Hinter der Ziellinie bekreuzigte Sabastian Sawe sich, dann stoppte er seine Sportuhr am Handgelenk, als wäre das eben ein ganz normaler Trainingslauf gewesen. Dabei hatte der Kenianer gerade beim London-Marathon nicht nur den Weltrekord gebrochen, sondern einen Mythos: die Zwei-Stunden-Schallmauer. 1:59:30 zeigte die Uhr.

Schon seit dem ersten offiziellen Marathon-Weltrekord von 2003, der bei 2:04:55 lag, war das Durchbrechen dieser Marke das ultimative Ziel. Jahrelang haben sich die besten Läufer ihr Sekunde um Sekunde angenähert – und sie doch nie durchbrochen. Projekte mit großzügig ausgestatteten Marketingetats wurden ins Leben gerufen, mit schnittigen Namen wie »Breaking2«, die Läufern dabei helfen sollten, einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Sie scheiterten allesamt.

Bei anderen Versuchen blieb die Uhr zwar vor den zwei Stunden stehen, aber die Bedingungen stimmten nicht. So zum Beispiel 2019 in Wien, als die kenianische Lauflegende Eliud Kipchoge einen Marathon lief und nach 1:59:40 Uhr das Ziel erreichte – allerdings eben nicht unter Wettkampfbedingungen. Er lief allein, immer wieder stiegen neue Tempomacher ein, um ihn anzutreiben, auch die Verpflegung war besser als bei offiziellen Marathons. Deshalb wurde die Zeit nicht als Weltrekord anerkannt. »No human is limited«, kein Mensch hat Grenzen, sagte Kipchoge damals. Aber der Restzweifel blieb: Ist die Zwei-Stunden-Schallmauer wirklich zu durchbrechen?

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Sawe hat diese Zweifel nun ausgeräumt. Es bleibt der Unglaube vor seiner Leistung. In der Zeit, in der er den Londoner Marathon lief, hätte man gerade so David Lynchs Blue Velvet schauen können oder zwei Folgen Euphoria. Gerannt war er mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 21 km/h, schneller als handelsübliche E-Scooter fahren dürfen. Für einen Kilometer brauchte er nicht einmal drei Minuten, für 100 Meter gerade mal 17 Sekunden. Egal, welche Vergleiche man heranzieht, wie oft man nach- und umrechnet: Die Leistung bleibt unglaublich.

© unsplash.com

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Sawe selbst ist sich dessen wohl mehr als bewusst, trotz des unaufgeregten Zieleinlaufs. Im vergangenen Jahr, vor seinem Weltrekordversuch beim Berlin-Marathon, unterzog er sich freiwillig ausgiebigen Dopingtests, um mögliche Zweifel an seiner Leistung auszuräumen. Weil kurz zuvor seine Landsfrau Ruth Chepngetich nach ihrem Weltrekord wegen eines positiven Dopingtests suspendiert worden war, wollten er und sein Trainerstab ein Zeichen setzen: »Wir wussten, dass kenianische Athleten und ihre Leistungen noch stärker unter Verdachten geraten würden, ohne, dass sie selbst etwas dafür könnten«, sagte Sawes Agent Eric Lilot im Gespräch mit LetsRun. Die Athletics Integrity Unit, eine vom Leichtathletik-Weltverband gegründete unabhängige Organisation zur Bekämpfung von Doping, testete Sawe 25 Mal. Alle Tests waren negativ.

Sawe gewann in Berlin 2025 mit einer Zeit von 2:02:16. Für den Weltrekord reichte es damals nicht, vermutlich wegen der Hitze. Jetzt in London waren die Bedingungen besser: leichte Bewölkung, frühlingshafte Temperaturen. Mehrere Pacemaker, also Läufer, die vor allem für die Schnellsten das Tempo hochhalten, sorgten von Anfang an für ein extrem hohes Tempo. Schon auf der Hälfte der Strecke war Sawe auf Weltrekordkurs, konnte dann in der zweiten Rennhälfte noch einmal an Tempo zulegen.

Zehn Kilometer vor dem Ziel setzte er sich dann von seinen Konkurrenten ab. Nur einer konnte noch folgen, gerade so, der äthiopische Läufer Yomif Kejelcha. Am Ende stürzte er mehr ins Ziel, als dass er rannte, und übergab sich. Seine Zeit: 1:59:41. Unter zwei Stunden. Eigentlich eine Sensation, ein Meilenstein der Marathongeschichte. Aber weil vor ihm eben noch Sawe lief, elf Sekunden schneller, wurde daraus der undankbare zweite Platz.