang oben links auf der ersten Lokalseite im „Luxemburger Wort“. Am 13. Januar 1971 wird dann aus der bei den Lesern ausgesprochen beliebten und sehr persönlichen Kolumne das „Gazettchen“, das bis heute und über alle Layout-Überarbeitungen hinweg seinen Premium-Platz in Luxemburgs auflagenstärkster Tageszeitung behalten hat.