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Die Bundesregierung hat die humanitäre Hilfe für den Sudan halbiert. Jan Sebastian Friedrich-Rust erklärt die dramatischen Folgen vor Ort.

Seit etwa zweieinhalb Jahren herrscht im Sudan Krieg. Zeug:innen berichten von Massakern, Folter, Vergewaltigungen und Plünderungen. Mehr als 14 Millionen Menschen wurden vertrieben. Zwei Drittel der Bevölkerung hungern. Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Krise weltweit. Jan Sebastian Friedrich-Rust war erst kürzlich im Sudan und im benachbarten Tschad – und hat dort Geflüchtetenlager und humanitäre Hilfsprojekte besucht.

Sudanese displaced people who left El-Fasher after its fall, sit in the shade in Tawila at the Rwanda camp reception point on December 17, 2025 Since its outbreak in April 2023, the war between Sudan's army and the paramilitary Rapid Support Forces (RSF) has killed tens of thousands of people and displaced nearly 12 million. At the end of October, the paramilitary group seized control El-Fasher, the conclusion of a bitter 18-month siege for the strategic hub in western Sudan's Darfur region and marked by reports of mass killings and sexual violence.(Photo by AFP)Sudanesische Vertriebene sitzen am 17. Dezember in Tawila am Aufnahmepunkt des Lagers im Schatten. © AFP

Herr Friedrich-Rust, Sie waren kürzlich im Sudan und im Tschad. Was haben Ihnen die Leute erzählt, mit denen Sie gesprochen haben?

Ich war in Metché und in Adré in der Provinz Wadai in zwei Flüchtlingslagern und habe dort mit mehreren Familien gesprochen. Einer der Familienväter hat erzählt, wie er vor zehn Tagen aus Al-Faschir entkommen ist. Er erzählte, dass sein Haus beschossen und von Granatensplittern getroffen wurde. Seine Frau und vier seiner Söhne sind dabei gestorben. Er selbst hat dabei sein Bein verloren und eine seiner kleinen Töchter klagte über starke Schmerzen. Ihr steckte ein Granatensplitter im Bein.

„Erschütternde“ Berichte aus dem Sudan: „Menschen vor ihren Augen erschossen“

Zeug:innen berichten von Vergewaltigungen und grausamen Massenerschießungen in Al-Faschir. Sogar aus dem All, auf Satellitenbildern, konnte man die Blutspuren sehen.

Dazu habe ich erschütternde Berichte von den Menschen gehört. Alle, mit denen ich gesprochen habe und die aus Al-Faschir entkamen, haben darüber berichtet, dass Menschen vor ihren Augen erschossen worden sind. Und Mütter haben uns davon erzählt, dass sie und ihre Töchter sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Wie schaffen es die Menschen, aus Al-Faschir zu flüchten?

Ein Mann hat mir erzählt, dass er Geld von Verwandten geschickt bekommen hat, die bereits in einem Flüchtlingslager im Tschad waren. Damit hat er dann eine Autofahrt bezahlen können, die natürlich trotzdem enorm gefährlich war. Die meisten Menschen in den Flüchtlingslagern leben dort schon seit ein bis zwei Jahren. Von denjenigen, die aktuell aus Al-Faschir flüchten, schaffen es die wenigsten in den Tschad. Die meisten kommen nur bis Tawila, einer Kleinstadt in Darfur. Dort kommen gerade enorm viele Menschen aus Al-Faschir an.

Wie ist die Lage in Tawila?

Ich selbst konnte aus Sicherheitsgründen nicht nach Tawila fahren. Doch unsere Mitarbeitenden vor Ort berichten von katastrophalen Zuständen. Es fehlt dort an allem. Die meisten lokalen Mitarbeitenden haben selbst Angehörige verloren. Unser Team leistet vor Ort mit mobilen Gesundheits- und Ernährungskliniken lebensrettende Hilfe.

USAID abgewickelt – Deutschland halbiert humanitäre Hilfe: „Einschnitte haben dramatische Folgen“

Was erwartet die Menschen in den Lagern im Tschad?

Fast alle, die flüchten, haben ihr komplettes Eigentum verloren. Diejenigen, die es in den Tschad geschafft haben, sagten zu mir: Wir fühlen uns jetzt sicher, unser Leben ist nicht mehr gefährdet. Doch auch hier haben wir nicht genug, um unsere Familien ausreichend zu ernähren. Die Vereinigten Staaten haben Anfang des Jahres USAID abgewickelt und Hilfsgelder fast komplett gestrichen. Auch Deutschland hat seine Mittel für humanitäre Hilfe um 50 Prozent drastisch reduziert. Mit den USA ist der wichtigste Geber weggefallen. Die historischen Einschnitte haben dramatische Folgen vor Ort. Die Ernährungs- und Gesundheitsversorgung bewegt sich aufgrund der Unterfinanzierung am absoluten Minimum. Ich habe einen Arzt getroffen, der allein 16 000 Menschen versorgen soll. Das ist eine unmögliche Aufgabe.

Ein Mann in einem Geflüchtetenlager im Tschad.  Ein Mann in einem Geflüchtetenlager im Tschad. Millionen Menschen wurden durch die Kämpfe zwischen der Armee und der Miliz RSF vertrieben. © Aktion gegen Hunger

Wie viel Geld fehlt?

Die humanitäre Hilfe für den Sudan ist in diesem Jahr nur zu rund 35 Prozent finanziert – bei einem Bedarf von über vier Milliarden US-Dollar. Infolgedessen werden lebensrettende Programme eingestellt, lokale Suppenküchen geschlossen und Millionen von Menschen verlieren ihre letzte Nahrungsquelle.

Welche konkreten Projekte betreibt Aktion gegen Hunger im Sudan?

Wir betreiben sogenannte Gesundheitszentren zur Erstversorgung, die unter anderem vom Auswärtigen Amt finanziert werden. Das sind Gesundheitszentren, in denen Mangelernährung bei Kindern behandelt wird, in denen wir impfen, Geburtshilfe leisten und Cholera bekämpfen. Seit Beginn des Krieges haben wir mehr als 1,2 Millionen Menschen in den Bundesstaaten Zentral-Darfur, Süd-Kordofan, Weißer Nil, Blauer Nil und Rotes Meer mit Hilfsprojekten in den Bereichen Ernährung und Gesundheit, Wasser und Sanitärversorgung sowie psychosoziale Unterstützung erreicht.

Wieso sind diese Projekte wichtig?

Weil sie Leben retten. Ich war in Zentral-Darfur, dort gibt es keinerlei staatliche Infrastruktur mehr. Die Schulen wurden geplündert. Es gibt keinen Schulbetrieb. Gleiches gilt für Kliniken. Es gibt dort einfach nichts mehr. Deswegen sind unsere Gesundheitszentren so wichtig. Ohne humanitäre Akteure wie Aktion gegen den Hunger und lokale Akteure wie die Emergency Response Rooms gäbe es überhaupt keine Hilfe für die notleidende Bevölkerung.

Deutschland kürzt humanitäre Hilfe: Einem Projekt im Sudan droht das Aus

Gibt es Projekte von Ihnen, die wegen der Streichung von Mitteln schließen müssen?

Leider ja. Wir betreiben beispielsweise mit Unterstützung des Auswärtigen Amts ein Projekt in den Regionen Blauer Nil und Weißer Nil. Wir haben damit rund 100 000 Menschen pro Jahr erreichen können. Darunter befinden sich auch 15 000 Kinder, die unter einer lebensgefährlichen akuten Mangelernährung leiden. Die Finanzierung für dieses Projekt läuft Ende des Jahres 2025 aus. Wir haben noch keine Förderzusage für eine Folgefinanzierung des Auswärtigen Amtes erhalten. Damit kann das Projekt ab Januar bis auf Weiteres nicht fortgeführt werden.

Was heißt das für die Menschen dort?

Das bedeutet, dass wir keine lebenswichtige Hilfe leisten können. Wir haben den Zugang zu den Menschen und können sie erreichen, aber das geht nur mit ausreichender Finanzierung. Wir versuchen natürlich, alternative Finanzierungsquellen zu finden. Doch in Zeiten, in denen nicht nur Deutschland, sondern fast alle Geberländer drastisch kürzen, ist dies eine enorme Herausforderung. In jedem Fall wird eine Finanzierungslücke entstehen. Unsere Mitarbeitenden, die in dem Projekt arbeiten, müssen wir freistellen. Man muss das klar sagen: Es geht hier um Menschenleben. Millionen Menschen im Sudan leiden an Hunger oder benötigen medizinische Betretung. In der Klinik werden aktuell 2000 Kinder wegen akuter Mangelernährung behandelt. Dennoch läuft unser Projekt Ende des Jahres aus, die Klinik muss dann geschlossen werden.

Was hören Sie aus dem Auswärtigen Amt, wenn Sie dieses Problem dort vortragen?

Die Mitarbeitenden sind auch frustriert. Die Abteilung für humanitäre Hilfe, die gerade in der aktuellen Form abgeschafft und umstrukturiert wird, will Hilfe leisten, genauso wie wir. Aber auch unsere Ansprechpersonen beim Auswärtigen Amt können da wenig ausrichten. Denn sie müssen sich nun einmal an die Bundeshaushaltsgesetze und an die – in Bezug auf die humanitäre Hilfe – zu langsamen Entscheidungswege der Bundesregierung halten. Um Situationen wie die Schließung unserer Klinik zu vermeiden, braucht es flexiblere Finanzierungsmodelle. Das wäre möglich, doch leider fehlt es am politischen Willen, hier rechtzeitig eine Lösung zu finden. Für viele Menschen vor Ort wird es bald aber schon zu spät sein.

Außer Aktion gegen den Hunger – welche Organisationen sind im Sudan aktiv?

Eine wichtige nationale Organisation sind die Emergency Response Rooms, die vor kurzem auch den alternativen Nobelpreis erhalten haben. Sie betreiben Gemeindeküchen und leisten medizinische Betreuung. Allerdings mussten von diesen Einrichtungen in diesem Jahr rund 70 Prozent schließen, weil finanzielle Mittel weggefallen sind. Die deutsche Bundesregierung bestätigt uns, dass die Emergency Response Rooms eine großartige Arbeit leisten. Doch gleichzeitig sagt sie uns, dass das deutsche Haushaltsrecht es nicht zulässt, diese Organisation aufgrund des unklaren rechtlichen Status finanziell zu unterstützen. Damit ist die effektivste Hilfe vor Ort gefährdet.

Und das versuchen Sie aufzufangen?

Ja, wir versuchen als Frontline-Responder auch unter hohen Risiken vor Ort zu helfen. Das gilt für Aktion gegen den Hunger, aber auch für andere NGOs wie Ärzte ohne Grenzen. Auch die UN und UNHCR leisten Hilfe, aber die gehen nur selten in die Fläche, wie nach Darfur, und öffnen dort eben verhältnismäßig kleinen Health Facilities mit nur zehn Mitarbeitenden. Die UN organisiert eher die geballten großen Camps. Das ist wichtig, aber es braucht auch diejenigen, die in Regionen gehen, in denen sonst niemand Hilfe leistet – und so eine Region ist Zentral-Darfur.

Wieso leistet die UN dort keine Hilfe?

Das müssen Sie die UN selbst fragen. Ich kann nur sagen, dass es in diesen Regionen extrem gefährlich ist, Hilfe zu leisten. Ich war in Zalingei, der Hauptstadt von Zentral-Darfur. Dort ist hundert Meter von unserem Büro entfernt vor einer Woche eine Handgranate in einer Klinik detoniert. Fünf Mitarbeitende wurden schwer verletzt, einer ist gestorben. Nicht viele Organisationen sind bereit, solche Risiken auf sich zu nehmen. Deshalb habe ich auch größten Respekt vor unseren Mitarbeitenden vor Ort.

Botschaft an Kanzler Merz: „Zeitfenster, um im Sudan eine politische Lösung zu erreichen, wird sich bald schließen“

Aus den Erfahrungen, die Sie auf Ihrer Reise gemacht habe: Was wäre Ihre Botschaft an die deutsche Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz?

Die Bundesregierung darf nicht vergessen, dass Afrika unser Nachbarkontinent ist. Wir haben in West- und Zentralafrika sehr viele Krisenherde. Wenn wir den Sudan nicht stabilisieren oder zulassen, dass auch ein Land wie der Tschad kollabiert, dann entsteht ein regionaler Brandherd, den man nicht mehr löschen kann. Das Zeitfenster, um im Sudan noch eine politische Lösung zu erreichen, wird sich bald schließen. Und die Kosten eines Großbrands in West- und Zentralafrika, wo es ohnehin viel zu wenige stabile Regierungen gibt, werden für Deutschland und Europa enorm hoch sein.

Mit Sicherheit sehr viel höher, als jetzt ausreichende Geld für die humanitäre Hilfe zur Verfügung zu stellen. Im Sudan sind zehn Millionen Menschen auf der Flucht. Vier Millionen Menschen sind bereits aus dem Sudan geflohen. Diese Menschen werden irgendwann, wenn die Region weiterhin so instabil bleibt, auch nach Europa und Deutschland kommen. Das ist ein Argument, das wir als humanitärer Akteur nicht gerne vorbringen, denn wir appellieren viel lieber dazu, Hilfe allein aus humanitären Gründen zu leisten. Doch leider reicht dies in unserem aktuellen politischen Klima nicht mehr aus. Humanitäre Hilfe liegt auch im sicherheitspolitischen Interesse von Deutschland.

Jan Sebastian Friedrich-Rust ist Geschäftsführer von Aktion gegen Hunger. Das Hauptziel der Hilfsorganisation ist der Kampf gegen Mangelernährung und Hunger.

Im Jahr 2024 hat das internationale Netzwerk, zu dem Aktion gegen den Hunger gehört, laut des Jahresberichts der Organisation 675,8 Millionen Euro eingenommen. Damit seien rund 26,5 Millionen Menschen in 57 Ländern und Regionen erreicht worden.

Die Miliz RSF hat im Sudan bei einer Offensive auf ein Flüchtlingslager im Frühjahr nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 1013 Zivilist:innen getötet. Durch den Angriff vom 11. bis 13. April seien mehr als 400.000 Bewohner des Lagers aufs Neue vertrieben worden.