In einem Dorf im Niger haben Terroristen während einer Taufe 22 Menschen erschossen. Die Gewalt in der Sahelzone eskaliert. Und immer wieder trifft es Christen. In der Region deutet sich eine dramatische Entwicklung an, die gerade erst begonnen hat.
Aus einem Festtag wurde ein Blutbad: In Takoubatt, einem Dorf im Westen Nigers, feierten Familien am 15. September die Taufe eines Kindes, als plötzlich Motorräder auftauchten. Schüsse fielen. Fünfzehn Menschen starben noch am Ort der Zeremonie. Sieben weitere wurden beim Versuch zu fliehen getötet. Insgesamt verloren 22 Dorfbewohner ihr Leben.
Die Attacke ereignete sich in der Region Tillabéri, einem Brennpunkt der Gewalt in der Sahelzone. Dort, wo die Grenzen von Niger, Mali und Burkina Faso aufeinandertreffen, agieren seit Jahren Ableger des „Islamischen Staats“ (IS) und die mit al-Qaida verbundene JNIM-Koalition, ein Zusammenschluss mehrerer extremistischer Terrorgruppen.
Das Muster ist fast immer gleich. Bewaffnete überfallen Dörfer, schießen wahllos auf Bewohner, rauben Vieh und Vorräte, brennen Häuser nieder – und verschwinden wieder in der Halbwüste.
Längst gilt die Sahelzone als globales Zentrum des Terrorismus. Laut dem Institute for Economics and Peace entfielen 2024 erstmals mehr als die Hälfte aller terrorbedingten Todesfälle weltweit auf diese Region.
Ein UN-Sondergesandter sprach jüngst von einem deutlichen Zuwachs an „Umfang, Komplexität und Raffinesse“ der Angriffe. Zugleich breitet sich die Gewalt weiter nach Süden aus und bedroht Küstenstaaten wie Benin und die Elfenbeinküste.
Das Massaker an der Taufe von Takoubatt war kein Einzelfall: Immer wieder verüben Extremisten Anschläge auf christliche Gottesdienste, Priester oder Kirchen. Nicht nur in Niger, sondern auch in Burkina Faso, Mali und Nigeria. Doch verlässliche Statistiken zur religiösen Verteilung der Opfer existieren kaum. In vielen Berichte ist schlicht von „Zivilisten“ die Rede – ohne dass die Religionszugehörigkeit dokumentiert wird.
Weltplus ArtikelChristenverfolgung
Oft stammen die Meldungen von Militärs oder lokalen Behörden, die auf solche Angaben verzichten, um keine weiteren Spannungen zu schüren. Viele Regionen sind für unabhängige Beobachter kaum zugänglich, was die Identifizierung der Opfer erschwert. Christliche Hilfswerke melden derartige Angriffe regelmäßig. Das macht zwar ihre besondere Gefährdung sichtbar, liefert aber keine vollständige Opferstatistik.
In absoluten Zahlen gibt es mehr Anschläge auf muslimische Gemeinden. Entweder werden sie der Zusammenarbeit mit der Armee verdächtigt oder als Gegner in Landkonflikten wahrgenommen. Seit Monaten warnen Menschenrechtsorganisationen vor einer Eskalation auch in dieser Hinsicht.
Human Rights Watch dokumentierte seit März dieses Jahres über 127 getötete Zivilisten bei fünf Großangriffen in der Region Tillabéri. Die Opfer waren wohl muslimische Gläubige. In der vergangenen Woche starben laut Armeeangaben zudem 14 nigrische Soldaten in einem Hinterhalt. Sie waren einem gemeldeten Viehdiebstahl nachgegangen.
Doch die Statistik legt trotzdem nahe, dass Christen überproportional oft betroffen sind. Denn der Anteil der Christen in den Sahel-Staaten liegt deutlich unter zehn Prozent, mit Ausnahme von Burkina Faso und dem Tschad, wo es jeweils rund 25 Prozent sind. Besonders in Burkina Faso eskaliert die Gewalt gegen religiöse Minderheiten immer wieder besonders brutal.
Wie etwa im Oktober 2024: Bei einer Angriffswelle im Osten des Landes wurden mindestens 200 Zivilisten getötet. Nach einem Hinterhalt auf eine Militärpatrouille stürmten islamistische Kämpfer den Markt im mehrheitlich katholischen Ort Manni und töteten Dutzende Menschen.
Klar ist, dass Religion von jihadistischen Gruppen instrumentalisiert wird, um gesellschaftliche Gräben zu vertiefen. Neben Landkonflikten und ethnischen Spannungen ist sie aber nur einer von mehreren Faktoren.
So sind Christen in vielen Sahel-Staaten häufiger sesshafte Bauern, die Hirse oder Mais anbauen und in festen Dörfern leben. Muslime stellen dagegen überproportional viele Viehhalter, vor allem Fulani oder Tuareg, die saisonal mit ihren Herden umherziehen.
Der Gegensatz zwischen Bauern und Hirten verschärft sich auch durch das Bevölkerungswachstum in Niger, das schnellste der Welt. Bei einer Geburtenrate von fast sieben Kindern pro Frau hat sich die Einwohnerzahl seit den Neunzigerjahren verdoppelt.
Außerdem ist die Region schwer betroffen vom Klimawandel: Die Temperaturen steigen hier rund eineinhalbmal schneller als im globalen Schnitt. Zwei Drittel der Menschen in der Sahelzone sind jünger als 25 Jahre, der Wettbewerb um Land und Wasser wird existenziell. Dutzende Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Extremisten nutzen diese Notlagen und rekrutieren gezielt in vernachlässigten Grenzregionen.
Für die Militärjunta in Niamey ist diese Gemengelage jedenfalls verheerend. Sie war vor gut zwei Jahren mit dem Versprechen angetreten, die Sicherheitslage zu stabilisieren. General Abdourahmane Tchiani, der 2023 den gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum stürzte, versprach, ländliche Regionen zurück unter staatliche Kontrolle zu bringen.
Wie schon in Mali und Burkina Faso wurden französische und US-amerikanische Truppen hinausgeworfen, die Machthaber setzen nun auf die militärische Unterstützung aus Russland und zunehmend auch der Türkei.
Doch der Trend der Opferzahlen spricht bislang gegen den Erfolg dieser Strategie. Laut der Konfliktdatenbank ACLED starben in Niger seit Oktober 2024 rund 1800 Menschen durch Angriffe.
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.