Nachdem europäische und deutsche Soldaten sich zurückgezogen hatten, schickte Russland Söldner nach Mali. Doch nun wurden Moskaus Truppen dort von Dschihadisten und Rebellen völlig überrascht. Ein Experte spricht von einer „Katastrophe für Putin“.
Vor knapp einem Jahr saß Malis Junta-Chef Assimi Goïta im Kreml neben Wladimir Putin. Zwei Stunden lang diskutierten beide über die Zukunft ihrer Partnerschaft. Die Handelsbeziehungen seien zwar noch „bescheiden“, erklärte Putin damals, zeigten aber einen klaren Aufwärtstrend. Selbst über ein von Russland konstruiertes Klein-Kernkraftwerk für Mali wurde gesprochen.
Goïta erklärte, sein Besuch werde dazu beitragen, die Beziehungen „im Geist gegenseitigen Vertrauens und des Respekts vor der Souveränität“ weiter zu vertiefen. Vor allem galt das für den militärischen Bereich, zur malischen Delegation gehörte der einflussreiche Verteidigungsminister Sadio Camara.
Unter seiner Verantwortung hatte Mali Wagner-Söldner ins Land geholt, später übernahm das direkt dem russischen Verteidigungsministerium unterstellte Africa Corps zentrale Aufgaben. Es war die Inszenierung einer neuen Allianz: Russland als Schutzmacht eines Staates, der sich demonstrativ vom Westen abgewandt hatte.
Spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist von Aufbruch nur noch wenig zu sehen. Camara wurde bei einem Anschlag in Kati nahe Bamako durch ein Selbstmordkommando getötet. Statt Investitionsfantasien und Atomplänen erschütterten koordinierte Angriffe das Machtzentrum der Junta. Gleichzeitig meldeten Rebellen Geländegewinne rund um die strategisch wichtige Stadt Kidal sowie in weiteren Teilen des Nordens. Eine große Blamage für den Kreml.
Verantwortlich für die Anschlagsserie war eine Allianz zweier Lager mit unterschiedlichen Zielen: die mit al-Qaida verbundene Dschihadistenmiliz Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM) sowie die separatistische Azawad Liberation Front (FLA), die vor allem von Tuareg-Gruppen getragen wird. JNIM bekannte sich öffentlich zu Angriffen auf Kati und weitere Orte.
Die FLA vermeldete wiederum, man habe Kidal „befreit“ und den Russen dort „sicheren Rückzug aus den Kämpfen“ zugesichert. Ein Gnadenakt von einigen Tausend Wüstenkämpfern gegenüber Russland, das im Sahel auch seine Weltmachtambitionen demonstrieren wollte. Von den einst 1500 Söldnern im Land wurden zuletzt viele abgezogen, wohl auch, weil Ressourcen für den Ukraine-Krieg benötigt werden.
„Für Putin sind die letzten Tage in Mali eine Katastrophe“, sagt der Sahel-Experte Ulf Laessing, Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mali. Er habe schon Syriens Machthaber Baschar al-Assad nicht retten können und nun auch in Mali versagt.
Symbolisch sei die Lage in Kidal – die Stadt war erst Ende 2023 von der malischen Armee mit russischer Hilfe zurückerobert worden, was als historischer Triumph gefeiert wurde. Moskau habe mehr Sicherheit versprochen, sagt Laessing, „doch seitdem ist es deutlich schlechter geworden“.
Von dem koordinierten Angriff sei man offenbar überrascht worden. „Die waren erst mal wie im Schockmodus“, sagt Laessing. Das sei nicht verwunderlich: Russland habe von Beginn an deutlich weniger Mittel für Luftaufklärung eingesetzt als zuvor Frankreich bei seinen Einsätzen.
Lange galt Mali als Musterfall russischer Einflussnahme in Afrika. Nach dem Bruch mit Frankreich präsentierte sich Moskau als pragmatische Alternative ohne koloniale Altlasten, ohne Menschenrechtsbelehrungen, dafür mit Waffen und dem Versprechen schneller Resultate.
In Bamako ließ sich damit innenpolitisch punkten. Viele Malier waren enttäuscht vom Westen und offen für neue Partner. Die Nachbarländer Niger und Burkina Faso schlugen später einen ähnlichen Kurs ein. Heute sei die Lage anders, so Laessing: „Ich glaube nicht, dass es künftig derartige Anfragen aus Afrika an den Kreml geben wird.“
Der senegalesische Analyst Alioune Tine spricht von einer „systemischen Sicherheitskrise“ für die gesamte Region. Der Angriff zeige nicht nur das Scheitern der malischen Militärführung, sondern auch die Fragilität des neuen Bündnisses von Mali mit Niger und Burkina Faso. Alle drei Länder hatten sich von der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas gelöst.
Die einzige Möglichkeit sei nun eine Wiederannäherung an die Ecowas-Staaten, sagt Tine. Sonst drohe eine Kettenreaktion. Eine weitere Destabilisierung könne rasch auf Nachbarländer an der Küste wie Elfenbeinküste oder Senegal übergreifen. Tine warnt vor einer „echten Schockwelle“ in Westafrika.
Damit stellt sich aus europäischer Perspektive auch eine alte Frage neu: Migration. Denn die Sicherheitslage im Sahel hat direkte Auswirkungen auf die westafrikanische Atlantikroute zu den Kanarischen Inseln. Nach fast 47.000 registrierten irregulären Ankünften dort im Jahr 2024, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf rund 17.800.
Die Zahlen täuschen jedoch über die tatsächliche Entwicklung hinweg. Mali rangierte im Gesamtjahr 2025 mit rund 5000 Ankommenden auf den Kanaren auf Rang zwei der Herkunftsländer, nur knapp hinter Senegal. Und viele Menschen haben Mali längst verlassen. Im Nachbarland Mauretanien leben mehr als 150.000 malische Flüchtlinge, viele von ihnen im riesigen Mbera-Lager nahe der Grenze.
Mauretanien hat mit Spanien umfangreiche Grenzschutzabkommen geschlossen und hindert viele an der Weiterreise. Zudem fehlen den meisten die nötigen finanziellen Mittel. Aber Laessing rechnet damit, dass der Druck auf Mauretanien weiter zunehmen wird. „Der Staat in Mali wird sich immer mehr auf den Süden konzentrieren müssen“, sagt er. „Für Schlepper sind das gute Bedingungen.“
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.