26. Januar 2026
Christoph Jehle

Während Europa Afrika noch immer als Krisenregion wahrnimmt, boomt dort die Autoproduktion – und setzt direkt auf E-Mobilität.
Als klassisches Bild von Afrika haben viele Europäer das Bild des hungernden Kindes in Biafra im Kopf, einfache Lehmhütten in der Savanne und die kirchlichen Kollekten zur Weihnachtszeit. Und in der Folge wird Afrika oft unterschätzt, da Klischees über Armut, Krieg und Hunger hierzulande bislang vorherrschen.
Weiterlesen nach der Anzeige
Die Realität ist hingegen geprägt von einer wachsenden, technologieaffinen Mittelschicht, enormen wirtschaftlichen Potenzialen von der Digitalisierung bis zu den Erneuerbaren Energien, riesigen Rohstoffreserven mit Cobalt, Platin und Gold sowie nicht zuletzt einer jungen, dynamischen Bevölkerung.
Alte Bilder prägen das Bild Afrikas in Europa
Statt dass man den jungen Kontinent als Partner gewinnt, stützt man sich auf überkommene Wahrnehmungen, die durch die verzerrten Karten der Mercator-Projektion und eine einseitige Medienberichterstattung über Hunger und Krankheit geprägt wurde und die Komplexität und Vielfalt des 54-Länder-Kontinents vollständig ignoriert.
Während in den alten Industriestaaten aufgrund des demografischen Wandels die Fachkräfte in Rente gehen und sich die verbleibenden auf ihre work-life-balance konzentrieren und an den Aufrufen ihrer Politiker verzweifeln, die da fordern mehr und länger zu arbeiten, übersieht man die junge, bildungshungrige Bevölkerung Afrikas, ja man lokalisiert in dem Bevölkerungswachstum eine zunehmende Gefahr, weil man befürchtet, dass eine große Zahl übers Mittelmeer in das alternde Europa übersetzen wolle.
In Afrika lebt heute eine extrem junge Bevölkerung mit 60 Prozent unter 25 Jahren, die ein enormes Potenzial für Fachkräfte bietet. Zudem gibt es aufgrund fehlender Festnetzinfrastruktur eine hohe Smartphone-Durchdringung und florierende mobile Zahlungsdienste.
Und Afrika liegt geografisch und geopolitisch zentral zwischen Asien, Europa und den USA. Während nur wenige Pionierunternehmen aus Europa diese Chancen bislang für sich entdeckt haben, fördert der chinesische Staat das Engagement seiner Unternehmen in Afrika, nicht zuletzt zum Ausgleich der schrumpfenden Bevölkerungszahlen im Heimatmarkt.
Weiterlesen nach der Anzeige
Volkswagen baut und vermietet den Elektrotraktor MK1 in Ruanda
Der deutsche Autohersteller ist schon seit den 1950er Jahren in Südafrika mit einem Montagewerk präsent. Am 31. August 1951 wurde bei der South Africa Motor Assemblers and Distributors (SAMAD), die im Jahr 1966 in Volkswagen of South Africa Limited umbenannt wurde, in Uitenhage der erste Käfer montiert.
Und in Ruanda hat die Marke Volkswagen gemeinsam mit Siemens ein Pilotprojekt gestartet, das die Umsetzbarkeit von Elektromobilität in dem ostafrikanischen Land erproben sollte.
Die Elektrofahrzeuge sind Teil der Flotte von Volkswagen Mobility Solutions Rwanda. Die Volkswagentochter bietet Mobilitätsdienste wie Ride Hailing und Carsharing für Firmen an. Bis Ende 2019 sollte die Flotte auf 200 Fahrzeuge angewachsen sein und die Modelle Polo, Amarok, Teramont und Passat enthalten. Alle Fahrzeuge der Flotte werden in der lokalen Volkswagen-Fertigung in Kigali montiert.
In Ruanda wird auch der erste elektrische Traktor von VW gebaut, der den Namen MK1 trägt. Nach den Erfahrungen mit den Carsharing-Angeboten im Pkw-Bereich wird auch der Traktor in einem vergleichbaren System zusammen mit einem ausgebildeten Fahrer angeboten.
Volkswagen scheint wie in China auch in Afrika eine Pionierfunktion im Autobau übernommen zu haben, sieht sich jetzt aber einer wachsenden Konkurrenz ausgesetzt.
Volkswagen ist nicht mehr der einzige Autobauer in Afrika
In Deutschland weitgehend unbeachtet, drängen jetzt weitere Automobilhersteller auf die Märkte in Afrika. Im letzten Jahrzehnt hat die Automobilproduktion auf dem afrikanischen Kontinent ein signifikantes Wachstum erlebt.
Zu den führenden afrikanischen Automobilherstellern gehören heute Innoson Vehicle Manufacturing in Nigeria, Kantanka Automobile in Ghana, Kiira Motors Corporation in Uganda sowie die Toyota-Tochter in Südafrika. Mobius Motors in Kenia war im ersten Anlauf gescheitert, wurde jedoch Anfang 2025 von Silverbox übernommen, welche die Produktion wieder aufgenommen hat.
Zum einen hat das rasante Bevölkerungswachstum, insbesondere in städtischen Gebieten, zu einer erhöhten Nachfrage nach Fahrzeugen geführt. Auch der Aufstieg der Mittelschicht hat dazu beigetragen, da immer mehr Menschen aus Komfort- und Bequemlichkeitsgründen auf private Transportmittel setzen. Diese veränderte Verbrauchernachfrage hat afrikanischen Autoherstellern die Chance eröffnet, den Bedarf an lokal produzierten Fahrzeugen zu decken.
Ferner hat das Wirtschaftswachstum in ganz Afrika zu einem höheren verfügbaren Einkommen in einzelnen Bevölkerungsgruppen geführt, was die Nachfrage nach Autos weiter ankurbelte. In Ländern wie Nigeria, Südafrika und Kenia sind die Autoverkäufe stetig gestiegen, wobei Fahrzeuge, die lokal entwickelt und hergestellt werden, zunehmend bevorzugt werden.
Dieser Wandel ist nicht nur auf Bequemlichkeit zurückzuführen, sondern auch auf Nationalstolz, da die Verbraucher den Wert der Unterstützung heimischer Industrien erkennen.
Neben der jungen Bevölkerung haben die Länder Afrikas noch weitere Vorteile durch ihre Rohstoffvorkommen an Kupfer, Lithium und Kobalt, die für die Automobilproduktion immer wichtiger werden und nun in Afrika zu Fertigprodukten veredelt werden, was in der Vergangenheit vielfach im Rahmen der Entwicklunghilfeabkommen behindert wurde.
Diese Ressourcen, kombiniert mit der strategischen Lage des Kontinents, bieten afrikanischen Herstellern eine vorteilhafte Ausgangsposition, um sowohl die lokale als auch die internationale Nachfrage zu befriedigen.
Somit ist Afrika auf dem besten Weg, ein bedeutender Akteur in der globalen Automobilindustrie zu werden und dabei zügig auf die Elektromobilität zu setzen.