Die öffentlichen Termine des Außenministers dieser Tage scheinen nicht so recht zur Weltlage zu passen – etwa zum Iran-Krieg, wo die Blockade der Straße von Hormus international die Wirtschaft in Atem hält. Oder zum Ukrainekrieg, wo Russland seine Aggression auch nach vier Jahren des ukrainischen Widerstands noch fortsetzt. Donald Trumps Friedensbemühungen kommen nicht voran – erfahrene Diplomaten mit einem langen Atem wären gefragt. Aus Europa zum Beispiel.
Der deutsche Chefdiplomat Johann Wadephul ist am Mittwoch und Donnerstag aber in Marokko zu Besuch – in der Hauptstadt Rabat werden 70 Jahre Beziehungen zwischen den beiden Ländern gefeiert. Er besucht einen deutschen Automobilzulieferer, kickt mit marokkanischen Nachwuchsfußballerinnen, besichtigt das königliche Mausoleum in der Hauptstadt Rabat. Marokko ist für Deutschland strategisch wichtig: als Rohstoffpartner und Produktionsstandort sowie perspektivisch als Lieferant von Solar- und Windenergie, Stichwort: grüner Wasserstoff. Zudem spielt das Land eine Schlüsselrolle auf der Migrationsroute nach Europa und unterstützt mit Geheimdienstinformationen die Terrorabwehr.
Wadephul führt politische Gespräche, spricht von einem „Schlüsselpartner“, von einer „jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung“, von mehr als 300 deutschen Unternehmen, die im Land investieren. Begleitet wird er von einer Wirtschaftsdelegation, von Abgeordneten und vom ehemaligen Fußballprofi und Leverkusen-Veteranen mit marokkanischen Wurzeln, Karim Bellarabi, als Sportbotschafter – Marokko gehört zu den Hauptgastgebern der Fußball-WM 2030.
Am 6. Mai ist Wadephul ein Jahr als Außenminister im Amt, angetreten, um gemeinsam mit Friedrich Merz Außenpolitik „aus einem Guss“ zu machen. Also nicht innerhalb der Regierung zu streiten, wie es Ampel-Kanzler Olaf Scholz (SPD) und seine Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) getan haben. Durch das gemeinsame Handeln der beiden CDU-Politiker sollte Deutschland endlich wieder außenpolitisch mehr Gewicht bekommen. Doch ist das gelungen?
„Sehr gut“, sagt der Minister. „Wir haben mehr Partner als je zuvor.“ Er könne sich vor Einladungen kaum retten. „Das zeigt, Deutschlands Gewicht, außenpolitisches Gewicht wird gesehen“, betont er vor Journalisten. Nur wenige Stunden vor seiner Abreise nach Marokko war er aus New York in Berlin angekommen, wo er bei den Vereinten Nationen um Stimmen für einen deutschen Einzug in den UN-Sicherheitsrat 2027/28 geworben hat. Davor war er in Irland, das im Juli die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, kommende Woche wird er Griechenland besuchen. Es klingt mehr nach Pflichtterminen als nach Krisendiplomatie auf dem internationalen Parkett. Ein klar erkennbarer Kurs fehlt.
Direkt nach seinem Amtsantritt war das anders: In der ersten Woche war er erst mit Dutzenden europäischen Amtskollegen in der Ukraine, dann reiste er nach Israel und in die palästinensischen Gebiete – in einer Zeit, als der Krieg in Gaza tobte. Er stellte unbequeme Fragen, setzte in nüchterner, pragmatischer Art eigene Akzente. Doch preschte er zeitweise so weit vor, dass er Ärger in der eigenen Fraktion bekam – etwa als er die israelische Kriegsführung in Gaza kritisierte oder als er bei einem Besuch in Syrien öffentlich an der zeitnahen Rückkehr der Flüchtlinge zweifelte. Seither drückt sich der Außenminister vorsichtig aus. Der Schwung aus der Anfangszeit ist weg.
Zugleich stellt sich eine grundsätzliche Frage, die Wadephuls erstes Amtsjahr begleitet: Wo und wie kann Deutschland in der Krisendiplomatie derzeit tatsächlich Einfluss ausüben? Im Ukraine- und im Iran-Krieg, so scheint es, sind mit der Konfliktlösung wiederum andere befasst. Wadephul sagt dazu: „Natürlich sind wir nicht die vordersten Verhandlungspartner.“ Aber wenn er darauf blicke, wie viel Arbeitszeit er dafür aufwende, im Hintergrund Gespräche über den Irankonflikt zu führen, weil „Diplomatie nicht immer das Scheinwerferlicht verträgt“, dann könne er nicht sagen, dass Deutschland gar keine Rolle spiele.
Deutschland sei überdies der stärkste finanzielle, militärische und politische Unterstützer der Ukraine. „Das ist von unschätzbarem Wert für die Sicherheitsarchitektur Europas.“ Eine Konfliktlösung werde es erst geben, wenn Russland verstehe, dass verhandelt werden müsse. „Aber bis dahin stabilisieren wir die Situation in der Ukraine und damit auch für Europa. Und das ist, glaube ich, eine bedeutsame Rolle, die wir dort einnehmen.“
Während des Marokko-Besuchs ist Wadephul mit Störfeuer aus Washington konfrontiert. Zu Trumps Attacken gegen Merz sagt er, das sei „eine Einzelbemerkung des Präsidenten gewesen“. Kurz darauf telefoniert der Minister mit seinem US-Amtskollegen Marco Rubio. Beide seien sich einig gewesen, dass es eine schnelle Verhandlungslösung zur Beendigung des Iran-Kriegs brauche, hieß es aus Delegationskreisen des Außenministers. Doch wenig später legt Trump auf Social-Media nach, spricht von einer möglichen Verringerung der Truppenpräsenz in Deutschland. Wadephul sagt, das sei „die Ankündigung einer Überprüfung“ und „keine neue Mitteilung“. Er sehe dem mit Gelassenheit entgegen, da Deutschland ohnehin mehr Sicherheitsverantwortung übernehme.
Am Ende der Marokko-Reise gibt es aber auch hoffnungsvolle Nachrichten: Laut Wadephul gibt es einen „großen Durchbruch für die Menschen im Sudan“, eine Verständigung aller regionalen Akteure. Das zeige, „Diplomatie kann Erfolge erzielen“. Auch bei der Westsahara sieht er eine „greifbare Chance“, den seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zu überwinden.