Wien. Bei aller Freundschaft: Es gibt weitaus angenehmere Arbeitsbedingungen als bei eisig-feuchten Temperaturen im Wiener Prater Fußball zu spielen, doch die beiden WM-Starter Österreich und Ghana ließen sich dieses Testspiel vor 40.200 Zuschauern nicht schlechtreden. Man wollte seitens der Österreicher die Endrunde in den USA (ab 11. Juni) simulieren. Teamchef Ralf Rangnick legte bei der Auswahl gesondert Wert darauf, tunlichst gegen keine Europäer zu testen, weil beim Turnier mit Jordanien, Argentinien und Algerien warten, damit ein ganz anderer Stil und variierendes Tempo. Gegen Ghana, laut Rangnick ähnlich wie Algerien, funktionierte es jedenfalls nach Wunsch. Österreich gewann unbedrängt, ja: souverän mit 5:1.
Was aber sagt dieser Test sonst noch aus für kommende Aufgaben? Rangnick setzte, nicht unerwartet, anfangs auf das bekannte Personal im 4-2-3-1-Stil. Seiwald in Kombination mit Grillitsch lenken zu lassen, das kann Wege ebnen, jedoch auch in die Enge führen, wenn das schnelle Abspiel nicht gelingt. Gegen Ghana führte das jedenfalls zu brenzligen Kontern. Dass ein langer Ball der beiden auf Danso – selbst der Innenverteidiger rückte gegen die „Black Stars“ in die Offensive – dank eines patscherten Handspiels im Strafraum zum Elfmeter führte, darf nicht unerwähnt bleiben. Sabitzer, im Teamtrikot vom Elferpunkt noch ohne Fehlschuss, verwertete sicher zum 1:0 (10.). Die Frage, wer also Strafstöße in den USA schießen könnte, hat sich erübrigt.
Gezielt, getroffen: Marcel Sabitzer brachte Österreich im WM-Test gegen Ghana mit einem Elfmeter in Führung. GEPA pictures/Armin Rauthner
Während sich Schmid, Sabitzer und Baumgartner mühten, den in der Spitze heillos verloren wirkenden Gregoritsch zu finden – die ÖFB-Problemstelle bleibt das Fehlen eines bulligen Strafraumstürmers und besteht die Qual der Wahl, muss sie auf Kalajdzic fallen – war gegen Ghanas 4-4-2 deutlich geworden, dass Tempo Trumpf ist. Sowohl im Spielaufbau als auch in der Rückwärtsbewegung. Der Speed beeindruckte, legte aber auch offen, dass es für einen wie Arnautovic schwer wäre, da mitzuhalten. Die Option, ihn weiter nur als „Joker“ zu forcieren, hat Rangnick sicher überlegt.
Die beste Strafraumszene der ersten Hälfte vergab jedenfalls Baumgartner, der beim Kopfball deutlich höher sprang als Gregoritsch. Nur ein Kunststück des Ghana-Keepers verhinderte das 0:2 (42.).
Philipp Mwene kontrolliert den Ball APA / AFP / Joe Klamar
Stefan Posch fiel, erzielt später aber ein Tor. Reuters / Lisa Leutner
Ralf Rangnick hatte allen Grund zur Freude. GEPA pictures / Kevin Kada
Vermisste man in den ersten 45 Minuten Spannung und Leidenschaft, hatte man also bei Kälte und nicht zwingend gutem Fußball vergessen, dass es sich um ein reines Testspiel handelte, wurde man in der zweiten Hälfte für sein Durchhalten ansatzweise entlohnt. Rangnick brachte erstmals Torhüter Wiegele (2,05 Meter groß), Lienhart (für Danso), Wimmer (für Schmid), Prass und Debütant Wanner (für Grillitsch). Da hallten vor Anpfiff erstmals auch „Immer wieder“-Choräle auf; endlich. Auch den Zuschauern war kalt.
Paul Wanner überzeugte beim ÖFB-Einstand. GEPA pictures/ Kevin Kada
Beim 2:0 brandete Freude und Applaus auf. Gregoritsch (51.) wurde erstmals sichtbar. Wanner glänzte bei seinem Einstand mit einer großartigen, weiten wie punktgenauen Flanke in den Lauf von Sabitzer, dessen Zuspiel in die Mitte bei Gregoritsch landete. Der Stürmer musste sozusagen nur noch den Fuß hinhalten zum 2:0 (51.).
Wäre das ein Patentrezept gegen 4-4-2-Systeme, auch bei der WM? Im Umschaltspiel, früher als Konter geläufig, ist Gregoritsch im Fall einer ÖFB-Solospitze gegenüber Kalajdzic im Vorteil. Schneller als Arnautovic ist er obendrein. Bewahrt er seine Treffsicherheit, muss ihm Rangnick die Chance geben.
Christoph Baumgartner glänzte. Imago / Lukas Biereder
Michael Gregoritsch traf zum 2:0. APA / AFP / Joe Klamar
GEPA pictures / Alexander Solc
Auch beim 3:0 hatte Wanner seinen linken Fuß im Spiel. Er trat einen Eckball, Gregoritsch verlängerte und Posch traf per Kopf (59.). Insider sahen sofort ein einstudiertes Muster bei Standardsituationen, was darauf deuten würde, dass Wanner tragende Rollen einnehmen könnte?
Dann brachte Rangnick Chukwuemeka, Arnautovic und Svoboda. Wimmer bewies Einsatz, hielt trotz blutender Nase nach einem Eishockey-Check durch. Ghana reagierte mit einem Six-Pack-Tausch, die Trinkpausen (auch bei WM in der Hitze?) bei klirrender Wiener Kälte irritierten ebenso.
Stefan Posch traf zum 3:0. APA/APA/Georg Hochmuth
Was aber sagte letzten Endes das 5:1 gegen WM-Starter Ghana aus? Ist es ein Indiz, wie man Algerien auskontern kann? Vor anderer Kulisse, bei anderen Temperaturen. Darüber denken acht Millionen „Teamchefs“ in Österreich nach, Ralf Rangnick wird entscheiden. Beim Gegentreffer wird er schon nachgedacht haben: Warum attackierte denn keiner den herantrabenden Ayew (77.)? Wobei: Schon im Gegenzug schlug Chukwuemeka zu – auch der zweite ÖFB-Debütant, der der WM wegen einen Nationenwechsel angestrebt hat, setzte Akzente. Sein Tor zum 4:1 (79.) gelang aus einer Serie von Doppelpässen, schnell, direkt, schnörkellos. Ebenso im Abgang gefiel das 5:1 durch Seiwald (90+2). Es gibt Hoffnung: Das ÖFB-Team trifft und siegt.
Am Dienstag geht es weiter, dann ist Südkorea der Sparring-Partner.
Ghana hatte bei diesem Wien-Besuch übrigens doppeltes Pech. Donnerstagfrüh wurden Polizisten der Inspektion Langobardenstraße ins Hotel gerufen. Ein Mitarbeiter der Unterkunft gab demnach an, dass mutmaßlich zwei hochpreisige Uhren aus Hotelzimmern fehlen würden, der Schaden soll im mittleren fünfstelligen Euro-Bereich liegen.
Konrad Laimer ist erstmals in seiner Karriere als Österreichs Fußballer des Jahres geehrt worden. Der Bayern-München-Profi erhielt den Pokal für 2025 am Freitag vor dem ersten WM-Testspiel des ÖFB-Teams gegen Ghana in Wien aus den Händen von APA-Sportchefin Birgit Egarter. Laimer hatte die von zwölf Bundesliga-Trainern durchgeführte Wahl klar vor Christoph Baumgartner, der 2024 triumphiert hatte, und Marko Arnautovic gewonnen.
Zehn der zwölf Trainer wählten Laimer auf Platz eins. Der 28-jährige Salzburger wurde mit den Bayern im Vorjahr als unumschränkter Stammspieler erstmals in seiner Laufbahn deutscher Meister. In der ersten erfolgreichen WM-Qualifikation des ÖFB-Teams seit jener für 1998 gelang ihm u.a. im wichtigen Auswärtsspiel in Bosnien das Siegestor zum 2:1. Auch bei der WM in den USA wird er gegen Jordanien (17. Juni), Argentinien und Algerien eine tragende Rolle spielen.