Die Laufbahn auf dem Campus der Moi-Universität in Eldoret sieht nicht so aus, als sei sie für Champions gebaut worden. Ihr Belag ist eine Mischung aus Lehm und Kies, und sie ist zehn Meter länger als die normale 400-Meter-Strecke. Die Läufer:innen nutzen Stühle aus dem Klassenzimmer, um Start und Ziel zu markieren. Doch Eldoret, eine Stadt mit mehreren Hunderttausend Einwohnern, gilt als Kenias inoffizielle Hauptstadt des Laufsports. Ein guter Ort also, um Athleten zu entdecken, die Kenia zu einer Weltmacht des Langstreckenlaufs machen.
An einem Januarmorgen haben sich hier fast hundert Trainierende, darunter Olympiamedaillengewinner:innen und Sieger:innen großer Marathons, zum „Speedwork“ versammelt: hochintensive Intervalle, die die besten Läufer:innen mühelos absolvieren. Die Strecke war so voll mit Talenten, dass man den Mann der Stunde, einen schlaksigen Läufer in einem türkisfarbenen Hemd und dick besohlten Nike-Schuhen, leicht übersehen konnte. In nur etwas mehr als einem Jahr hatte sich Kelvin Kiptum von einem fast Unbekannten zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Er lief drei der sieben schnellsten Marathons der Geschichte und stellte im Oktober 2023 in Chicago mit 2:00:35 Stunden den offiziellen Weltrekord der Männer auf. Drei Monate später wollte er in Rotterdam etwas einst Undenkbares versuchen: die 42,195 Kilometer in weniger als zwei Stunden bewältigen. Doch genau das gelang dem Kenianer Sabastian Sawe am 26. April 2026 beim Marathon in London. Mit einer Zeit von 1:59:30 Stunden lief er ins Ziel – und hielt später seinen Schuh in die Luft. Das zeigt, welche Schlüsselrolle die Schuhe bei dem Wettkampf haben.
Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 7/2024 von MIT Technology Review erschienen. Aufgrund der Weltrekord-Zeit von Sabastian Sawe im April 2026 veröffentlichen wir die große Reportage an dieser Stelle erneut, aber mit dem Einschub zu Sawes Leistung. Hier könnt ihr die TR 7/2024 bestellen.
Ein Paradigmenwechsel im Laufsport: durch diese Schuhe
Doch zurück zu Kiptums Entwicklung im Jahr 2023: Obwohl die Fans vor Kiptums Triumph in Chicago in Ehrfurcht erstarrten, feierten nicht alle die Schuhe, die ihn zum Sieg getrieben hatten: Die Vaporflys von Nike wurden 2016 auf den Markt gebracht und führten einen Paradigmenwechsel herbei. Sie halfen den Athletinnen und Athleten, effizienter und damit schneller zu laufen. Seitdem muss sich die Laufelite aber auch mit den Folgen der Hightech-Schuhe für ihren Sport auseinandersetzen. Manche sehen sie als Zeichen des Fortschritts: Neue Rekordzeiten sorgen für Aufmerksamkeit für einen Sport, der in vielen Teilen der Welt keine große Anhängerschaft hat. Und wie Spitzensportlerinnen und -sportler sowie Coaches in Kenia immer wieder äußern, haben die Schuhe nicht nur im Wettkampf Vorteile: Vor allem tragen sie dazu bei, den Verschleiß des Körpers zu minimieren und eine schnellere Erholung zu ermöglichen.
„In den alten Schuhen war man nach zehn Marathons völlig erschöpft. Jetzt sind zehn Marathons wie nichts.“
Dennoch argumentieren einige, dass die Superschuhe den Sport zu schnell verändert hätten. Es sei nicht nur schwierig geworden, neue Rekorde fair mit alten zu vergleichen; der ständige Strom an Schuh-Innovationen hat auch zu endlosen Spekulationen darüber geführt, welche Markenschuhe die besten sind. Kritiker sagen, dass die Ausrüstung zu stark gegenüber den Fähigkeiten der Läufer in den Vordergrund rückt. Laboruntersuchungen legen zudem nahe, dass manche Läufer – je nach ihrer Biomechanik – einen größeren Nutzen aus der Technologie ziehen als andere. Es sei praktisch unmöglich, „die Leistungen verschiedener Athleten zu bewerten – unabhängig von Zweifeln, was die Schuhe am Ende bewirken“, sagt etwa der südafrikanische Sportwissenschaftler Ross Tucker, ein ausgesprochener Kritiker der Superschuhe.
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„Superschuhe“ von verschiedenen Marken
Der Vaporfly von Nike war nur der Anfang. Heute bieten die meisten großen Marken mehrere Versionen solcher „Superschuhe“ an. Sie verbinden einen leichten, rückfedernden Schaumstoff mit einer Karbonfaserplatte für mehr Steifigkeit. „Superspikes“ mit einem ähnlichen Konzept sind inzwischen auch auf Laufbahnen weit verbreitet. Die Leistungen haben sich entsprechend verändert. Nach Angaben des Welt-Leichtathletik-Verbandes haben Läufer mit „fortschrittlicher Schuhtechnologie“ seit 2020 alle Straßen- und Freiluft-Weltrekorde von 5000 Metern bis zum Marathon gebrochen – eine einzigartige Häufung in der modernen Geschichte des Sports.
Einen inoffiziellen Marathon im Jahr 2019 schaffte der Kenianer Eliud Kipchoge in erstaunlichen 1:59:40 Stunden. Im September 2023 unterbot die Äthiopierin Tigst Assefa in Berlin den Weltrekord der Frauen um mehr als zwei Minuten und lief 2:11:53 in dem ultraleichten Adidas Adizero Adios Pro Evo 1 (von dem es inzwischen Nachfolger-Modelle bis zum Adios Pro 4 gibt) – einem Schuh, der nur einmal getragen werden kann. Kelvin Kiptum stellte mit den Alphaflys 3 von Nike im Oktober 2023 in Chicago den offiziellen Marathon-Männerweltrekord auf (der Alphafly 4 soll 2026 auf den Markt kommen). Uneingeweihte könnten denken, dass die weißen Plateauschuhe, die an Mondstiefel erinnern, eher in eine Science-Fiction-Kulisse gehören als auf die Straßen von Chicago.
Wie viel von Kiptums Erfolg ist auf sein Talent, sein Training, seinen Willen und seine mentale Stärke zurückzuführen – und wie viel auf die Technologie von Nike? Das ist schwer zu sagen – und tragischerweise kann er sich nicht mehr selbst dazu äußern. Einige Wochen, nachdem er in Eldoret an dem „Speedwork“ teilgenommen hatte, kamen er und sein Trainer Gervais Hakizimana bei einem Autounfall auf dem Weg zum Training ums Leben.
Besonders in Kenia spielt der Zugang zu Laufschuhen eine entscheidende Rolle
Schuhe waren das Letzte, woran die kenianische Laufgemeinschaft nach Kiptums Tod dachte. Doch der spektakuläre Aufstieg des Läufers zeigt ihre Bedeutung. Obwohl die Revolution der Schuhtechnologie den Sport auf der ganzen Welt beeinflusst, waren ihre Auswirkungen nur an wenigen Orten so drastisch wie in Kenia, wo Laufen nicht nur ein Sport, sondern auch ein Weg aus der Armut ist. In diesem Sinne sind die neuen Hightech-Schuhe nur zum Teil ein Segen: Für etablierte Läuferinnen und Läufer mit Firmensponsoring sind sie ein Anschub, für diejenigen, die noch auf ihren großen Durchbruch warten, ein Hindernis. Selbst die billigsten Modelle kosten weit über 100 US-Dollar – keine geringe Summe für junge Menschen aus benachteiligten Verhältnissen.

Der Adidas Adizero Adios Pro Evo 1 ist nur für einen einmaligen Gebrauch ausgelegt. Der aktuelle Marathon-Sieger Sabastian Sawe, der den Wettlauf in London erstmals unter zwei Stunden zurücklegte, trug die Weiterentwicklung: Adizero Adios Pro Evo 3. (Foto: Adidas)
Das wichtigste gemeinsame Merkmal sind die (oft von den Herstellern selbst entwickelten) Schaumstoffe für die Sohlen. Diese absorbieren den Aufprall des Fußes und geben die Energie an den Läufer zurück. Einige nutzen dazu auch andere Methoden, wie etwa die orangefarbene Luftkammer im Nike Alphafly 3. Sprungkraft allein bringt allerdings keinen großen Vorteil. Die heutigen Schaumstoffe sind so weich und so dick (der Verband World Athletics erlaubt bei Wettkämpfen bis zu 40 Millimeter), dass sie die Füße ohne zusätzliche Unterstützung sehr instabil machen würden. Deshalb fügen die Hersteller starre Komponenten wie Kohlefaserplatten oder -stäbe hinzu, die in der Regel zwischen Schaumstoffschichten eingebettet sind. Diese Teile werden mit hauchdünnen Mesh-Obermaterialien kombiniert, um immer leichtere Schuhe zu schaffen: Der Einmalschuh Adidas Adizero Adios Pro Evo 1, der 2023 auf den Markt kam, wiegt beispielsweise nur 138 Gramm (in Größe 42 ⅔). Damit reduziert er die Energie für jeden Schritt. Die Weiterentwicklung Evo 3 unterschritt erstmals mit 97 Gramm sogar die 100-Gramm-Marke. Der Nike Vaporfly war der erste Schuh, der rückfedernden Schaumstoff mit einer Karbonfaserplatte kombinierte.

Der Nike Vaporfly 2017 kombinierte erstmals rückfedernden Schaumstoff mit einer Karbonfaserplatte.
(Foto: Nike)
Drei physiologische Faktoren bestimmen den Erfolg auf der Langstrecke: erstens die maximal aufnehmbare Sauerstoffmenge (VO2max). Sie ist vergleichbar mit der Höchstleistung eines Motors. Zweitens die Laktatschwelle. Das ist der Punkt, an dem sich Milchsäure im Blut schneller ansammelt, als der Körper sie abbauen kann. Davon hängt ab, wie nahe man an die VO2max heranlaufen kann, ohne zu erschöpfen. Drittens die Laufökonomie. Sie entspricht dem Spritverbrauch bei einem Auto. Hier kommt das Schuhwerk ins Spiel: Ein geringes Gewicht, rückfedernder Schaumstoff und stabilisierende Platten können Energieverbrauch und die Muskelanstrengung verringern.
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Laufschuhe in den 1970er-Jahren
Die Kunst für die Schuhhersteller besteht darin, diese Eigenschaften zu optimieren – und über weite Strecken der Geschichte des Wettkampfsports waren sie darin nicht besonders gut. Noch bis in die 1970er-Jahre besaßen Rennschuhe klobige Gummisohlen und steife Oberteile aus Leder oder Segeltuch – nicht viel anders als 1908 beim ersten olympischen Marathonlauf. Als 1975 der erste Schuh mit einer Zwischensohle aus dem luftgefüllten Schaumstoff Ethylenvinylacetat (EVA) auf den Markt kam, läutete dies eine neue Generation von besser federnden Schuhen ein. Bis auf wenige Ausnahmen konzentrierten sich die Innovationen der nächsten vier Jahrzehnte darauf, EVA-Schuhe so leicht wie möglich zu machen.
Das änderte sich mit dem Vaporfly. Nach seinem Marktauftritt konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf seine gebogene Kohlefaserplatte, von der viele vermuteten, dass sie wie eine Feder funktionierte. Die Forschung hat das widerlegt: Die Platte könne zwar eine gewisse energiesparende Steifigkeit hinzufügen, sagt Wouter Hoogkamer, Professor für Kinesiologie an der University of Massachusetts in Amherst. Aber ihr Hauptnutzen scheine darin zu liegen, dass sie die wichtigste Komponente der Technologie stabilisiere: das dicke Zwischensohlenmaterial aus geschäumtem Polyetherblockamid (PEBA). Dieser Schaumstoff ist nicht nur leicht; Tests im Jahr 2017 in Hoogkamers Labor ergaben, dass ein Vaporfly-Prototyp deutlich mehr Energie zurückgab als die damals führenden Marathonschuhe: der Nike Streak mit EVA-Sohle und der Adidas Boost mit thermoplastischem Polyurethan.

Die beiden Zoom-Air-Zonen des Nike Vaporfly 3 sollen mit der Straße wechselwirken und den Laufenden einen Teil der eingebrachten Energie zurückgeben – für den nächsten Schritt.
(Foto: Nike)
Hoogkamers Team rekrutierte außerdem 18 Hochleistungssportler:innen und verfolgte ihren Energieverbrauch, gemessen in Watt pro Kilogramm Körpergewicht, während sie in allen drei Schuhen fünf Minuten lang auf einem Laufband mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten liefen. Es fand heraus, dass der Vaporfly die Laufökonomie um durchschnittlich vier Prozent verbesserte – unter anderem dadurch, dass bei jedem Schritt eine größere Strecke zurückgelegt wurde. Neuere Studien zeigen einen etwas geringeren Vorsprung des Vaporfly. Vorläufige Daten einer Studie der Brigham Young University, bei der Testpersonen eine Stunde lang liefen, deuten jedoch darauf hin, dass der Vorteil von Superschuhen mit der Renndauer zunimmt, weil weichere Schäume die Muskelermüdung verringern. „Ein Läufer mit einer verbesserten Laufökonomie von drei Prozent im Labor könnte am Ende eines Marathons bei vier oder fünf Prozent liegen“, sagt Iain Hunter, Professor für Biomechanik und Leiter der Studie.
Verschiedene Einflussfaktoren auf die Laufökonomie
Die genaue Auswirkung der Laufökonomie ist allerdings noch unklar. Statistische Modelle sagen voraus, dass eine um vier Prozent verbesserte Laufökonomie die Marathonzeit um mehr als drei Minuten verbessern würde. Aber in Kenia glauben nur wenige Lauftalente, dass die Technologie so viel bringt. Viele verweisen darauf, dass sich nicht nur das Schuhwerk, sondern auch das Training weiterentwickelt hat. Und neue Sportgetränke ermöglichen es, während des Rennens mehr Kalorien aufzunehmen. Hinzu kommt die Geißel des Dopings: Anfang Mai 2024 waren 81 kenianische Athlet:innen wegen Dopingverstößen für internationale Wettbewerbe gesperrt. Weder Kipchoge noch Kiptum wurden allerdings jemals positiv getestet.
Statistische Modelle sagen voraus, dass eine um vier Prozent verbesserte Laufökonomie die Marathonzeit um mehr als drei Minuten verbessern würde.
Nach Kiptums Training im Januar schätzte sein Trainer Hakizimana, dass die Schuhe Kiptums Marathonzeit um eine Minute, vielleicht sogar etwas mehr, verbessert hatten. Die Technologie, so betonte er, sei nur ein Faktor unter vielen, die zu Kiptums schnellem Aufstieg beigetragen hätten. Da war das harte Training, seine Art, in den Rennen mit so viel Selbstvertrauen „anzugreifen“, und der Stoizismus, mit dem er an den Laufsport heranging. Hinzu kam der Einfluss der Generationen vor ihm. Sie trugen dazu bei, ein Land mit unvergleichlichen Lauftalenten in die Heimat von Champions zu verwandeln.
Zwar sind Kenias Läufer:innen heute für ihre Dominanz im Marathon bekannt, doch zunächst sorgte das Land in anderen Rennen für Aufsehen. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt gewann Kenia acht Medaillen – unter anderem Gold über 1.500 und 10.000 Meter sowie 3.000 Meter Hindernislauf der Männer. Auch in den folgenden zwei Jahrzehnten hielten sich die Lauftalente des Landes weitgehend vom Marathon fern: Laut Moses Tanui – einem Kenianer, der in den 1990er-Jahren zweimal den Boston-Marathon gewann – glaubten viele Männer, das Rennen über mehr als 40 Kilometer könne unfruchtbar machen. Steigende Preisgelder machten die längere Distanz allerdings immer attraktiver. Heute kann der oder die Sieger:in eines großen Rennens wie in Boston mit mehreren Hunderttausend US-Dollar rechnen, die sich aus Startgeldern, Preisgeldern und Prämien von Schuhfirmen zusammensetzen. Im Mai 2024 waren laut World Athletics 28 der 50 schnellsten Männer und 17 der 50 schnellsten Frauen der Veranstaltung aus Kenia.
Laufen oder faulenzen?
Der überragende Erfolg Kenias ist auch eng mit dem Konzept der Laufökonomie verbunden. Studien zur Stammesgemeinschaft der Kalenjin, die die meisten kenianischen Spitzensportler:innen hervorbringt, weisen auf dort häufige körperliche Eigenschaften hin, die einen energieeffizienten Gang begünstigen: dünne Unterschenkel, lange Achillessehnen und ein großes Verhältnis von Beinlänge zu Rumpf. Eine aktive Kindheit im Hochland ist wahrscheinlich auch eine Komponente ihres Erfolgs. Ihr Antrieb jedoch ist die Aussicht auf finanzielle Belohnungen. Denn es ist sehr schwierig, in Kenia einen gut bezahlten Job zu finden. „Wenn man nach der Highschool nicht weiter studiert, kann man entweder laufen oder faulenzen“, sagt Brigid Kosgei, eine Kenianerin, die vor Assefa den Marathon-Weltrekord der Frauen hielt. „Also läufst du – du versuchst dein Bestes.“
Die Schuhtechnologie ist dabei enorm wichtig: Bei Spitzenwettbewerben geht es oft um Sekunden, um Plätze im Wert von Zehntausenden US-Dollar, um neue Häuser für die Eltern und Schulgebühren für die Kinder. Nachdem Nike den Vaporfly auf den Markt gebracht hatte, hatten Läufer, die von anderen Unternehmen gesponsert wurden, zunächst schlechte Karten. Sie durften aus Vertragsgründen keine Produkte der Konkurrenz verwenden. Das hatte auch eine psychologische Komponente: Cybrian Kotut, ein von Adidas gesponserter Läufer, der Marathons in Paris und Hamburg gewonnen hat, erinnert sich, dass er sich in der Mitte des Rennens neben den von Nike gesponserten Konkurrenten desillusioniert fühlte. Einige versuchten, die Vertragsauflagen zu umgehen. Ein Schuster in Äthiopien erlangte Berühmtheit für seine Fähigkeit, Vaporfly-Sohlen an Adidas-Schuhen zu befestigen. So half er manchen Adidas-Läufern, die Nike-Technologie heimlich zu nutzen.

Coach Claudio Berardelli schätzt, dass seine Läufer:innen mindestens 60 Prozent ihrer Kilometer mit Superschuhen laufen. (Foto: Patrick Meinhardt)
Entlastung für die Beine
Heute ist das Schuhangebot für die Profi-Läufer:innen ausgeglichener. Im 2 Running Club, einem von Adidas gesponserten Camp inmitten hügeliger Teefelder südlich von Eldoret, geben mir Kotut und seine Teamkollegen einen Einblick in ihr Adizero-Karbonfaser-Angebot. Da gibt es den ultragepolsterten Prime X für lange Einheiten auf dem Asphalt, den kompakteren Takumi Sen für Schnelligkeitstraining und ein Paar federleichte schwarz-weiße Evos, mit denen Kotut 2023 in Amsterdam eine persönliche Bestzeit von 2:04:34 gelaufen ist.
Claudio Berardelli, der italienische Trainer der Gruppe, der auch Sabastian Sawe coacht, schätzt, dass sein Team mindestens 60 Prozent der Laufleistung in Superschuhen zurücklegt. Für die meisten sind sie im Training genauso wichtig wie im Rennen. Dabei ermöglichten sie nicht nur ein schnelleres Training, sagt Benson Kipruto, ein Clubmitglied, das im März 2024 den Tokio-Marathon gewann und im Herbst 2023 in Chicago Zweiter hinter Kiptum wurde. Die weicheren Schaumstoffe förderten auch eine schnellere Erholung, sodass selbst am Tag nach einem harten Training „die Beine ein bisschen frisch sind“.
David Kirui, ein Physiotherapeut, der schon viele kenianische Marathontalente behandelt hat, schätzt, dass überlastungsbedingte Verletzungen wie Stressfrakturen, Achillessehnenentzündungen und das Iliotibialband-Syndrom um mindestens 25 Prozent zurückgegangen sind. Mehrere Läufer:innen berichten, dass die Schuhe dazu beigetragen haben, ihre Karriere zu verlängern. „In den alten Schuhen war man nach zehn Marathons völlig erschöpft“, sagt Jonathan Maiyo, der seit 2007 in der Eliteklasse des Straßenlaufs unterwegs ist. „Jetzt sind zehn Marathons wie nichts.“
Läufer:innen wie die aus Berardellis Gruppe gehören zu den wenigen Auserwählten. Die meisten, die in Kenia trainieren, haben noch nie Geld mit dem Sport verdient. Nur wenige können sich eigene Superschuhe leisten. In Iten, einer kleinen Stadt nördlich von Eldoret, die sich an den Rand des Steilhangs des Rift Valley schmiegt, lebt Daisy Kandie. Die 23-Jährige ist nach der Highschool hierhergezogen und zählt zu den Hunderten angehender Profis, die sich jeden Morgen auf den Lehmstraßen der Stadt abmühen.
Ihr Ziel ist dasselbe wie das der meisten: von einem Agenten oder einer Agentin, meistens aus dem Ausland, entdeckt zu werden. Die besorgen ihr dann Ausrüstung, organisieren Rennen außerhalb des Landes und handeln vielleicht sogar einen Vertrag mit einer Schuhfirma aus. Kandie hat mehr Glück als die meisten anderen hier: Ihre Eltern unterstützen sie und haben sogar ein Stück Ackerland verkauft, um ihr ein Paar neongrün-rosa Nike Alphaflys kaufen zu können.

Daisy Kandie läuft mit Alphaflys, die 180 Dollar kosteten – ungefähr so viel, wie sie für die Miete eines kleinen Zimmers am Stadtrand von Iten bezahlt.
(Fotos: Patrick Meinhardt)
Die Schuhe waren in Iten billiger – etwa 180 Dollar – als sie in den USA gewesen wären. Es ist ein offenes Geheimnis, dass einige Läufer:innen mit Sponsorenverträgen die Schuhe, die sie umsonst bekommen, an örtliche Geschäfte verkaufen, die sie dann zu einem Preis unter dem Marktpreis weiterverkaufen. Gleichwohl muss Kandie ungefähr den gleichen Betrag für die Jahresmiete ihres kleinen Zimmers am Stadtrand zahlen. Doch die teuren Schuhe, die sie in Anlehnung an die Idee eines Marathons unter zwei Stunden als ihre „Sub-2“ bezeichnet, motivierten sie, sagt die Läuferin. Die Sohlen der Schuhe sind schon stark abgenutzt; einen Plan für Ersatz hat sie nicht. „Bis dahin bin ich weg“, sagte sie und hofft auf Geld aus einem Rennen außerhalb Kenias.
Unterschiedliche Effekte – auch bei den gleichen Schuhen
Die Superschuh-Technologie ist vor allem wegen der Verzerrung der Ergebnisse umstritten – und das nicht nur, weil ein teurer Schuh grundsätzlich Vorteile verschaffen kann. Selbst wenn alle in einem Wettbewerb in den gleichen Schuhen liefen, können sich diese sehr unterschiedlich auswirken. Hoogkamers Studie zum Vaporfly ergab, dass die Schuhe die Laufökonomie im Durchschnitt zwischen zwei und sechs Prozent verbesserten. Untersuchungen mit anderen Superschuhen lieferten eine ähnliche Bandbreite. Einer Studie von mit Adidas verbundenen Forschenden aus dem Jahr 2023 zufolge, bei der sieben kenianische Elitesportler in drei Karbonfaser-Prototypen und einem herkömmlichen flachen Rennschuh getestet wurden, verbraucht ein Läufer oder eine Läuferin in einem Schuh elf Prozent weniger, in einem anderen Schuh elf Prozent mehr Energie. Forschende sind sich einig, dass einzelne Athletinnen und Athleten auf bestimmte Schuhe besser „ansprechen“ als auf andere. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar: Hoogkamer schätzt, dass möglicherweise 20 Variablen eine Rolle spielen, darunter Gewicht, Fußlänge, Wadenmuskelstärke und die Frage, ob der Laufende den Boden mit dem Vorfuß, dem Mittelfuß oder der Ferse berührt. Auch die Geometrie des Schuhs spielt eine Rolle. Abdi Nageeye, ein niederländischer Marathonläufer, sagt, dass er mit den ersten beiden Versionen des Alphafly von Nike Probleme hatte. Als 120 Pfund schwerer Fersenläufer zwang er ihn, auf eine Art und Weise zu springen, die sich unnatürlich anfühlte. Das Alphafly-Modell 3, das eine größere Abnahme der „Stack-Höhe“ – der Schaumstoffdicke – von der Ferse bis zu den Zehen aufweist, habe eine viel bessere Passform, sagt er.
Ein Läufer verbraucht in einem Schuh elf Prozent weniger, in einem anderen Schuh elf Prozent mehr Energie.
Was dies alles für die Integrität des Marathons bedeutet, ist ein heiß diskutiertes Thema. Heutzutage unterziehen sich viele Profi-Läufer:innen im Westen Stoffwechseltests auf dem Laufband, um festzustellen, welcher Schuh am besten funktioniert – und wählen danach das Unternehmen aus, bei dem sie unterschreiben. In Kenia lässt der größere Wettbewerb den Athletinnen und Athleten nur selten Verhandlungsspielraum. Zwar sagten die meisten Laufenden, mit denen ich gesprochen habe, dass ihnen das Modell ihres Sponsors gefalle. Aber es ist schwer zu sagen, ob es das absolut beste ist. Und selbst wenn das der Fall wäre: „Wenn jeder seinen idealen Schuh hat, gibt es dann immer noch Leute, die mehr davon profitieren als andere?“, fragt Dustin Joubert, ein Experte für Superschuhe und Professor für Kinesiologie an der St. Edward’s University in Austin, Texas. „Die Antwort ist wahrscheinlich ja.“
Bei einem Marathon sei heute weniger denn je klar, ob der oder die Sieger:in am stärksten laufe oder die klügste Renntaktik habe, sagt Berardelli. Und Stephen Cherono ist der Meinung, dass die Welt-Leichtathletik die Technologie hätte stärker einschränken sollen. Der Kenianer trat als Saif Saaeed Shaheen für Katar an und hielt seit 2004 den Weltrekord im 3000-Meter-Hindernislauf, bis dieser mithilfe von Superspikes im Jahr 2023 von dem Äthiopier Lamecha Girma gebrochen wurde (und bis heute gilt). Er sei ein großer Fan der Formel 1, erzählt Cherono. Doch der Laufsport mit seinem Fokus auf Leistungstechniken ähnele diesem zu sehr. „Zu oft dreht sich das Gespräch nur noch um den Schuh und nicht mehr um den Menschen, der ihn trägt.“

Die Marathonläufer:innen in Eldoret trainieren am liebsten auf der lehmig-kieseligen Laufbahn der Moi-Universität. Nur wenn es regnet, wechseln sie in das Kipchoge-Keino-Stadion.
(Fotos: Patrick Meinhardt)
Unabhängig davon, was er an den Füßen hatte
Doch zurück zu Kiptum: Wenn sich Befürwortende und Kritisierende der Superschuhe auf eines einigen können, dann ist es, dass Kelvin Kiptum in einer ganz eigenen Liga agierte. Sein Vorsprung beim Sieg in Chicago 2023 – fast dreieinhalb Minuten – war so groß, dass einige scherzten, der zweitplatzierte Kipruto habe das Rennen für die Sterblichen gewonnen. Wie die meisten Läufer:innen in Kenia wuchs auch Kiptum in einer Bauernfamilie auf, in der das Geld knapp war.
Als er als Teenager mit dem Training begann, lief er oft barfuß; gelegentlich gaben ihm Profis, mit denen er mitlief, Schuhe. Nach einer Ausbildung zum Elektriker begann Kiptum 2018, Vollzeit zu laufen; vier Jahre später lief er bei seinem Marathondebüt die drittschnellste Zeit der Geschichte. Untypischerweise lief er bei allen drei Marathons die zweite Hälfte schneller als die erste – vielleicht, weil der PEBA-Schaum von Nike seine Beine „geschont“ hatte, vielleicht aber auch wegen seines überdurchschnittlich harten Trainings.
Auf den Tag genau einen Monat, nachdem ich Kiptum dabei beobachtet habe, wie er die Bahn in Eldoret umrundete, versammeln sich Hunderte auf einem Grundstück, das er außerhalb der Stadt gekauft hatte, wo er nach Kalenjin-Tradition beerdigt wird. Unter den Zuschauenden befindet sich wieder das Who’s who der Langstrecke. Diesmal tragen sie keine Laufkleidung, sondern Anzüge oder schwarze T-Shirts mit dem Konterfei des Rekordhalters.
Sie trauern sowohl um einen Mann, der viel zu jung gestorben ist – Kiptums Alter wurde mit 24 Jahren angegeben, doch wahrscheinlich war er ein paar Jahre älter –, als auch um seine bemerkenswerte Leistung. Vor dem Lauf in Chicago hatte Kiptum mit einer Verletzung zu kämpfen und war nach Angaben seines Trainingspartners Daniel Kemboi nicht einmal in Topform. Vor Rotterdam, sagt Kemboi, „war er so zuversichtlich“. Nur wenige in Eldoret zweifelten daran, dass er die Zwei-Stunden-Marke knacken würde.
Kiptum war ein außergewöhnlicher Wettkämpfer, unabhängig davon, was er an den Füßen hatte. Doch ohne die Superschuh-Technologie wäre die Aussicht auf einen Marathon unter zwei Stunden nie Teil seiner dramatischen Erfolgsgeschichte gewesen. In diesem Sinne haben die Schuhe seine Größe nicht geschmälert, wie Kritiker wie Cherono befürchteten. Vielmehr haben sie dazu beigetragen, seine Marke aufzubauen und sein Streben nach dem kenianischen Lauftraum zu beschleunigen, durch Sport ein besseres Leben zu erreichen. Tragischerweise endete Kiptums Weg schon, kurz nachdem er begonnen hatte. Aber jemand anderes wird in festen Schuhen mit federnden Sohlen kommen und seinen eigenen Weg einschlagen.
Dieser Artikel stammt von Jonathan W. Rosen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Afrika-Berichterstattung.
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