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Uns auf Google folgenIm Tsau Khaeb Nationalpark soll künftig in großem Stil Sonnenenergie genutzt werden, um grünen Wasserstoff für den Export zu erzeugen.Im Tsau Khaeb Nationalpark soll künftig in großem Stil Sonnenenergie genutzt werden, um grünen Wasserstoff für den Export zu erzeugen. © IMAGO/imageBROKER/Fabian von Poser

Mit deutscher Beteiligung soll ein riesiges Wasserstoffprojekt entstehen. Es bedroht ein Schutzgebiet, ignoriert lokale Gemeinden und erinnert manche an dunkle Zeiten.

Seit Jahren präsentiert die deutsche Bundesregierung das südwestafrikanische Namibia als Zukunftspartner ihrer Energiewende. Kaum ein anderes Land bietet so konstante Sonne und Wind. In Namibias Süden soll ein gigantischer Produktionsstandort für grünen Wasserstoff entstehen, betrieben von „Hyphen“, einem von der deutschen Firma Enertrag und dem britischen Unternehmen Nicholas Holdings gegründetes Konsortium. 350 000 Tonnen Wasserstoff jährlich sollen hier laut Enertrag produziert werden. Das Projekt wird als Win-win-Modell verkauft – Milliardeninvestitionen sollen dauerhaft 3000 neue Jobs vor Ort schaffen und erneuerbare Energie für Europa bringen. Doch in Namibia stößt es auf breite Kritik.

Teil des Vorhabens, das bis 2030 umgesetzt werden soll, sind Solar- und Windparks im Tsau Khaeb Nationalpark. Meerwasser, so der Plan, wird entsalzen und in Wasserstoff umgewandelt. Dieser soll zu Ammoniak weiterverarbeitet und nach Europa exportiert werden. In einem der ökologisch sensibelsten Gebiete des Kontinents würde eine Industrie mit großem Infrastruktur-Bedarf angesiedelt.

Die lokale Bevölkerung wurde jedoch laut NGOs in die Planungen nicht einbezogen – weder in der Küstenstadt mit dem kolonialen Namen Lüderitz, noch die Nama- und Ovaherero-Gemeinschaften, die historisch mit dem Gebiet verbunden sind. Für viele wirkt der Plan deshalb wie ein neuer Zugriff des Globalen Nordens auf afrikanische Ressourcen. In einem offenen Brief warnen lokale zivilgesellschaftliche Organisationen, Namibias Regierung drohe „unsere natürlichen Ressourcen und Eigentumsrechte zu vergeben, ohne die Risiken zu verstehen“, und das „ohne freie, vorherige und informierte Zustimmung der betroffenen Gemeinschaften“. Auch das namibische „Institute for Public Policy Research“, ein unabhängiger Think Tank, moniert „fehlende Transparenz und mangelnde Sorgfaltsprüfung“ bei der Ausschreibung, der größten in der Geschichte des Landes.

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Die Verträge zwischen der Regierung und dem Konsortium Hyphen sind nur teilweise öffentlich. „Keine Vereinbarung zwischen Regierung und Unternehmen darf im Geheimen geschlossen werden, wenn öffentliche Gelder und Ressourcen betroffen sind,“ kritisiert Tjipura Unaune Tjipura von der Organisation „Economic Social Justice Trust“ im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Obwohl internationale Abkommen wie die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker eine freie und informierte Zustimmung zu derartigen Entscheidungen verlangen, gab es keine umfassenden Konsultationen.

„Die Geschichte wiederholt sich durch ausbeuterischen Kolonialismus, der als umweltfreundlich dargestellt wird“, kritisiert auch Paul Thomas, Sprecher der „Nama Traditional Leaders Association“. Auf dem Land, auf dem Deutschland heute seine Energiewende sichern will, verübten deutsche Kolonialtruppen zwischen 1904 und 1908 den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Zehntausende Nama und Ovaherero wurden während des Vernichtungskriegs getötet, vertrieben oder in Konzentrationslagern interniert. Das Gebiet gehörte vor der kolonialen Enteignung den Nama-Gemeinschaften. Viele sind bis heute landlos – eine Folge der Vertreibung. Ein solches Großprojekt auf traditionellem Land und ohne Mitsprache berühre die offene Wunde eines nicht aufgearbeiteten kolonialen Unrechts, betont Thomas, der im Oktober im Rahmen einer Speakers Tour von Attac und anderen Organisationen in Deutschland darüber informiert hat.

Der Tsau Khaeb Nationalpark zählt zu den artenreichsten Wüstengebieten der Erde. Auf mehr als 4000 Quadratkilometern sollen Windräder, Solarfelder, Leitungen und Entsalzungsanlagen entstehen. Das Projekt droht laut Umweltschutzorganisationen „einen globalen Biodiversitäts-Hotspot in ein Industriegebiet zu verwandeln“. Der Park beherbergt fast ein Viertel aller Pflanzenarten Namibias, viele davon endemisch. Er ist Brutgebiet seltener Seevögel und Heimat zahlreicher Reptilien- und Insektenarten.

Ein kritischer Punkt ist die geplante Entsalzung von Meerwasser. „Die Entsalzung verändert Temperaturen und Strömungen im Meer. Fische wandern ab, Regenmuster können sich verschieben“, so Tjipura. Gemeint sind vor allem die Nebel- und Feuchtigkeitszellen entlang der Küste, die durch den Benguelastrom entstehen und in der extrem trockenen Region die wichtigste Wasserquelle darstellen. Wird die Meerestemperatur erhöht oder der Salzgehalt verändert, kann das die Strömungen schwächen – und damit auch den Nebel, der große Teile der Wüste überhaupt erst lebensfähig macht.

Hinzu kommt die Lage des geplanten Industriezentrums: Durch die zunehmende wirtschaftliche Aktivität wäre auch die Hafenstadt Lüderitz massiv betroffen, befürchten Beobachter:innen. Dort liegt Shark Island, einst Ort eines deutschen Konzentrationslagers. Heute erinnert ein Denkmal an die Opfer. Ein Ausbau des Hafens würde diesen historischen Ort gefährden, warnen lokale Organisationen.

Namibia werde als Rohstofflieferant betrachtet, während der Nutzen anderswo liege. „Die Umweltkosten tragen wir, die Dekarbonisierungsvorteile gehen nach Europa“, fasst die Aktivistin Maano Hamukoshi zusammen. Das südwestafrikanische Land importiert noch immer bis zu 70 Prozent seines Stroms – meist aus fossilen Quellen im südlichen Afrika.

Raus aus Rolle des Ressourcen-Lieferanten

Tjipura nennt das „ein grünes Paradox“: Ein Land, das selbst unter Energiearmut leidet, exportiert künftig erneuerbare Energie in großem Stil – während große Teile der Bevölkerung von Stromausfällen und hohen Preisen betroffen sind. „Deutschland gewinnt erneut Ressourcen aus einem Land, das es unseren Vorfahren gewaltsam genommen hat – ohne Wiedergutmachung und ohne unsere Zustimmung,“ so Paul Thomas.

Fachleute empfehlen dezentrale Solar- und Windkraftanlagen, die zuerst die nationale Versorgung stärken, sowie kleinere Wasserstoffprojekte in weniger sensiblen Regionen. Diese könnten Wertschöpfung schaffen, ohne ökologische Hotspots zu zerstören. „Wir wollen Entwicklung. Aber eine, die unsere Rechte achtet und uns nicht erneut zu Zuschauern macht“, erklärt Thomas. Für viele ist der Konflikt ein Prüfstein für Europas Anspruch, Partnerschaften auf Augenhöhe zu gestalten. Die entscheidende Frage für Thomas bleibt jedoch: Wie grün ist ein Energieträger, der auf ökologischer Zerstörung, Geheimverhandlungen und kolonialen Kontinuitäten basiert?