Trekking zu den Berggorillas im Vulkan-Nationalpark in Ruanda: Im Virunga-Massiv leben an die tausend Tiere.

Die Anspannung und Aufregung sind zum Greifen nah. Rund um den Kaffeekiosk beim Kinigi-Hauptquartier des Vulkan-Nationalparks herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus allen Weltregionen macht sich zu einer der außergewöhnlichsten Begegnungen bereit, die das afrikanische Wildlife zu bieten hat: Gorilla-Trekking am Rande der Vulkane des grenzübergreifenden Virunga-Massivs.

Frühmorgens werden die Glücklichen, die einen Termin mit einer der rund 20 Gorillafamilien vorgebucht und bezahlt haben, in kleine Gruppen aufgeteilt. Die Ranger wissen genau, wo sich die meisten Familien gerade befinden. Sogenannte Tracker oder Spurensucher folgen den Gorillas auf ihren Wanderungen zur Nahrungssuche. Erst wenn diese ihre Schlafstätten aufgesucht haben, endet der Arbeitstag für die Tracker – bei jedem Wetter. Was im Regenwald wenig überraschend zumeist Regen bedeutet.

Gorillas übernachten in Nestern, die sie jeden Abend neu anlegen. Diese selbstgewählte Hygienemaßnahme erleichtert die Arbeit der Tracker ungemein. Der Forschung gibt sie einen genauen Bestandsüberblick. Das Zählen der Bodennester gehört zu ihrer Tagesroutine. So weiß man, dass die Unterart der Berggorillas wächst und wieder über 1000 Köpfe zählt. Wobei das keine Entwarnung für ihr drohendes Aussterben bedeutet.

Gorillas sind äußerst anfällig für die Übertragung von menschlichen Krankheiten durch umgekehrte Zoonosen. Von anderen Einflüssen wie bewaffneten Konflikten, Wildtierhandel und Wilderei ganz zu schweigen.

Nachbau der Dian-Fossey-Hütte im Forschungscampus.

Nachbau der Dian-Fossey-Hütte im Forschungscampus. Werner Zips

Aber daran denkt gerade niemand aus unserer Gruppe aus Simbabwe, Südafrika, Israel, England, Singapur und Österreich. Maximal acht Personen dürfen jeweils zu einer Gorillafamilie. Sie werden von professionellen Guides und Trägern begleitet. Was manchen aus der Entfernung wie ein Erbe aus der Kolonialzeit erscheinen mag, ist hier die wichtigste Strategie des lokalen wirtschaftlichen Empowerments.

Trägerinnen und Träger erhalten einen Mindestlohn für den Gorillaausflug von zehn US-Dollar für die durchschnittlich zweistündige Wanderung. Das ist rund das Fünffache dessen, was sich an einem zwölfstündigen Arbeitstag als Pflücker in den Teeplantagen der Region verdienen lässt. Wobei kaum ein Reisender den Geiz aufbringt, nur den Mindestlohn zu bezahlen. Zumindest das Doppelte gilt als angemessene Entlohnung. In der allgemeinen Euphorie über das „lifechanging meeting“ mit den letzten Berggorillas ist auch das Zehnfache keine Seltenheit. Wer 1500 US-Dollar Trekkinggebühr für die einstündige Zusammenkunft mit den sanften Menschenaffen ausgeben kann, findet oftmals auch noch das Trinkgeld, das eine lokale Familie glücklich macht.

Für die Gorillas ist das wie eine Lebensversicherungspolizze. Rund 400 bis 450 Berggorillas auf ruandischer Seite ernähren hier Zehntausende Menschen. Symbolisch drückt das die riesige hölzerne Statue einer Gorillafamilie beim Vulkan-Nationalparkhauptquartier aus. Das Monument in King-Kong-Dimension ist Ruandas berühmtestes Selfiemotiv.

Theoneste, einer der beiden Gorillaguides für unsere Gruppe, macht das Briefing für die allgemeinen Verhaltensregeln mit Gorillas und Notfallmaßnahmen und erzählt die Geschichte der für uns ausgewählten Agashya-Gruppe, die auch Gruppe 13 genannt wird. Warum ich ausgerechnet zu dieser wollte, war ihre Erfolgsgeschichte unter dem Silberrücken Agashya. Ihm gelang es, die Mitgliederzahl von 13 auf heute über 30 zu erhöhen. Daher der Name, der in der Landessprache Kinyarwanda „The Special One“ bedeutet.

Sie bewohnt die steilen dicht bewaldeten Hänge des erloschenen ­Sabyinyo-Vulkans, der eigentlich im Nachbarland Demokratische Republik Kongo liegt, dessen östliche Ausläufer aber bis nach Ruanda reichen. Als Einziger der Gruppe habe ich mein Schicksal für diesen Tag selbst gewählt. Alle anderen wurden der Agashya-Gruppe zugeteilt, weil sie die Verantwortlichen aufgrund ihres Alters und ihrer Konstitution für geeignet hielten, den weiteren Aufstieg zu dieser Gruppe zu bewältigen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt keiner in der Gruppe, was uns erwarten sollte.

Nach halbstündiger Fahrt über Stock und Stein – eine Zumutung selbst für meinen 4×4-Mietwagen – erreichen wir das Ende der menschlichen Siedlungen. Sie reichen mittlerweile nicht mehr nur bis zum Fuß der Vulkane, sondern deren Hänge hinauf. Im Lauf der letzten Jahrzehnte hat die stark wachsende Bevölkerung Ruandas den Regenwäldern und damit dem Gorillahabitat immer mehr Raum für Landwirtschaft abgetrotzt. Wobei große Teile des Waldes als Brennholz zum Kochen in Flammen aufgingen.

Am Startpunkt warten schon rund zehn Frauen und Männer, die sich als Hilfskräfte beim Aufstieg anbieten. Im steilen Gelände kann der Rucksack mit Wasser, Proviant, Regenkleidung und vor allem Kameras schon zur Last werden. Die Trägerinnen und Träger dienen aber auch zur persönlichen Hilfe im ungewohnten Terrain des Regenwalds. Schon nach rund einem Kilometer Aufstieg auf den Vulkan zeichnet sich ab, dass das kein „Walk in the Park“ wird.

Bis jetzt keine Spur von den Gorillas, dafür aber von immer dichteren und finsteren Regenwolken über dem Sabyinyo. Nach zwei Kilometern kommt das erste Mal der „traditional helicopter“ zum Einsatz. Eine Teilnehmerin bekommt keine Luft mehr. Auf über 2500 Metern wird diese immer dünner – Tendenz steigend. Für diesen ziemlich häufigen Fall kommt eine Bambustrage mit bequemer Matratzenauflage zum Einsatz. Wer es nicht aus eigener Kraft schafft, wird zum ersehnten Rendezvous getragen.

Die Gorilla-Trackers sind immer unterwegs.

Die Gorilla-Trackers sind immer unterwegs.  Werner Zips

„Ich hoffe“, beunruhigt uns Theoneste, „unsere Gorillas haben nicht vor, in den Vulkankrater abzusteigen. Sonst wird es ungemütlich.“ Das Stichwort für die Regenwolken. Nach zuerst nur ein paar Tropfen öffnet der Himmel rasch seine Schleusen. Dann geht es schnell. Die Gorillas haben sich offenbar entschieden, zu uns zu kommen, wenn wir es nicht bis zu ihnen schaffen. Gesichtsmasken werden eilig verteilt. Sie sollen die Tiere vor Atemwegserkrankungen wie Schnupfen, Grippe oder Corona schützen. Bei nur mehr 1000 Überlebenden, von denen rund die Hälfte im Virunga-Massiv lebt, kann die Übertragung einer für Gorillas gefährlichen Krankheit, gegen die sie wenig oder keine Immunität besitzen, verheerende Folgen haben. Daher gehört es zum ökologischen Ehrenkodex, beim Anzeichen einer Krankheit auf die Wanderung zu ver­zichten.

Von Natur aus würden Gorillas jeden Kontakt mit Menschen meiden. Habituierung heißt das Zauberwort, das Gorilla-Trekking erst ermöglicht; es meint die langsame Gewöhnung der Primaten an den Menschen. Nur dann nehmen sie die täglichen Besuche als eine Art Treffen mit (entfernten) Verwandten wahr.

Plötzlich liegt er vor mir – der dominante Silberrücken der Agashya-Gruppe. Der Anblick, auf den alle ­Gorillareisenden hoffen. Zum Leidwesen des Fotografen in mir zeigt er mir nur seinen namensgebenden Silberrücken. Wie im Zoo kehren uns manche Tiere den Rücken, weil sie nicht in die automatischen Blitzlichter der Kameras schauen wollen. Sein halbwüchsiger Sohn sieht das anders und stürmt auf mich zu. Mindestens fünf Meter Abstand sollen Menschen zu den artverwandten Affen halten. Aber das ungeschriebene Gesetz gilt klarerweise nicht für Gorillas. Für das Foto ist es wieder nicht sehr hilfreich, dass er fast in die Kamera hineinläuft und mich dabei an den Beinen berührt. Aber wichtiger ist, dass sich dieser Augenblick auf der Hirnrinde und im übertragenen Sinn im Herzen verewigt.

Gorilla’s Nest: Die Exklusivität von 21 Bungalows im Regenwald. 

Gorilla’s Nest: Die Exklusivität von 21 Bungalows im Regenwald.  Werner Zips

Die nächsten drei Stunden halten noch eine wichtige Einsicht parat, nämlich, wie schwach wir in natürlicher Umgebung in Relation zu anderen Arten sind. Der Silberrücken bringt seine Großfamilie rasend schnell vor dem Gewitter in Sicherheit. Während wir noch die nassen Kameras in Rucksäcken verstauen und den Trägern unter ihren Ponchos zur Obsorge übergeben, sind die Agashyas schon am Boden des Vulkankegels angelangt und suchen Schutz vor der Entladung des Blitz­infernos genau über uns. Donner und Blitz im selben Moment, ein augenblicklicher Temperatursturz und ein durch den Regen aufgeweichter Schlammboden machen den Abstieg zu einem echten Abenteuer.

Theoneste winkt mich zu sich. Er deutet begeistert auf das Gorillababy, das sich in diesem Moment auf den Rücken seiner Mama schwingt. Der berühmte magische Moment einer Gorillabegegnung, wenn emotional jedem klar wird, wie nahe Menschen mit Tieren verwandt sind. Und wie sehr wir eine Schicksalsgemeinschaft auf diesem Planeten bilden, deren Richtung wir so leichtfertig wie bestimmend vorgeben.

Am Abend werden Teilnehmerinnen aus anderen Gruppen ihre erstklassigen Gorillafotos herzeigen. Sie haben auf eigenen Wunsch eine der „leichten Gruppen“ ohne lange Wanderungen besucht. Das dramatische Vulkangewitter haben sie aus wohliger Entfernung mitbekommen. Beneidenswert einerseits. Andererseits werde ich keinen Augenblick meines Treffens mit den Agashyas – in der Tat „The Special Ones“ – jemals vergessen.

Umso mehr macht es sich bezahlt, eine komfortable Unterkunft gebucht zu haben. In der Umgebung des Vulkan-Nationalparks gibt es ­Hotels, Guest Houses und Lodges für jeden Geschmack und jedes Budget (auch Campen ist möglich). Wer sich besonders verwöhnen will, übernachtet im Gorilla’s Nest. Nein, das ist kein Schlafplatz im Regenwald neben den Menschenaffen. Sondern eine der schönsten Hotelanlagen der Welt. Inspiriert von den einzelnen Schlafplätzen der Berggorillas verteilen sich die 21 Bungalows auf eine Fläche von 3,5 km². Für das Blumenmeer und die beeindruckende Landschaftsarchitektur braucht es über 30 Gärtner. Es ist nicht nur ein Spielplatz für Reiche und Superreiche, sondern auch für Normalsterbliche, die einen Magic Moment zelebrieren wollen. Unter den Gästen findet sich ein junges Paar auf Hochzeitsreise. So wird nicht nur die Begegnung mit Silberrücken und Gorillababys zum unvergesslichen Erlebnis – „once in a lifetime …“

Gorillas im Regenwald von Ruanda

Nationalpark: Der rund 130 km² große Vulkan-Nationalpark liegt im Nordwesten Ruandas. Er ist von der Hauptstadt, Kigali, aus in weniger als drei Stunden erreichbar. Selbstfahrer können dafür einen Geländewagen in Kigali mieten oder sich auf einer geführten Tour hinbringen lassen. Es gibt mehrere lokale Veranstalter, die allerdings nicht immer verlässlich sind. Tipp: Eco-consciouslife experience (www.eco-consciouslife.com) von Clarisse Umugwaneza, die auch hervorragende Reiseleiterin in Kigali und für andere Attraktionen Ruandas ist. Hoteltipp: Gorilla’s Nest der One & Only Group. www.oneandonlyresorts.com/gorillas-nest

Wandern: Neben dem Gorilla-Trekking bieten sich noch viele andere Wanderungen an, bei denen mit einigem Glück auch vom Aussterben bedrohte Waldelefanten und über 200 Vogelarten zu sehen sind.

Must-see: Als notwendige Einstimmung zu jedem Gorilla-Trekking: Der Dian-Fossey-Forschungscampus mit interaktivem Museum. Er würdigt zum einen das Leben jener Forscherin, die sich für das Überleben der Berggorillas einsetzte und dafür mit dem eigenen Leben bezahlte. Zum anderen werden hier lokale Naturschützerinnen herangezogen und die lokalen Gemeinschaften beim Artenschutz gefördert. gorillafund.org

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