Es hatte monatelange Planung gekostet, in das Gebiet zu gelangen. Allein der letzte Abschnitt der Reise dauerte sieben Stunden zu Fuß. Unter der Führung eines einheimischen Schleppers überquerten wir Flüsse, wanderten durch Dörfer und erklommen Hügel und Berge. Ich wollte einen Kommandanten der Rebellen treffen, die in Äthiopien gegen die Regierungstruppen kämpfen, und mit Zivilisten sprechen, die unter der Kontrolle der Rebellen lebten. Als Journalist ist dieser Drang schwer zu ignorieren.
Als ich mit den Ergebnissen meiner Gespräche von der Reise zurückkehrte, war ich zufrieden. Ich dachte, ich hätte meine Arbeit getan, und begann zu planen, wie ich die Geschichte erzählen würde.
Der Autor
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Amir Aman Kiyaro ist ein äthiopischer Journalist, der derzeit in Hamburg lebt. Seit 2020 berichtet er über Konflikte und humanitäre Krisen in ganz Äthiopien, unter anderem für die Associated Press. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf sozialen, politischen und menschenrechtlichen Themen, oft aus Kriegsgebieten. Für seine Berichterstattung wurde er international ausgezeichnet, unter anderem mit dem AP Gramling Award.
Am nächsten Morgen klopfte es laut an der Tür. Draußen standen mehrere bewaffnete Polizisten. Ein Toyota-Pickup, dessen Ladefläche voll mit Männern und Ausrüstung war, stand an der Straße. Ein Kameramann filmte alles. Sie drangen ohne Durchsuchungsbefehl in meine Wohnung ein.
Alle in meiner Wohnung befindlichen Personen standen praktisch den ganzen Tag unter Hausarrest, während die Beamten jeden Winkel der Wohnung durchsuchten. Nachbarn wurden aus ihren Wohnungen gedrängt und ihre Telefone wurden beschlagnahmt.
Dorfbewohner in der Region Tigray bei einer Versammlung.
© Amir Aman Kiyaro
Meine Zehen schmerzten noch von dem langen Fußmarsch zu den Rebellen, als ich mich plötzlich im Gefängnis wiederfand. Einige Wochen später sahen meine Familie und ein Großteil des Landes eine zehnminütige Fernsehsendung über mich.
In der Sendung wurde behauptet, ich sei auf frischer Tat dabei erwischt worden, mit terroristischen Gruppen und Staatsfeinden zusammenzuarbeiten.
Ich war immer noch nicht offiziell wegen irgendetwas angeklagt worden. Während ich im Gefängnis saß, abgeschnitten von der Außenwelt, sahen Millionen eine Sendung, die mich des Terrorismus bezichtigte.
Projekt „Stimmen des Exils“
Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit 2026 veröffentlichen wir Berichte von Exiljournalist:innen aus Äthiopien, Iran, Russland, Afghanistan, Indien, Myanmar, der Türkei, Belarus, Aserbaidschan und von der Krim.
Dieser Text ist Teil des Projekts „Stimmen des Exils“ von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Alle Texte von Exiljournalist:innen aus diesem und früheren Projekten finden Sie auf unserer Themenseite.
Die Körber-Stiftung engagiert sich auf vielfältige Weise für Exiljournalist:innen, unter anderem mit dem „Exile Media Forum“. Einmal im Jahr lädt die Stiftung über 150 Medienschaffende im Exil, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und von Hilfsorganisationen nach Hamburg ein, um Zukunftsfragen zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen.
Die Reaktion im Internet ließ nicht lange auf sich warten. Einige Zuschauer glaubten der Propaganda und begannen, mich anzugreifen. „Er sollte gesteinigt werden“, lautete ein Kommentar. Andere sahen die Situation anders: „Er hat getan, was ein Journalist tun sollte.“
Der Journalismus führte mich oft quer durch Äthiopien, um über Konflikte und humanitäre Krisen zu berichten. Krieg hat die Eigenschaft, alles in seinem Weg zu verschlingen, ganz gleich, welche Versprechen die Konfliktparteien auch immer geben mögen.
Eine Frau in der Tigray Region, deren Kinder unterernährt sind.
© Amir Aman Kiyaro
Ich sah die Folgen aus nächster Nähe: getötete Zivilisten, misshandelte Frauen, zerstörte Häuser, hungernde Kinder – und die Berichterstattung über diese Geschichten wurde als Verrat behandelt.
Als 2020 der Krieg in Tigray ausbrach, wurde die Berichterstattung darüber und über andere Konflikte fast so gefährlich wie die Kämpfe selbst. Dennoch versuchte ich, meine Arbeit fortzusetzen. Manchmal bedeutete das, Wege zu finden, um an Orte zu gelangen, die für andere schwer zugänglich waren. Ich war überzeugt, dass die Menschen wissen mussten, was in einem Land geschah, das von der Welt kaum beachtet wird.
Kämpfer der Oromo Liberation Army (OLA). Einen Tag nach dieser Aufnahme wurde der Autor verhaftet.
© Amir Aman Kiyaro
Seitdem hat sich Äthiopien zu einem der für die Presse feindlichsten Umfelder Afrikas entwickelt. Organisationen wie „Reporter ohne Grenzen“ und das „Committee to Protect Journalists“ dokumentierten bis 2024 mindestens 92 Festnahmen von Medienmitarbeitern.
Lokale Gruppen schätzen, dass seit 2019 mehr als 200 Mal Journalisten verhaftet wurden. Lizenzen unabhängiger Medien werden weiterhin entzogen und Medienorganisationen zur Schließung gezwungen.
Ich gehöre zu denen, die das Land verlassen haben. Ich kam mit Unterstützung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte nach Deutschland, die meiner Familie und mir half, in einer schwierigen Übergangsphase Stabilität zu finden.
Amir Aman Kiyaro (von hinten) bei der Arbeit.
© Amir Aman Kiyaro
Doch das Exil bringt eine andere Art von Herausforderung mit sich. Seit meiner Ankunft in Deutschland werde ich oft gebeten, darüber zu sprechen, warum ich mein Land verlassen musste. Ich verstehe das Interesse und hoffe, dass es dazu beiträgt, die Risiken zu veranschaulichen, denen äthiopische Journalisten weiterhin ausgesetzt sind.
Doch jedes Mal, wenn ich darüber spreche, verspüre ich einen inneren Konflikt. Journalisten sind darauf ausgebildet, die Geschichten anderer zu erzählen. Das ist die Rolle, die wir wählen. Doch das Exil hat mich selbst zur Geschichte gemacht. Es ist eine wichtige Geschichte. Aber es ist auch die einzige Geschichte, die ich hier am häufigsten erzähle.
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Ich fühle mich am meisten wie ich selbst, wenn ich wieder berichte und wenn ich nach neuen Geschichten suche, mit Menschen spreche und versuche, die Welt um mich herum zu verstehen. Nicht, wenn ich das Objekt der Geschichte bin, sondern wenn ich das tue, wozu Journalisten berufen sind. Zuhören, beobachten und die Geschichten anderer erzählen.