
Spekulanten haben große Teile der Kedong Ranch in Kenia verkauft. Darunter leiden vor allem Giraffen, deren Lebensraum durch Häuser und Zäune zerstückelt wird. Nun müssen viele der Tiere umgesiedelt werden.
Von Linda Staude, ARD Nairobi
Ein Hubschrauber kreist langsam über die Kedong Ranch am Ufer das Naivashasees in Kenia. Die Besatzung sucht zwischen den dichten Büschen und grünen Bäumen nach Giraffen. Kurze Zeit später entdeckt sie eine kleine Herde. Ein Ranger lehnt sich aus der offenen Tür des Helikopters und schießt einen rosa gefiederten Betäubungspfeil auf eines der Tiere. Ein guter Schuss. Die Giraffe geht wie in Zeitlupe zu Boden.
„Wir müssen sehr vorsichtig sein. Wenn man die Tiere nicht richtig behandelt, kann man sie verletzen. Und das wollen wir natürlich nicht“, erklärt Wildhüter Patrick Wambugu vom Kenya Wildlife Service (KWS), der für den Schutz der Wildtiere verantwortlich ist.
Ranger führen eine Giraffe an Seilen in einen Transportkäfig.
Giraffen reagieren empfindlich auf Betäubung
Ein gutes Dutzend Ranger kümmert sich sofort um das betäubte Tier. Sie verbinden ihm die Augen und markieren es mit blauer Sprühfarbe. Dann legen sie ihm zwei dicke Seile um den Hals. Alles muss schnell gehen. Giraffen reagieren empfindlich auf Betäubung. Schon ein Sturz, wenn sie bewusstlos werden, kann tödlich sein.
Ihr Kreislauf, der Blut durch den langen Hals zum Gehirn transportieren muss, hält keine große Belastung aus. „Wenn wir sehen, dass das Tier nicht sicher transportiert werden kann, wecken wir es lieber auf und lassen es wieder frei statt eine Verletzung durch den Transport zu riskieren“, sagt Ranger Wambugu.
Der Transport von Giraffen ist so schwierig und aufwendig wie bei keiner anderen Tierart. Aber der KWS hat keine Wahl: Spekulanten haben über die Jahre große Teile der Kedong Ranch verkauft. Wohnhäuser und Zäune zerstückeln den Lebensraum der Tiere so sehr, dass sie nicht bleiben können.
Auch die Nashörner ziehen um
„Wir kümmern uns um den Schutz der Wildtiere“, sagt Tierarzt Dominic Mijele der Nachrichtenagentur AFP. „Wir retten sie vor dem Aussterben und stellen sicher, dass wir einen gesunden, wachsenden Bestand haben.“ Sein Team sei mit Leidenschaft bei der Arbeit.
Der Umzug von Hunderten Giraffen, Antilopen und Zebras in ein anderes Schutzgebiet ist der letzte Ausweg. Das gilt auch für Nashörner. Aber aus einem erfreulicheren Grund: Die Zahl der stark gefährdeten Tiere steige endlich wieder, sagt Rebecca Miano, die Ministerin für Tourismus und Wildtiere.
„Wir bringen sie von Ol Pejeta, Lewa und Nakuru weg, weil diese Reservate zu über 100 Prozent ausgelastet sind“, erklärt die Ministerin. „Damit reduzieren wir die Gefahr von tödlichen Kämpfen um Territorium, die für 30 Prozent aller Todesfälle unter Nashörnern verantwortlich sind.“
Aktion bleibt eine Notlösung
Die betäubte Giraffe auf der Kedong Ranch kommt langsam wieder zu sich. Immer noch benommen rappelt sie sich wieder auf die Beine und setzt sich taumelnd in Bewegung. Die Ranger führen sie an den langen Seilen in einen dunkelgrünen Transportkäfig aus Metall und binden sie fest. Damit ist sie bereit für die 30 Kilometer lange Reise in ihr neues Zuhause im Rift Valley. Ein guter Tag für Tierarzt Dominic Mijele. Sein Team hat fünf Giraffen erfolgreich umgesiedelt, sagt er.
Aber die komplizierte und teure Aktion bleibt eine Notlösung. Noch gibt es genug Reservate in Kenia, um die bedrohten Tiere aufzunehmen. Noch. Kenias Bevölkerung hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt. Die Zahl der Konflikte zwischen Mensch und Tier steigt. Auch weil der Klimawandel wertvollen Lebensraum zerstört. Irgendwann wird ein Umzug allein nicht mehr helfen, Giraffen, Nashörner und Antilopen zu retten.