Mystische Zeremonien, schaurige Märkte und animistische Kultplätze – wer sich für Voodoo interessiert, ist in Benin richtig. Angst müssen Touristen keine haben, es handelt sich nicht um schwarze Magie. Das Land bietet Urlaubern aber weit mehr Sehenswertes.

Das Land Benin

Vor 140 Jahren nahmen die Geschicke Afrikas eine entscheidende Wendung: Auf der Berliner Kongo-Konferenz legten alle an der damaligen gewaltsamen Kolonisierung beteiligten Mächte Europas, das Osmanische Reich und die USA die „Spielregeln“ für die Aufteilung der tropischen Regionen am Kongo und Niger fest und steckten ihre „Interessengebiete“ ab. 

Dabei sicherten sich die Franzosen große Teile Westafrikas – schon 1890 entsandte Paris seine Truppen in die westliche Küstenregion und brachte bis 1894 das sich erbittert zur Wehr setzende Königreich Dahomey unter Kontrolle. Die im 17. Jahrhundert gegründete Monarchie gehörte fortan zu Französisch-Westafrika. Aus dieser gewaltigen Kolonie gingen dann zwischen 1958 und 1960 acht Staaten hervor, darunter auch Dahomey. Erst 1975, unter kommunistischer Führung, benannte sich das an der Bucht von Benin liegende Land in Benin um. 

2001 beschloss Paris die Rückführung afrikanischer Kunstwerke, auch Dahomeys geraubte Schätze rückten ins öffentliche Interesse. Seither taucht der alte Landesname häufiger auf; zumal es in dem nun demokratisch organisierten Benin eine Rückbesinnung auf Afrikas spirituelles, künstlerisches und historisches Erbe gibt. So werden die alten Königspaläste von Abomey (Welterbe) renoviert, Voodoo-Feste veranstaltet – und der Kult um die Dahomey-Amazonen wiederbelebt. 

Das wiederum stärkt den Kulturtourismus; im vergangenen Jahr kamen 330.000 Besucher ins Land. Gemessen an der Zahl der Einwohner liegt Benin damit auf Platz vier der beliebtesten Reiseziele in Westafrika, gleich hinter dem ebenfalls Voodoo-gläubigen Nachbarn Togo. Beide Länder, in denen Französisch noch immer Amtssprache ist, werden oft im Paket für Rundreisen angeboten. 

Nimmt sich Benin auf der afrikanischen Landkarte auch winzig aus, entspricht es mit seinen 112.000 Quadratkilometern immerhin einem Drittel der Größe Deutschlands. Wie ein Korridor zieht sich das schmale Land von der Küste über 650 Kilometer lang nach Norden, wo die Landschaft dünner besiedelt, wald- und tierreicher ist. Dort liegt auch der Pendjari-Nationalpark, das größte verbliebene Wildnisgebiet Westafrikas, das 1996 von der Unesco zum Biosphärenreservat geadelt wurde.

Voodoo-Festival am Strand von Ouidah

Der beste Monat für eine Benin-Reise ist der erste des Jahres – sofern man sich für afrikanische Kulte interessiert und beim nationalen Voodoo-Feiertag am 10. Januar dabei sein will. 1996 hat Benins Regierung den animistischen Glauben als gleichberechtigte Religion auf eine Stufe mit Christentum und Islam gestellt. Und so wird alljährlich am Strand von Ouidah mit behördlichem Segen ekstatisch getrommelt, getanzt, gebetet. 

Mystische Zeremonien (das Festival in Ouidah ist das größte Afrikas), schaurige Voodoo-Märkte (in Cotonou gibt es ein riesiges Angebot an toten Tieren für magische Rituale) und animistische Kultplätze (Dankoly gilt als Wallfahrtsort für Rachsüchtige) – Benin wird seinem Ruf als Wiege des Voodoo auf vielfache Weise gerecht. 

Angst müssen Touristen nicht haben; die im Land zelebrierten Riten sind keine schwarze Magie. Voodoo bedeutet in der Sprache der Fon – sie sind Benins größte Ethnie – Schöpfergott. Er soll 400 Kinder haben, und ein jedes will anders verehrt werden. Zuständig dafür sind die Voodoo-Priester, die bei schnellen Rhythmen und hochprozentigen Getränken in Trance fallen. Denn nur dann klappt die Kontaktaufnahme mit den Göttern.

Ganvié – das Venedig von Afrika

Es zählt zu den seltsamsten Orten Westafrikas: das Wasserdorf Ganvié, das komplett auf hölzernen Pfählen im Nokwe-See thront, samt Amtsgebäuden, Schulen und Kirchen. Im Ort selbst gibt es nur Kanäle, keine Straßen. Das hat ihn zu einer Touristenattraktion gemacht, allein 2023 kamen rund 25.000 Besucher, und so kann es schon mal eng werden, wenn Männer ihre Fischernetze, Frauen Reusen, Kinder Angelruten ins Wasser werfen – und sich dann noch Touristenboote durch die Wasserwege schieben. 

Als Ganvié 1996 auf die Vorschlagliste als Weltkulturerbe kam, mauserte sich das Dorf rasch vom Geheimtipp zum touristischen Hotspot. Besucher lockt der Unesco-Bonus, der Ruf Ganviés als Venedig Afrikas – und die malerische Szenerie aus vielen bunten neben einigen vermoderten Häusern. Denn selbst Importhölzer aus Nigeria halten im Brackwasser des küstennahen Sees nur wenige Jahre und müssen kontinuierlich ersetzt werden. 

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Dieses Problem hatten die ersten Siedler der Tofinou-Ethnie nicht. Als sie im 18. Jahrhundert vor verfeindeten Stämmen auf den See flohen, fanden alle noch Platz auf einer See-Insel. Das Eiland ist heute ein Friedhof, während die Menschen nach und nach auf das Wasser auswichen. Dass sie dort blieben, liegt am Fischreichtum des Nokwe-Sees; er ernährt bis heute die gut 20.000 Bewohner von Ganvié.

Afrikanische Amazonen

Über Cotonou, Benins Regierungssitz, wacht eine gewaltige Kriegerin. Die 30 Meter hohe Bronzeskulptur wurde 2022 enthüllt. Ob Zufall oder nicht – zeitgleich mit der Einweihung des Denkmals erschien in den Kinos weltweit der Hollywood-Blockbuster „The Woman King“, der die Geschichte dieser afrikanischen Amazonen nacherzählt. 

Die Agojie, wie sie sich selbst nannten, gingen aus der Leibgarde einer Dahomey-Königin Anfang des 17. Jahrhunderts hervor. Bis zum 19. Jahrhundert wuchs die Truppe aus unverheirateten, kinderlosen Frauen zu einer rein weiblichen Eliteeinheit aus 5000 Kämpferinnen heran. Wie die männlichen Krieger, denen die Agojie gleichgestellt waren, überfielen sie benachbarte Stämme, verschleppten und versklavten Menschen. 

Das Ende der Amazonen-Armee läuteten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Franzosen um 1894 ein. Dahomeys Truppen waren der modernen Waffentechnik nicht gewachsen. Die meisten Agojie starben im Kampf. 2019 beschloss Benins Regierung den Bau des Denkmals, „um ein starkes Identitätssymbol zu schaffen, das heutigen und zukünftigen Generationen als Orientierungshilfe dienen soll“.

Safari-Touren und Jagd-Tourismus

Drei Jagdgebiete für Großwild gibt es im Nationalpark Pendjari. Das 4844 Quadratkilometer große Reservat liegt an Benins Nordostgrenze zu Burkina Faso und wird von African Parks geleitet. Diese von einem niederländischen Philanthropen gegründete Organisation betreibt Naturschutz wie ein Business.

So können Pendjari-Besucher nicht nur klassische Safari-Touren machen, sondern auch Abschusskonzessionen für bestimmte Tierarten wie Warzenschweine, Büffel und Antilopen erwerben. Die hohen Jagdgebühren machen mehr als zwei Drittel der Parkeinnahmen aus, diese wiederum kommen dem Naturschutz vor Ort zugute. 

African Parks hat sich 2017 in einem langfristigen Pachtvertrag mit der Regierung von Benin verpflichtet, das Land zu renaturieren, die Fauna wiederzubeleben und ansässige Dorfgemeinschaften zu unterstützen. Pendjari gehört zu Westafrikas letzten Rückzugsgebieten für Elefanten und Löwen und ist auch angestammter Lebensraum für Geparden, Leoparden, Hyänen, Paviane, Flusspferde und Antilopen. Allerdings hat das Auswärtige Amt vor kurzem eine Teilreisewarnung für Pendjari erlassen.

Das Zitat

„Dahomey ist ein Film gegen Gedächtnisverlust und Geschichtsvergessenheit“

Mit diesen Worten nahm im Februar 2024 die Berlinale-Siegerin Mati Diop den „Goldenden Bären“ entgegen. Die französisch-senegalesische Filmemacherin hatte in ihrer Dokumentation „Dahomey“ die Rückführung von 26 in Kolonialzeiten geraubten Kunstwerken aus dem Pariser Musée du quai Branly nach Benin begleitet, dem früheren Königreich Dahomey. 

Neben dem Lob für Diops Arbeit gab es allerdings auch Kritik. Denn im Film ließ die Regisseurin ausgerechnet eine Skulptur, die Dahomeys König Gezo verkörpert, mit einer fiktionalen Stimme Afrikas Leid beklagen. Dabei war der Stammeskönig selbst einer der brutalsten Sklavenhändler seiner Zeit. Zwischen 1818 und 1858 verkaufte Gezo Zehntausende Afrikaner verfeindeter Stämme nach Amerika.

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