Michelle ist auf dem Weg zurück in ihre Vergangenheit und in ihre Zukunft. Kilometer um Kilometer bringt der Geländewagen sie weiter in den Nordwesten Kenias, fast bis an die Grenze zum Südsudan. Die Pisten immer sandiger. Die Temperaturen immer höher. 42 Grad sollen es werden, Michelle hat die Wetter-App auf ihrem Smartphone geöffnet und kann es kaum glauben. 42 Grad sind nicht ungewöhnlich für die Turkana-Region, aber sogar ihr zu heiß. „Klimawandel“, sagt sie knapp. Danach wischt sie durch die Fotos auf ihrem Smartphone, bis sie dieses eine gefunden hat, das aus dem Sommer 2024. An jenem Tag sah sich Michelle zum ersten Mal auf der Kinoleinwand – auch das konnte sie kaum glauben.

Dies ist ihre kaum zu glaubende, doch wahre Geschichte. Sie handelt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – der Michelles und der ihrer Heimat. Sie handelt davon, dass sie es als Hauptdarstellerin des deutsch-kenianischen Films „Nawi – Dear Future Me“ bis zu den Oscars schaffte. Von einem bayerischen Prinzen in Kenia handelt sie ebenfalls.

Michelle Lemuya Ikeny ist zu einer kräftigen Stimme gegen Zwangsheiraten geworden

Das Foto zeigt sie in einem orange-golden schimmernden Abendkleid. „Das war verrückt“, sagt sie in sehr gutem Englisch und blickt aus dem staubigen Geländewagen-Fenster. Es scheint, als denke sie an die „Nawi“-Premiere in der fernen Hauptstadt Nairobi. Wie sie über den roten Teppich lief. Wie sie inmitten der anderen Schauspieler und der Regisseure Toby und Kevin Schmutzler, ein in Ingolstadt geborenes Brüderpaar, verlegen in die Kameras lächelte. Der Film hat ihr Leben verändert. Michelle Lemuya Ikeny, heute 16, ist zu einer kräftigen Stimme gegen Zwangsheiraten geworden, wie sie besonders in der Turkana Alltag sind. Trotz Verbots.

„Nawi“-Hauptdarstellerin Michelle heute: Kürzlich besuchte die inzwischen 16-Jährige die Drehorte in der kenianischen Turkana-Region. Der Film hat ihr Leben verändert und prägt es weiterhin.

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„Nawi“-Hauptdarstellerin Michelle heute: Kürzlich besuchte die inzwischen 16-Jährige die Drehorte in der kenianischen Turkana-Region. Der Film hat ihr Leben verändert und prägt es weiterhin.
Foto: Daniel Wirsching

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„Nawi“-Hauptdarstellerin Michelle heute: Kürzlich besuchte die inzwischen 16-Jährige die Drehorte in der kenianischen Turkana-Region. Der Film hat ihr Leben verändert und prägt es weiterhin.
Foto: Daniel Wirsching

Die Region, groß wie der Freistaat Bayern, ist eine der heißesten der Erde. In ihr konzentrieren sich die Probleme Afrikas. In sie zeichnen sich Krisen und Kriege ein, spürbar wie die Dürre, der Wassermangel, die Armut, die Arbeitslosigkeit, die Gewalt, die durch Streitigkeiten um Land und Ressourcen angeheizt wird.

Es ist Michelles Heimat. Zwei Brüder, zwei Schwestern, sie die Jüngste. Die Mutter vom Stamm der Samburu, der Vater vom Volk der Turkana. Halb-Nomaden, Hirten, Viehzüchter. Ihre Eltern wohnen in der 20.000-Einwohner-Stadt Lodwar, von der aus sie am Morgen aufgebrochen ist, ihr Großvater mit seinen drei Frauen in einem Dorf, in Manyattas, runden Hütten aus Ästen und Zweigen. Aufgabe der Kinder ist es, Wasser zu holen. 15 Kilometer müssen sie bis zu einem Flussbett laufen. Wasser schöpfen sie aus Löchern, mehrere Meter tief, Todesfallen. Normal ist in der Trockensaison eine Mahlzeit am Tag, normal ist, dass die Väter entscheiden, wer was zu tun hat. Aus Mädchen werden Ehefrauen und Mütter, aus Jungen Hirten. Während der Corona-Pandemie lebte Michelle im Dorf ihrer Großeltern.

Zum Kinostart von „Nawi“: Hier wurde der berührende Film über Kinder-Ehen gedreht

Nawi Dear Future Me Film Kenia

Noch immer werden in Kenia junge Mädchen zwangsverheiratet. Ein preisgekrönter Film, den Prinz Ludwig von Bayern auf den Weg brachte, will weltweit auf das Problem aufmerksam machen. In deutschen Kinos startet er am 5. März.

„Ich versuche gerade herauszufinden, was ich werden will“, sagt sie mit gesenktem Kopf. Schauspielerin. Software-Ingenieurin. Hautärztin. Sie besucht in Nairobi eine High School, eine der besten Kenias. Dann sagt sie bestimmt: „Ich will, dass der Film etwas verändert.“

Michelle war elf, als sie den Schmutzler-Brüdern unter Hunderten beim Casting in ihrer früheren katholischen Schule in Lodwar auffiel. „Sofort“ und „wegen ihrer Präsenz“, erinnert sich Toby Schmutzler. Michelle dachte, es würden Darsteller für ein Theaterstück gesucht. Sie war zwölf, als die Dreharbeiten begannen, und 13, als sie „Nawi“ in der kanadischen Botschaft in New York vor Politikern und in kleineren Kinosälen in Hollywood vor Mitgliedern der Oscar-Jury präsentierte.

60 Schafe, acht Kamele, 100 Ziegen – ein üblicher Brautpreis

Kenia hatte „Nawi“ 2024 für die Verleihung 2025 eingereicht, als einen von insgesamt 85 Beiträgen in der Kategorie „Bester internationaler Film“. Nominiert wurde er nicht, aber das Magazin The Hollywood Reporter und der Sender BBC interviewten Michelle, sie und „Nawi“ erhielten Preise bei Festivals in Afrika, den USA, Asien und Europa. Vor Kurzem noch hatte sie nicht die geringste Erfahrung vor der Kamera, nun ist sie „beste junge Schauspielerin“. Es muss ihr vorgekommen sein wie die erste Achterbahnfahrt ihres Lebens in den Universal Studios Hollywood.

In dem Film spielt Michelle die intelligente, zunächst fröhliche 13-jährige Schülerin Nawi, die für 60 Schafe, acht Kamele und 100 Ziegen an einen fremden Mann verkauft wird, und die vor der Hochzeit flieht. 60 Schafe, acht Kamele, 100 Ziegen – ein üblicher Brautpreis. Das internationale katholische Hilfswerk „missio München“, das sich in der Turkana in verschiedenen Projekten engagiert, schätzt, dass dort bis zu 40 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden, in ganz Kenia um die 25 Prozent. Sie werden als Dritt- oder Viertfrauen sexuell missbraucht und als Arbeitskräfte ausgebeutet, werden früh schwanger, sterben an Komplikationen bei der Entbindung. Haben keine Zukunft. Oder eine in den engen Grenzen, die ihnen Männer setzen.

Prinz Ludwig von Bayern brachte den Film auf den Weg und ist einer seiner Produzenten. „Wir müssen eine Welt schaffen, in der es gar nicht mehr zu Kinderehen kommt“, sagt er.

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Prinz Ludwig von Bayern brachte den Film auf den Weg und ist einer seiner Produzenten. „Wir müssen eine Welt schaffen, in der es gar nicht mehr zu Kinderehen kommt“, sagt er.
Foto: Daniel Wirsching

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Prinz Ludwig von Bayern brachte den Film auf den Weg und ist einer seiner Produzenten. „Wir müssen eine Welt schaffen, in der es gar nicht mehr zu Kinderehen kommt“, sagt er.
Foto: Daniel Wirsching

Der Geländewagen hält nach bald zwei Stunden am Campus der „Learning Lions“, der „lernenden Löwen“, in Loropio am Turkana-See, mitten in der Halbwüste. Prinz Ludwig von Bayern, der Ururenkel des letzten bayerischen Königs, hat die gemeinnützige Organisation mitgegründet. Sie ermöglicht jungen Erwachsenen unter anderem eine IT-Ausbildung. Armutsbekämpfung durch digitale Jobs, mit denen sie auch in der Halbwüste, auch im Flüchtlingslager Kakuma, weiter nordwestlich, Geld verdienen können.

Der Prinz, der selbst in der Mittagshitze seinen Filzhut selten ablegt, brachte den Film auf den Weg und ist einer seiner Produzenten. Vor über einem Jahrzehnt kam er als Entwicklungshelfer in die Turkana. Anfangs schlief er unter einem Baum in einem schmalen Metallbett samt Moskitonetz und ernährte sich von Karotten, erzählen Einheimische. Sie glaubten nicht, dass er Bildungsangebote aus- und aufbaut – er könne sich ja bloß Karotten leisten! Einen Prinzen aus Bayern hatten sie sich anders vorgestellt. Heute sendet das Campus-Hauptgebäude auf einer steinigen Anhöhe, einem riesigen Termitenhügel gleich, ein Zeichen der Hoffnung ins Land. Auf dem Areal sind Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen entstanden. Und „Nawi“.

„Du bist Nawi!“, hört sie regelmäßig. Sie wird erkannt und bewundert. Und beneidet

Ein Film als Bildungsprojekt mit „Learning Lions“-Studierenden schwebte Ludwig bereits vor Jahren vor. 2017 flogen die Schmutzler-Brüder, ein Freund hatte sie miteinander bekannt gemacht, zu ihm nach Kenia, seiner zweiten Heimat. Das Drehbuch von „Nawi“ basiert auf einer Geschichte, mit der eine junge Frau aus der Nachbarregion der Turkana an einem von ihm initiierten Schreibwettbewerb teilnahm. Eigentlich war die Zukunft Afrikas Thema. Sie wollte, dass die Gegenwart der Zwangsehen vom verschwiegenen zum öffentlichen Thema wird – und ein für allemal Vergangenheit.

Wie ein riesiger Termitenhügel ragt der IT-Campus der gemeinnützigen Organisation „Learning Lions“, die Prinz Ludwig von Bayern mitgegründet hat, in den Himmel. Für viele ist der Bau ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben.

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Wie ein riesiger Termitenhügel ragt der IT-Campus der gemeinnützigen Organisation „Learning Lions“, die Prinz Ludwig von Bayern mitgegründet hat, in den Himmel. Für viele ist der Bau ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben.
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Wie ein riesiger Termitenhügel ragt der IT-Campus der gemeinnützigen Organisation „Learning Lions“, die Prinz Ludwig von Bayern mitgegründet hat, in den Himmel. Für viele ist der Bau ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Foto: Daniel Wirsching

In den drei Monaten der Dreharbeiten übernachtete Michelle auf dem Campus-Gelände. „Es ist wie heimkommen“, sagt sie nun. Geplant sind: ein Treffen mit Ludwig, der an diesem Tag da ist; eine Filmvorführung für Sponsoren seiner Organisation; ein Abstecher zu Drehorten mit einer Missio-Delegation. Zu Füßen des Termitenhügel-Baus haben Arbeiter Fundamente und tragende Säulen einer Kirche in den ausgetrockneten Boden gepflanzt. Sie wächst seit dem Sommer, langsam, stetig. Die Kirche ist ebenso ein gemeinsames Vorhaben von Missio und dem Prinzen wie die Unterstützung des Films. Der soll Aufmerksamkeit auf die globale Kampagne gegen Kinderehen lenken, die mit ihm verbunden ist.

Noch so eine Geschichte: König Ludwig I., einer der berühmten Vorfahren des Prinzen, hatte 1838 den Ludwig-Missionsverein ins Leben gerufen, um Missionare, katholische Auswanderer und Gläubige in Nordamerika und Asien zu fördern. Daraus wurde „missio München“. Prinz Ludwig sagt, er sei sich dieser Ursprünge überaus bewusst. Bewusst ist sich auch Michelle – über die Verantwortung, die ihr mit dem Film zuwuchs. „Du bist Nawi!“, hört sie regelmäßig. Sie wird erkannt und bewundert. Und beneidet. Denn sie hat eine Chance erhalten, von der einer wie Jubal bislang nur träumen konnte.

Der 29-Jährige übte Englisch, lernte, lernte, lernte. 800 junge Erwachsene aus der Region und aus dem Flüchtlingslager Kakuma hatten sich für das mehrwöchige IT-Programm der „Learning Lions“ beworben, 40 wurden genommen. Für Jubal Nabil Kodi ist es die Chance seines Lebens, vielleicht die letzte. Er muss sie nutzen.

Als Michelle mit Ludwig den Kurs in „Business Development“ auf dem Campus besucht, strahlt Jubal sie an. Der Flüchtling aus dem Sudan trägt ein Chelsea-Trikot mit seinem Namen auf dem Rücken, es ist sein Lieblingsshirt.

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Als Michelle mit Ludwig den Kurs in „Business Development“ auf dem Campus besucht, strahlt Jubal sie an. Der Flüchtling aus dem Sudan trägt ein Chelsea-Trikot mit seinem Namen auf dem Rücken, es ist sein Lieblingsshirt.
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Als Michelle mit Ludwig den Kurs in „Business Development“ auf dem Campus besucht, strahlt Jubal sie an. Der Flüchtling aus dem Sudan trägt ein Chelsea-Trikot mit seinem Namen auf dem Rücken, es ist sein Lieblingsshirt.
Foto: Daniel Wirsching

Als Michelle mit Ludwig das „Business Development“-Seminar besucht, ein hoher Raum im Termitenhügel-Bau, strahlt er sie an. Er trägt ein FC-Chelsea-Trikot mit seinem Namen auf dem Rücken, sie um den Hals eine Kette mit Kruzifix. „Ich bin froh, hier zu sein“, sagt Michelle. Jubal und die restlichen Studierenden aus Sudan, Südsudan, Äthiopien, Kongo, einer aus Afghanistan, schnippen mit den Fingern. Applaus. Ludwig sagt in seinem weichen Englisch: „Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, aber wir müssen immer offen sein.“ Fingerschnippen.

Später, auf den Treppen des Campus, erzählt Jubal, dass er bis in die Nacht lerne. Produktentwicklung und Programmieren, Maschinenschreiben und Marketing. Die Erinnerungen an seine Vergangenheit holen ihn ein. 2008 floh er mit einem jüngeren Bruder aus dem Bürgerkriegsland Sudan über die damals autonome Region Südsudan nach Kenia. Er wurde an der Grenze aufgegriffen, landete in Kakuma. Jubal spricht von Bombeneinschlägen, davon, dass er seit 17 Jahren seine Eltern nicht gesehen habe. Er weint. „Nawi“ bedeutet „Heimat“, „Kakuma“ bedeutet „Nirgendwo“. Das 1992 errichtete Flüchtlingslager ist ein Slum mit vermutlich 325.000 Bewohnern. Ein Ort der Hoffnungslosigkeit, des Drecks und des Hungers. Ein von der Welt vergessener Ort. In Kakuma essen sie Erde, sie sitzen fest. Der Sudan oder der Südsudan allerdings ertrinken in Blut.

Jubal, Michelle und Ludwig – dem Geflüchteten, der Schülerin, dem Prinzen – ist eines klar: Durch Bildung lassen sich die Verhältnisse wenden, das Flüchtlingselend und das Elend der Kinderbräute.

„Enge Freundinnen von mir wurden verheiratet“, sagt Michelle

35 Grad auf der Wetter-App. Michelle läuft den Campus-Hügel hinunter, barfuß in rosa Sandalen, vorbei am Prinzen-Schlaf-Baum, und über den vulkanischen Bruchstein der Turkana. Auf einer Schotterpiste begegnen ihr Kinder, die Wasserfässer hinter sich herrollen, plötzlich biegt sie ab, stapft durch den Sand, erreicht einen Zaun aus dürren Ästen, Rundhütten. In der Ferne meckern Ziegen. In dieser Siedlung, die im Film Nawis Dorf ist, endet die Kindheit der Hauptfigur jäh. 60 Schafe, acht Kamele … „Enge Freundinnen von mir wurden verheiratet“, sagt Michelle, und, nachdem sie Vertrauen gefasst hat: „Eine meiner Cousinen war 13, als sie heiraten musste. Er war deutlich älter, sie war seine dritte Frau. Jetzt ist sie 20, sie blieb im Dorf meiner Großeltern.“ Michelle hält sekundenkurz inne. „Ich weiß ein bisschen, wie sie sich fühlt. Und was sie fühlt.“

In dieser Siedlung, die in „Nawi – Dear Future Me“ Nawis Dorf ist, endet die Kindheit der Filmfigur jäh, alle Träume ersterben. In Kenia ist das Problem der Zwangsehen groß.

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In dieser Siedlung, die in „Nawi – Dear Future Me“ Nawis Dorf ist, endet die Kindheit der Filmfigur jäh, alle Träume ersterben. In Kenia ist das Problem der Zwangsehen groß.
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In dieser Siedlung, die in „Nawi – Dear Future Me“ Nawis Dorf ist, endet die Kindheit der Filmfigur jäh, alle Träume ersterben. In Kenia ist das Problem der Zwangsehen groß.
Foto: Daniel Wirsching

Es ist mutig, so offen zu sprechen. Ähnlich wie Nawi, die entscheidet, sich nicht in ihr Schicksal zu fügen, traf Michelle eine Entscheidung, die Folgen hat: Sie kämpft gegen Kinderehen. Für manche aus dem Dorf ihrer Großeltern ist sie eine Nestbeschmutzerin. Eine, die sich gegen jahrhundertealte Traditionen stellt und die ganze Gemeinschaft in schlechtes Licht rückt.

Der Film wurde im Flüchtlingslager Kakuma gezeigt, in Schulen und dank eines Kino-Trucks in den Hüttensiedlungen der Turkana. Es waren die älteren Männer, die schwiegen. Es waren die jüngeren Männer – Michelle lächelt –, die zu ihr sagten: „Du bist tapfer.“ Oder: „Man muss den Frauen mehr Rechte geben.“ Michelle erlebt, dass der Film die Menschen ins Gespräch und zum Nachdenken bringt. Dass Mädchen Briefe an ihr zukünftiges Ich schreiben, wie Nawi: „Dear Future Me …“. Dass sie zu träumen wagen.

Ein in Gedanken versunkener Missio-Präsident Wolfgang Huber hat unter einem Strauch am Rande der Siedlung Schutz vor der stechend-grellen Sonne gefunden. Seine Gedanken? Mit Blick auf den Termitenhügel-Campus, der hinter einer der Hütten in den wolkenlosen Himmel ragt, sagt er: „Wenn man in solche Dörfer kommt, merkt man häufig, dass etwas totgeschwiegen wird.“ Eben habe er mit älteren Frauen gesprochen. Sie meinten, es sei wichtig, den Mädchen zu helfen.

Prinz Ludwig: „Wir müssen eine Welt schaffen, in der es nicht mehr zu Kinderehen kommt“

Huber sagt: „Es geht voran.“ Prinz Ludwig, das künftige Oberhaupt des Hauses Wittelsbach, sagt: „Wir müssen eine Welt schaffen, in der es nicht mehr zu Kinderehen kommt.“ Nach wie vor gingen dauernd Mädchen verloren, ihre Stühle in den Klassenzimmern: leer. „Wir hatten Fälle von Neunjährigen.“ Michelle sagt: „Ich will etwas zurückgeben.“

In wenigen Tagen treffen sie sich wieder, Michelle reist mit ihrer Mutter zum Deutschlandstart von „Nawi“ am 5. März an. Zuvor, am 2. März, werden 600 Gäste – „inklusive Prominenz aus Politik und Unterhaltung“, heißt es – im Arri-Kino in München erwartet. Wieder eine Premiere für Michelle. Wie oft sie sich inzwischen auf der großen Kinoleinwand sah, weiß sie nicht. Dass sie in Bayern Schnee sehen möchte – das weiß sie.