Amir steht schon früh am Morgen auf dem riesigen Platz mit dem Namen Jemaa el-Fnaa mitten in Marrakesch und begrüßt seine Gäste mit einem strahlenden Lächeln und einem herzlichen: „Salam Aleikum, willkommen in meiner Stadt“, während hinter ihm das bunte Treiben langsam erwacht. Der junge Marokkaner ist in der Medina der Millionenstadt aufgewachsen. Die engen Gassen, die auf Besucher oft wie ein Labyrinth wirken, sind ihm seit frühester Kindheit vertraut. Mit seinen Gästen taucht er in die geheimnisvolle Welt der Souks ein.

Die Souks von Marrakesch sind ein buntes Gewirr aus zahllosen engen Wegen. Die Luft ist schwer von Gewürzen, Rauch und süßen Aromen – eine Mischung, die gleichzeitig aufregend fremd und faszinierend auf die Besucher wirkt. Auch die Geräuschkulisse ist einzigartig: Das Feilschen der Händler mit ihren Kunden, das Knattern der Motorräder, die durch die schmalen Gassen rasen und das Klappern der Hufe der Lastenesel auf dem Pflaster der engen Wege. Das Licht wirkt gedämpfter, weil teilweise Stoffdächer die Gassen überspannen. Die Souks empfindet jeder Fremde zunächst als chaotisch, doch genau darin liegt ihr besonderer Reiz. Das Warenangebot überfordert die meisten Besucher, hier gibt es nichts, was es nicht gibt: Teppiche stapeln sich in allen Farben und Mustern, bunte Lederpantoffeln hängen an den Wänden, orientalische Lampen aus Messing und getöpferte Schüsseln und Schalen stehen in den Regalen. Handeln gehört einfach dazu, denn meist beginnt das Verkaufsgespräch mit einem hohen Preis und endet nach einigem Lachen und Feilschen bei einem deutlich günstigeren für den Käufer.

Schließlich führt Amir seine Gruppe aus dem Gassengewirr heraus, zu einem offenen Platz, und hier ragt das imposante 70 Meter hohe Minarett der Koutoubia, der größten Moschee und eines der bedeutendsten Bauwerke der Stadt, in den Himmel. Amir erzählt, dass dieses Wahrzeichen von Marrakesch früher den Karawanen als Orientierung diente. „Wenn man sich in den Souks verläuft“, sagt er mit einem Augenzwinkern, „muss man nur nach der Koutoubia schauen.“ Ihr Name stammt noch von den Buchhändlern („Koutoub“), die früher in der Nähe ihre Stände hatten. Nicht-Muslime dürfen das Innere der Moschee nicht betreten, doch auch von außen ist sie einfach beeindruckend. Der Garten rund um die Moschee ist eine ruhige, friedliche Oase in der quirligen Stadt: Palmen, Orangenbäume und mit Rosen gesäumte Wege laden dazu ein, kurz innezuhalten und durchzuatmen. Manchmal wird die Stille durch den Gebetsruf des Muezzins unterbrochen. Vom Minarett aus hallt die Stimme über die Dächer der Stadt und gebietet dem geschäftigen Treiben kurzzeitig Einhalt.

Nach einer kurzen Pause geht es wieder zurück in das Labyrinth der Medina, bis man vor einer schweren Holztür steht. Den Weg dorthin haben schon zahlreiche Touristen gefunden und in der Schlange wartet man geduldig auf den Einlass. Hier verbirgt sich die Medersa Ben Youssef, ein Gebäude wie aus Tausendundeiner Nacht. Das prächtige Bauwerk ist ein absoluter Traum. Die Wände sind mit filigranen Stuckarbeiten, Mosaiken in leuchtenden Farben und kunstvollen Ornamenten bedeckt, die Zedernholzdecken meisterhaft geschnitzt. Amir erzählt, dass hier früher Studenten lebten und den Koran studierten. Die ehemalige Koranschule gehört zu den beeindruckendsten Gebäuden in ganz Marokko. Ein absoluter Blickfang ist der prachtvolle Innenhof mit seinem rechteckigen Wasserbecken, das ein beliebtes Fotomotiv darstellt.

Auf den Geschmack gekommen, können sich die Gäste nun auf weitere Prachtbauten freuen. Dazu gehört auf jeden Fall der Bahia-Palast. Durch schattige Innenhöfe und Gärten führt Amir durch das ehemalige Wohnhaus eines Großwesirs, der im 19. Jahrhundert seiner Meinung nach den schönsten Palast Marrakeschs bauen ließ. Sonnenlicht fällt durch die Arkaden auf die bunten Fliesen, und die Vögel zwitschern in den Orangenbäumen. Ein wunderbarer Ort, um eine Pause einzulegen.

Die nächste Station des Rundgangs sind die Saaditen-Gräber. Zwischen ruhigen Gärten und einem kunstvoll verzierten Mausoleum erzählt Amir von der mächtigen Saadier-Dynastie, die Marrakesch im 16. Jahrhundert prägte. Die Gräber der Saaditen wurden erst 1917 wiederentdeckt. Ein schmaler Gang führt zu den beiden Mausoleen, die mit Carrara-Marmor und kostbarem Mosaik- und Stuckwerk kunstvoll ausgestattet sind. Dort befinden sich die Gräber von sieben Sultanen und 62 Angehörigen. Der an diesen Raum anschließende prächtige „Saal der zwölf Säulen“ ist die letzte Ruhestätte von Ahmad al-Mansour und das Ziel aller Besucher. Ein Anblick, den man auf keinen Fall verpassen darf, auch wenn es bedeutet, in einer langen Warteschlange stehend, geduldig abzuwarten, bis man einen Blick in den Raum werfen kann. Das lange Anstehen lohnt sich auf jeden Fall: Die Kuppel des Saals ist aus reich mit Schnitzereien verziertem Zedernholz gebaut, der gesamte Raum ist verschwenderisch mit Bögen und emaillierten Terrakotta-Kacheln ausgestattet wie aus einem arabischen Märchen.

Danach zeigt Amir seiner Gruppe noch einige der schönsten Riads in Marrakesch. Nur wenige Schritte vom Trubel entfernt sind das Orte des Friedens und der Stille. In den traditionellen Riads, den typischen Stadthäusern mit Innenhof mit prachtvollem Mosaik, plätschert Wasser in kleinen Brunnen. Hinter schweren Holztüren verborgen, öffnen sich plötzlich Gärten voller Zitrusbäume und Bougainvillea. Die Riads sind authentische Mini-Hotels, deren Gastgeber ihre Gäste persönlich betreuen und die stolz auf ihre fürstlichen Unterkünfte sind.

Doch Marrakesch hat noch viel mehr zu bieten. In den Vierteln außerhalb der Medina gibt es moderne Cafés und Restaurants, Kunstgalerien und Designläden. Junge marokkanische Künstler verbinden traditionelle Muster mit zeitgenössischer Kunst. Dort zeigt die Stadt eine urbane, kosmopolitische Seite, die einen interessanten Kontrast zur jahrhundertealten Medina bildet.

Am Abend schließlich bringt Amir die erschöpften Besucher in ein Restaurant am Jemaa el-Fnaa, zurück zum Ausgangspunkt des Rundgangs. Jetzt zeigt der Platz ein komplett anderes Gesicht, denn sobald die Sonne untergeht, verwandelt er sich in ein riesiges Freilufttheater. Amir lehnt sich über das Geländer der Dach­terrasse des Lokals und zeigt stolz auf das Meer aus Lichtern und das Geschehen weit unten. Für Gaukler, Musiker, Schlangenbeschwörer und Geschichtenerzähler ist der riesige Platz jetzt eine einzige Bühne, während die Verkäufer an den Essensständen dampfende Tajines öffnen und süßen Minztee servieren. Amir und seine Gäste lehnen sich zurück, genießen den zauberhaften Anblick bei einem typischen marokkanischen Festmahl und lassen einen wunderbaren ereignisreichen Tag Revue passieren.