
In der Sahelzone werden dem Karitébaum magische Fähigkeiten nachgesagt. Eine Frauengenossenschaft hofft, dass er auch ein Mittel gegen gewalttätigen Extremismus sein kann.
Simon Roth
Der Terror aus der Sahelzone destabilisiert Westafrika. Bewaffnete Gruppen mit Verbindungen zu Al-Kaida und dem Islamischen Staat nutzen die grassierende Armut zur Rekrutierung neuer Kämpfer. Im Norden Benins setzen Frauengenossenschaften auf einen traditionellen Baum und schaffen wirtschaftliche Perspektiven. Eine Reportage über die Initiative mit Unterstützung aus der Schweiz.
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29. März 2026 – 11:00
Der Baum überragt die Frauen um mehrere Meter. In der Mittagshitze spendet er der Gruppe Schatten, in düsteren Momenten Hoffnung. Die Frauen nennen ihn «arbre réparateur» – Heilbaum. Die Blätter finden in der traditionellen Medizin Verwendung. In der Sahelzone werden dem Karitébaum deshalb magische Fähigkeiten nachgesagt. Kaum ein Gewächs ist so vielseitig.

Setzling eines Karitébaums.
Simon Roth
Aus den Kernen der Früchte des Karitébaums stellen sie die im In- und Ausland beliebte Sheabutter her, die als Speisefett oder zur Hautpflege verwendet wird.
Das Fett aus seinen Früchten hilft, hungrige Bäuche zu sättigen, und pflegt rissige Hände. 3600 Frauen im Norden Benins wollen damit auch helfen, die Risse in der Gesellschaft zu heilen.
Früher seien sie in den frühen Morgenstunden für die Ernte aufs Feld gegangen, sagt eine der Frauen, um in der Morgenfrische die schweisstreibende Arbeit zu verrichten. Nun warten sie bis zum Tagesanbruch. Wegen Berichten von Unbekannten, die durch die Felder streifen.
Im Norden Benins fasst der militante Dschihad Fuss. Hier etwas ausserhalb von Banikoara bestimmt die Angst den Alltag immer stärker.
Die Menschen fürchten sich davor, aus ihren Dörfern vertrieben zu werden. Anders als im wirtschaftlichen und politischen Zentrum im Süden des Landes ist die staatliche Kontrolle schwach.
Im vergangenen Jahr verübten Extremisten mehrere schwere Angriffe an der Grenze zu Burkina Faso und Niger. Es war das tödlichste Jahr im Kampf gegen die Terrorgruppen in Benin. An einem einzigen Tag kamen 87 Menschen ums Leben bei einem koordinierten Angriff auf Militärstützpunkte.
Vernetzung verhilft Frauen zu mehr Unabhängigkeit
Die Genossenschaft «Association des Femmes Vaillantes et Actives» (AFVA) will hingegen Perspektiven schaffen. Die «Organisation mutiger und aktiver Frauen» existiert seit 2007 und setzt sich für Bedürfnisse der Frauen ein. Ihre obersten Ziele sind die Vernetzung, sowie Aus- und Weiterbildung.
Seit Anfang 2021 arbeitet die Genossenschaft mit der Entwicklungsorganisation «Brücke Le Pont» aus der Schweiz zusammen. Beim gemeinsamen Projekt geht es um die Stärkung der Frauen im Karité-Sektor. In vier Gemeinden im Norden Benins sind 3600 Frauen beteiligt. Sie sind in 120 Genossenschaften mit je 30 Mitgliedern organisiert.

Die Genossenschafen im Karitéanbau und der Verarbeitung brauchen Geräte für die Produktion und den Zugang zu Krediten.
Simon Roth
Über lokale Mitarbeitende in Benin unterstützt «Brücke Le Pont» mit Sitz in Fribourg die Partner:innen vor Ort, etwa bei der Vernetzung oder der Budgeterstellung.
Damit setzt die Organisation schon länger auf den Ansatz der lokal verankerten Aktivitäten, wie er in der Strategie der internationalen Zusammenarbeit 2025-2028 des Schweizer Aussenministeriums (EDA) festgehalten ist.
«Die Genossenschaft verhilft den Frauen zu mehr Unabhängigkeit. Mit dem Geld, das sie zusätzlich verdienen, können sie ihre Kinder zur Schule schicken», sagt AFVA-Präsidentin Mamatou Yacoubou in Banikoara stolz.
Die Vernetzung ermöglicht den Genossenschaften die Anschaffung von professionellem Arbeitsgerät und Zugang zu Krediten. In Schulungen erhalten die Frauen Wissen zur Führung von Mikrounternehmen, oder etwa der Einhaltung von Produktionsstandards beim Anbau und der Verarbeitung der Shea-Nüsse.
Dadurch hat sich der Ertrag deutlich erhöht. So auch die Qualität des Endprodukts. «Unsere Ware ist auf dem Markt sehr beliebt», sagt AFVA-Präsidentin Yacoubou. Und dies, obwohl ihre Produkte mehr kosten. Qualität hat ihren Preis.
Benin: Vom Stabilitätsanker zum Frontstaat
Eine Initiative mit Erfolg in einer Region, die von Armut geprägt ist. Die Frauenorganisation setzt sich für einen Wandel ein. Im Norden Benins ist Arbeitslosigkeit weit verbreitet, gerade bei der Jugend. Die Arbeit der 3600 Frauen generiert deshalb einen wichtigen Beitrag zum Haushaltseinkommen.
Das kommt auch bei den Männern gut an. Der Baum auf dem Land ausserhalb Banikoaras, unter dem die Frauen zusammenkommen, wurde der Genossenschaft von einem Mann aus der Gemeinde angeboten. «Das Dorf profitiert von diesem Projekt. Es stärkt den Zusammenhalt und das ist fast wichtiger als Geld», sagt der ältere Herr.
Fehlende Perspektiven bilden einen Nährboden für Radikalisierung: Bewaffnete Gruppen aus der Sahelzone breiten ihre Aktivitäten zunehmend nach Süden aus. Besonders die mit Al-Kaida verbündete Dschihadistenmiliz JNIM, die vor kurzem die Treibstoffversorgung der malischen Hauptstadt Bamako blockierte.
Die Sahelzone gilt als einer der tödlichsten Schauplätze des globalen Terrorismus – an keinem Ort der Welt gibt es mehr Terrortote. Mehr als die Hälfte aller Todesfälle im Zusammenhang mit Terrorismus entfallen auf diese Weltregion.
Militärputschs, der Rückzug französischer Truppen und fragile Staatlichkeit haben bewaffneten Gruppen in Mali, Niger und Burkina Faso grosse Bewegungsfreiheit verschafft, insbesondere nach Süden.
Der Vorstoss der dschihadistischen Gruppen gegen Süden hat einen strategischen Grund: Sie wollen Zugang zum Meer, wo der Welthandel stattfindet.
«Man kann keinen Krieg führen, ohne Handel zu treiben. Und es ist der Handel, der den Krieg nährt», sagt Raymond Bernard Goudjo, Direktor der katholischen Hilfsorganisation Caritas Benin. Er beobachtet die Ausbreitung der Dschihadisten seit Jahren.
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Armut als Nährboden für Radikalisierung

Raymond Bernard Goudjo, Direktor der katholischen Hilfsorganisation Caritas Benin.
Simon Roth
Im Norden Benins fänden die Terroristen Bedingungen vor, die ihre Expansion begünstigten. Nach Goudjos Einschätzung profitieren dschihadistische Gruppen davon, dass der Staat in vielen ländlichen Regionen Benins kaum präsent ist.
Terroristische Gruppen füllten das Vakuum, böten Schutz, auch für illegale Geschäfte. In der Grenzregion floriere etwa der Schmuggel von Treibstoff. So entstehe eine gefährliche Form von Parallelordnung.
Der Staat setze den bewaffneten Gruppen ausser militärischer Präsenz kaum etwas entgegen. «Eine militärische Lösung war und ist niemals die Antwort auf ein gesellschaftliches Problem», sagt Goudjo.
Für Caritas Benin liegt der Schlüssel nicht allein in Waffen, sondern in Prävention. Ohne Investitionen in sozialen Zusammenhalt, Bildung und den Ausbau der staatlichen Präsenz drohe sich der Sahel-Konflikt weiter nach Süden zu fressen.
Mehr als die Hälfte aller Menschen, die weltweit von extremer Armut betroffen sind, lebt in Subsahara-Afrika. So steht es in der Strategie der internationalen Zusammenarbeit 2025-2028 des EDA.
Benin ist auch ein Schwerpunktland der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit, ebenso wie die Sahelstaaten Burkina Faso, Niger, Mali und Tschad. Während letztere seit längerem mit der Ausbreitung des Terrorismus kämpfen, galt Benin lange als stabiler Ausnahmefall.
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Lokale Stimmen für Frieden und Zusammenhalt
In Banikoara, unweit der Anschlagsorte im letzten Jahr, engagiert sich das Lokalradio im Kampf gegen die Angst. Die Redaktion hat ihr Programm darauf ausgerichtet: Im Zentrum stehen Sendungen, die das friedliche Zusammenleben fördern.
Dazu zählen etwa Rundtischgespräche, bei denen religiöse Autoritäten, lokale Politiker:innen, Jugendliche und Frauen teilnehmen. «Ziel all dieser Massnahmen ist es, das Bewusstsein zu stärken, dass Frieden und Sicherheit eine gemeinsame Verantwortung der gesamten Bevölkerung sind», sagt Programmchef Dominique Dingui.
Thematisch geht es unter anderem um den Dialog zwischen Viehzüchter:innen und Landwirt:innen, um gewaltfreie Konfliktlösung sowie um wirtschaftliche Perspektiven für junge Menschen. « Wir machen ihnen klar, dass man kleine Unternehmen gründen kann, ohne dass man dafür einen Abschluss braucht», sagt Dingui.
Menschen zusammenbringen, Perspektiven schaffen, den Zusammenhalt stärken: Diese Werte hält auch die Frauenorganisation AFVA hoch. Nach der Arbeit auf dem Feld versammeln sich die Frauen um einen Baum, um die Shea-Nüsse zu Sheabutter zu verarbeiten. Ein aufwändiger Prozess, der den Einsatz vieler Hände benötigt. Langfristig hat AFVA den Aufbau einer zentralen Produktionseinheit geplant.
Ein Baum und seine Früchte schaffen Hoffnung für Tausende Menschen. Mit den Frauengenossenschaften wächst ein widerstandsfähiges Beziehungsnetz, das Alternativen zur Radikalisierung schafft.
Editiert von Benjamin von Wyl
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