Grauer Himmel, Schneeregen und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Selbst der Hund bleibt lieber drinnen und der vom Winterblues geplagte Mensch bedauert, nicht wie die Zugvögel in den Süden geflogen zu sein. Wer den Störchen, Schwalben und Seggenrohrsängern tatsächlich folgt, der landet irgendwann im breiten Ästuar des Senegal-Flusses. Hier am Ende der Wüste treffen die Langstreckenflieger erstmals wieder auf reichlich Wasser. So ist das breite Mündungsdelta mit seinen Schilfgebieten und kleinen Inseln ihre zweite Heimat geworden.
Der Djoudj-Nationalpark an der Grenze zu Mauretanien gilt als das drittgrößte Vogelschutzgebiet der Welt und ist schon lange Teil des Weltnaturerbes. Man erreicht ihn auf einer holprigen Sandpiste, die schon bessere Tage gesehen hat. Die Lodge ist seit der Corona-Pandemie verwaist. Nur 35.000 Menschen im Jahr fänden den Weg, sagt die Frau im improvisierten Kassenhäuschen. Wenige Kilometer weiter steigt man in schwankende Holzboote mit Außenborder – und ist binnen Minuten umringt von Tausenden Vögeln. Flamingos seien das Wasser nach kleinen Krebsen durch. Reiher und Ibisse stochern darin herum. Kormorane und Afrikanische Löffler streiten in den blattlosen Bäumen um die besten Sitzplätze. Oben in den Kronen halten Fischadler Ausschau nach Beute, etwas darunter sitzen Eisvögel. Man kommt sich vor wie in einem Tierfilm. 400 Arten sind im Delta heimisch, viele Zugvögel kommen im Winter dazu.
Der mehr als 1000 Kilometer lange Senegal-Strom hat einer ganzen Nation den Namen gegeben. Aber er ist beileibe nicht die einzige Attraktion des Landes, in dem sich trotz Sonnengarantie erst zaghaft etwas Badetourismus etabliert. Man kann in einem Wüstencamp bei Lompoul zwischen Sanddünen übernachten, im Bandia-Reservat die Grabstätte verblichener Musikanten in einem knorrigen Baobab besuchen und – wenn man sich traut – im privat geführten Fathala-Park sogar mit ausgewachsenen Löwen spazierengehen. Die Großkatzen haben vorher gefrühstückt.
Saint-Louis auf einer Insel im Fluss ist eine quirlige Hafenstadt. An den Kais dümpeln Holzboote in allen Farben. Bis zu 40 Männer fahren damit raus auf den oft kabbeligen Atlantik, um die Netze voller schwerer Fingerfische von Hand einzuziehen. Am Kai werden sie auf Eis gelegt und nach Mali verfrachtet. Neben Phosphat und Erdnüssen exportiert Senegal Fisch. Auf den Straßen leben Ziegen und Schafe von den Abfällen. Esel ziehen ganze Hausstände durch die Straßen. Die Stadtpaläste aus der französischen Kolonialzeit im Schnittpunkt der Wüstenvölker und Schwarzafrikas verfallen in der salzgetränkten Luft.
Das Herz Senegals schlägt ganz im Westen des Kontinents in Dakar. Die Millionenstadt am Kap Vert hält mit dem Zuzug vom Land kaum Schritt. Dennoch leben die vielen Volksgruppen, die Wolof, Serer, Toucouleur, Diola oder Mandrinka mit ihren eigenen Sprachen, der Islam mit seinen sektenähnlichen Bruderschaften und die etwa zehn Prozent Christen erstaunlich friedlich nebeneinander. Der Senegal ist die einzige stabile Demokratie Westafrikas. Insbesondere der Fußball verbindet alle Menschen des Landes miteinander. Die Eindrücke in Dakar sind widersprüchlich. Neben dem leeren Unabhängigkeitsplatz haben Handwerker ihre großen Handwebstühle auf den Bürgersteig gestellt. Gleich daneben gibt es eigene Fahrspuren für die neuen Schnellbusse.
Das hohe Bevölkerungswachstum, der Klimawandel mit Tendenzen zu Wasserknappheit und die Instabilität der meisten Nachbarländer behindern Senegals Entwicklung. Die Mehrheit der Senegalesen lebt bis heute auf dem Land. Dazu gehört auch Foday Bemba. Vom Trubel in der Stadt erfährt er nur aus dem Internet, wenn das winzige Solarpanel auf dem Dach seiner Lehmhütte genügend Energie fürs Smartphone liefert. Mit seinen zwei Brüdern und deren Familien wohnt der Bauer im Dorf Toubakouta im Saloum-Delta an der Grenze zu Gambia. Private Helfer haben 2021 einen Brunnen finanziert, damit die Kinder das Waschwasser nicht aus der teuren Leitung zapfen müssen. An einem Strick ziehen sie es in einem Plastikcontainer an die die Oberfläche. Im großen Hof des Gehöfts stehen Mangobäume, Papayas und Cashews. Hühner picken im Sand. Auf den Äckern wachsen Reis, Hirse und Mais. Die Dächer sind mit Holz der Mangrovenbäume gedeckt, weil der Salzgehalt die Termiten fernhält. Einrichtung gibt es kaum. Gekocht wird auf dem Boden. Aber ein altes Motorrad steht im Hof, falls jemand mal in die Stadt muss.
So kommen Bemba und seine Familie über die Runden. Es wird viel gelacht. Niemand klagt und der mitgebrachte stabile Sack mit 50 Kilo Reis wird sorgsam geöffnet, der Inhalt aufgeteilt und die Verpackung später zu einer Matratze verarbeitet. Neugierig studieren die Kinder das Notizbuch des Gastes. Nicht alle gehen zur Schule. Was sie gerne hätten? Frisches Baguette aus der Bäckerei von Abu Yallow um die Ecke. In einem Verschlag aus Wellblechresten schiebt Yallow die Rohlinge für fünf bis zehn Minuten in den heißen Steinofen. Im Vorbeigehen würde man die improvisierte Backstube zwingend übersehen. Das Ergebnis schmeckt wie in Paris und heiß vielleicht sogar noch besser. Ein Brot kostet 100 afrikanische Franc, umgerechnet 15 Cent. Das lassen sich Gastgeber und Gäste natürlich gemeinsam schmecken.
Die Recherche wurde von Gebeco unterstützt.