Außenministerin Beate Meinl-Reisinger weilt am Montag in Addis Abeba. Bereits am Sonntag wurde von der österreichischen Botschaft im kleinen „Yimtubezina Museum“ eine Ausstellung eröffnet, die daran erinnert, dass bis vor gar nicht allzu langer Zeit eine frühere österreichische „Herrscherin“ in Äthiopien sehr präsent war, ohne freilich selbst leibhaftig jemals dort gewesen zu sein. Bis in die 1950er war in der Region nämlich der „Maria-Theresien-Taler“ eine gängige Währung.
Der Maria-Theresien-Taler wurde erstmals 1741 geprägt und trug über die Jahre neben Doppeladler, Kaiserkrone und Wappen und dem Wahlspruch „Justitia et Clementia“ („Gerechtigkeit und Milde“) auch verschiedene Bildnisse der namensgebenden Habsburger-Monarchin Maria Theresia (1717-1780). Sie wird gemeinhin als Kaiserin tituliert, formell war sie damals aber Erzherzogin von Österreich sowie Königin von Ungarn, Kroatien und Böhmen.
In Äthiopien mutierte der Maria-Theresien-Taler ab dem späten 18. Jahrhundert zur faktischen Landeswährung. Er war dort angeblich so beliebt, dass die Menschen anderen Währungen lange Zeit misstrauten. Da die Menschen in der Region nur Münzen mit dem vertrauten Abbild akzeptierten, wurden die Taler über Jahrhunderte hinweg fast unverändert mit der Jahreszahl 1780 (ihrem Sterbejahr) nachgeprägt. Sogar Kolonialmächte wie Italien oder Großbritannien produzierten die Münze, um in Äthiopien Handel treiben zu können.
Ab 1780 zeigte die Zwei-Gulden-Silbermünze ein Altersbildnis der gewichtigen Herrscherin mit Witwenhaube und leichtem Doppelkinn. Wegen dieser üppigen barocken Formen bekam die Münze von den Briten auch einen nicht gerade schmeichelhaften Spitznamen verpasst: „Fat Lady“.
Doch waren die österreichischen Silbertaler bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Hauptwährung in Äthiopien. Als die Truppen von Diktator Benito Mussolini in den 1930er Jahren in Äthiopien einmarschierten, um das afrikanische Land für das faschistische Italien zu unterjochen, hatten sie laut Berichten im Marschgepäck kofferweise solche Taler eingepackt, mit deren Hilfe die Unterwerfung der Äthiopier und die Konsolidierung der Macht gelingen sollte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verbot der äthiopische Kaiser Haile Selassie, der von 1930 bis 1974 regierte, den Handel mit dem „Maria-Theresien-Taler“. Zeitzeugen zufolge wurde damit aber bis in die 1950er Jahre gezahlt. Dann setzte sich die an sich schon 1894 eingeführte äthiopische Währung Birr durch. Wobei „Birr“ wohl nicht zufällig „Silber“ bedeutet …
Viele Taler wurden aber schon ab Juli 1945 eingeschmolzen. Als Schmuckstück hängt der „Maria-Theresien-Taler“ in Äthiopien aber auch heute noch an so mancher Halskette. Er gilt auch als Glücksbringer, vermutlich weil der Name „Maria“ gemeinhin eher mit der christlichen Gottesmutter assoziiert wird.
Das war am Sonntagnachmittag auch im kleinen „Yimtubezina Museum and Cultural Center“ offensichtlich, das dem Taler aktuell eine Ausstellung widmet. Die Münze sei nach wie vor populär erzählte einer der Kuratoren, aktuell werden sie um rund 30.000 Birr oder 180 Euro gehandelt.
Allerdings sei nur noch wenigen Menschen, der Bezug zu Österreich und der Habsburger-Monarchie geläufig. Insgesamt seien aber im Lauf der Geschichte rund 400 Millionen Stück im Umlauf gewesen. Mitunter wurden sie auch zweckentfremdet. In einem Schaukasten blickt Maria Theresia aus einem Aschenbecher hervor. Die österreichische Botschaft schrieb auch einen Literaturwettbewerb aus. Die besten vier Texte über persönliche Assoziationen zum Taler wurden am Samstag gewürdigt.
Das bei Sammlerinnen und Sammlern immer noch beliebte Geldstück gilt jedenfalls als der vielleicht langlebigste Vertreter seiner Spezies überhaupt. Von der „Münze Österreich“ wird der „Maria-Theresien-Taler“ bis heute geprägt.
Meinl-Reisinger hätte an sich bereits am Sonntag nach Äthiopien reisen sollen. Sie flog aber aus der Türkei, wo sie am Freitag und Samstag im Rahmen des „Antalya Diplomacy Forum“ mit mehreren Außenministern aus Asien, Nahost und Afrika konferiert und auch UNO-Flüchtlingskommissar Barham Salih getroffen hatte, kurz nach Wien zurück. Grund waren die laufenden Budgetverhandlungen, wie es aus der bereits nach Äthiopien angereisten Delegation hieß.
Meinl-Reisinger wird in Folge in der Nacht auf Montag nach Addis Abeba nachkommen. In der äthiopischen Hauptstadt nimmt sie am „EU-Ethiopia Business Forum“ teil, wo sie auch den EU-Kommissar für internationale Partnerschaften, Jozef Sikela, treffen wird. Zudem ist unter anderem ein Gespräch mit ihrem Amtskollegen Gedion Timothewos geplant. Im Mittelpunkt stehen die bilaterale Kooperation in den Bereichen Wirtschaft, Sicherheit, Migration und Entwicklungszusammenarbeit, aber auch regionale und globale Themen wie die Auswirkungen aktueller Krisen auf die Ernährungssicherheit.