Nach Angaben der Vereinten Nationen herrscht im Sudan derzeit die größte humanitäre Krise der Welt. Mehr als 30 Millionen Menschen sind auf Hilfslieferungen angewiesen, mehr als 600.000 sind akut vom Hungertod bedroht. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass bislang mindestens 150.000 Menschen in dem Krieg getötet wurden. Warum am 15. April 2023 die verheerenden Kämpfe zwischen den Truppen der Sudanesischen Streitkräfte (SAF) und den Paramilitärs der Rapid Support Forces (RSF) ausbrachen, lässt sich im Nebel des Krieges nicht rekonstruieren. Vieles spricht dafür, dass die RSF unter Muhammad Hamdan Dagalo »Hemedti« einen Staatsstreich geplant hatten.

 

In den Monaten zuvor war der Machtkampf zwischen Hemesti und Armeechef Abdul-Fattah Al-Burhan eskaliert. Dabei ging es insbesondere um die Integration der RSF in die SAF Strukturen. Bis dahin waren beide Streitkräfte verbündet und hatten im Oktober 2021 gemeinsam gegen die zivile Übergangsregierung geputscht. Burhans Unterstützer im Sudan rechtfertigen dies oft mit dem Argument, dass die RSF ausländische Invasoren seien. Hemedtis Familie stammt aus dem benachbarten Tschad, viele seiner Kämpfer kommen ebenfalls von dort oder aus noch weiter entfernten Ländern wie Niger und Mali.

 

Außerdem sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) der Hauptunterstützer der RSF und nutzen Tschad als logistische Drehscheibe. Tatsächlich betreibt VAE-Präsident Muhammad Bin Zayid (MBZ) auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents eine aggressive Expansionspolitik, etwa in Libyen durch ein Bündnis mit dem Haftar-Clan, der ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung der RSF spielt.

 

Bereits in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre setzte die demokratisch gewählte Regierung von Sadik Al-Mahdi auf die Bewaffnung von »arabischen« Murahalin-Milizen in Darfur

 

Diese Sicht verstellt jedoch den Blick darauf, dass die Miliz ein sudanesisches Phänomen ist. Bereits in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre setzte die demokratisch gewählte Regierung von Sadik Al-Mahdi auf die Bewaffnung von »arabischen« Murahalin-Milizen in Darfur, um die südsudanesischen Rebellen zu bekämpfen, die sich ihrerseits von den SAF abgespalten hatten. Nach dem Putsch 1989 gegen Al-Mahdi gründete das islamistische Regime von De-facto-Machthaber Hassan Al-Turabi die paramilitärischen »Popular Defence Forces« (PDF) für den »Heiligen Krieg« im Süden und in den Nuba-Bergen. Das Kalkül: den Einfluss der SAF zurückdrängen.

 

Ende 2003 erreichte das Söldnertum eine neue Dimension, als auch in der Westregion Darfur eine Rebellion ausbrach. Hintergrund waren Verteilungskonflikte zwischen Nomaden und Kleinbauern, die sich seit den Dürrekatastrophen der 1970er- und 1980er-Jahre – ausgelöst auch durch den globalen Klimawandel – stetig verschärft hatten. Hinzu kam, dass die verschiedenen Regierungen in Khartum angesichts der hohen Schuldenlast des Landes verstärkt auf den Export von Vieh aus Darfur in die reichen Golfstaaten gesetzt hatten.

 

Um die damals losbrechende Revolte niederzuschlagen, rekrutierte Diktator Omar Al-Baschir Freischärler, die sich als Araber bezeichneten und einen genozidalen Feldzug gegen nicht arabische Gruppen entfachten. Bekannt und berüchtigt wurden sie unter dem Namen Dschandschawid, der laut Darfur-Experten wie Alex de Waal und Jérôme Tubiana als »Reiter mit G3-Gewehren« zu übersetzen ist. Der Name bezieht sich auf die Tatsache, dass das sudanesische Militär während des Kalten Krieges viele Sturmgewehre von Heckler & Koch aus der Bundesrepublik erhielt.

 

Als Belohnung formalisierte Baschir 2013 den Status von Hemedtis Miliz, die fortan als RSF firmierte und ab 2016 als eine Art Prätorianergarde direkt dem Präsidenten unterstellt war

 

Dschandschawid-Anführer Musa Hilal überwarf sich allerdings schon nach wenigen Jahren mit Baschir und wurde politisch kaltgestellt. Dafür stieg Hemedti in den frühen 2010er-Jahren zum neuen starken Mann auf. Von seinen Gegnern als Analphabet und Kamelhändler verspottet, erwies er sich als fähiger Feldherr und gewiefter Geschäftsmann. Zunächst schlug er die Darfur-Rebellen mit ihren eigenen Waffen. Statt auf Pferde oder Kamele setzten seine Verbände, die von manchen Beobachtern als Neo-Dschandschawid bezeichnet wurden, auf robuste Toyota-Pick-ups mit schweren Maschinengewehren. Anders als die schwerfällige Armee konnten Hemedtis Kämpfer schnell zuschlagen und einen Großteil der Aufständischen ausschalten.

 

Als Belohnung formalisierte Baschir 2013 den Status von Hemedtis Miliz, die fortan als RSF firmierte und ab 2016 als eine Art Prätorianergarde direkt dem Präsidenten unterstellt war. Zugleich avancierten die Paramilitärs im Rahmen des Khartum-Prozesses, mit dem die EU die Flüchtlingsbewegungen in der Region eindämmen wollte, faktisch zu den Türstehern Europas.

 

Doch Baschir wurde die Geister, die er rief, nicht mehr los: Im Jahr 2019 wurde er durch Hemedti gestürzt. Der war mittlerweile zum reichsten und mächtigsten Mann des Landes aufgestiegen, indem er seine Söldner der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition im Jemenkrieg als Bodentruppen zur Verfügung stellte. Mit den Petrodollars brachte er zugleich die Goldminen in Darfur unter seine Kontrolle. Das Edelmetall verkaufte er nach Dubai, das eine regionale Monopolstellung in diesem Bereich hat, und baute ein verschachteltes Geschäftsimperium auf.

 

»Für die Elite der Emirate, die in glänzenden Hochhäusern und Luxusvillen lebt, repräsentieren die RSF ein idealisiertes Bild ihrer eigenen Vergangenheit«

 

Warum die VAE trotz drohenden Reputationsverlustes in einer Art Nibelungentreue zu Hemedti stehen, ist die entscheidende Frage mit Blick auf den weiteren Kriegsverlauf. Die ideologische Gegnerschaft zu den Islamisten taugt kaum als Motiv, denn diese hielt die Emiratis keineswegs von engen Beziehungen zu Baschir und den sudanesischen Muslimbrüdern ab. Zweifelsohne verfolgen MBZ und sein Bruder Mansur Bin Zayed Al Nahyan, der vor allem als Eigentümer des Fußballvereins Manchester City bekannt ist, mit der Unterstützung für Hemedti und seine RSF auch geostrategische Interessen – etwa mit Blick auf Zugänge zu Häfen am Roten Meer, Absatzmärkte und die eigene Agrarversorgung. Offenbar schätzen die Emiratis Hemedtis Sinn für das Transaktionale, ganz im Trumpʼschen Sinn von »The Art of the Deal«.

 

Doch angesichts der katastrophalen Ergebnisse dieser Politik greifen solche rationalen Erklärungsmuster offensichtlich zu kurz. Auch wenn der Versuch, die persönlichen Motive der Beteiligten zu verstehen, stets heikel ist, kommt man bei der Analyse der emiratischen Kriegstreiberei kaum um einen solchen Ansatz herum. Naheliegend ist etwa die Vermutung, dass es sich um die Hybris eines Parvenüs handelt. Besonders bitter ist dabei die Ironie der Geschichte, dass gut ausgebildete Sudanesen seit den 1970er-Jahren einen entscheidenden Anteil am Aufbau der VAE hatten.

 

Auch dass toxische Männlichkeit eine Rolle spielt, scheint nicht abwegig. Ein sudanesischer Intellektueller äußerte den Verdacht, es könne sich um einen Minderwertigkeitskomplex handeln, da der Sudan im Gegensatz zu den VAE auf eine jahrtausendealte Geschichte der Hochkulturen zurückblickt. Ein anderer wiederum formulierte jüngst folgende These, die ähnlich plausibel erscheint: »Die Kultur der RSF dreht sich um Krieg, Kamelhirtentraditionen und eine Rassenideologie, die in der Geschichte der Sklaverei in der Region verwurzelt ist. Für die Elite der Emirate, die in glänzenden Hochhäusern und Luxusvillen lebt, weit entfernt von ihrem Wüstenerbe, repräsentieren die RSF ein idealisiertes Bild ihrer eigenen Vergangenheit.«

Roman Deckert arbeitet und forscht seit 1997 zum Sudan. Er ist Senior Researcher bei der Berliner NGO Media in Cooperation and Transition (MiCT) und lebt in Genf.