Ein Mitglied der M23 patrouilliert auf der Straße, um in Goma am 12. März 2026 Demonstranten zu überwachen, die gegen Luftangriffe in den Tagen zuvor protestieren.

Ein Mitglied der M23 patrouilliert auf der Straße, um in Goma am 12. März 2026 Demonstranten zu überwachen, die gegen Luftangriffe in den Tagen zuvor protestieren.

Foto: AFP/Jospin Mwisha

Wie nehmen Sie die Situation in der umkämpften kongolesischen Region Kivu wahr?

Das alltägliche Leben ist sehr, sehr schwierig. Es gibt keine offenen Banken und es ist fast kein Geld im Umlauf. Viele Menschen haben keine Arbeit und können nicht für ihre Familie sorgen. Viele Kinder mussten die Schule abbrechen. All dies und der Krieg machen es so schwierig hier in Kivu. Viele Menschen wurden vertrieben im Verlauf der Kämpfe. Die medizinische Versorgungslage ist nicht ausreichend und viele Menschen haben Hunger.

Wie können Sie unter diesen Umständen die Aktivitäten der Organisation »Act for Tomorrow« aufrechterhalten, die sich für soziale Belange einsetzt?

Wir passen uns der Situation an, in der wir uns befinden. Vor dem Krieg war es einfacher. Mit »Act for Tomorrow« machen wir humanitäre Arbeit. Wir organisieren Gemeinschaftsessen und Bildungsaktivitäten. Wir arbeiten mit traumatisierten Kindern und Waisen. Wir versuchen manche dieser Kinder wieder in die Schule zu schicken, denn sie sind die Zukunft des Kongo. Diese Aktivitäten werden durch die Zahl bewaffneter Gruppen und immer wieder ausbrechende Kämpfe erschwert. Es kann durchaus passieren, dass wir als Zivilisten ins Kreuzfeuer kommen. Aber wir geben nicht auf, denn unsere Motivation ist eine gute Zukunft für den Kongo.

Wie bewerten Sie die aktuellen Verhandlungen zwischen der von Ruanda unterstützten Rebellengruppe M23 und der kongolesischen Regierung?

Ich kann nur sagen, dass ich nicht wirklich viel Vertrauen in einen Deal zwischen der Regierung und der M23 besitze. Die Ursachen der Situation, die wir erleben, sind eng verbunden mit den Politikern, die uns regieren. Wir haben viele Probleme im Kongo. Es wird nicht einfach, diesen Frieden zwischen der Regierung und der M23 auch wirklich umzusetzen. Wir bräuchten einen nationalen Dialog über die Zukunft des Kongo, in dem wir offen aussprechen können, was nicht funktioniert, nur so können wir auf einen anhaltenden Frieden hoffen. Wenn wir aber als Kongolesen nicht miteinander in Kontakt bleiben und die Ursachen des Krieges nicht verstehen, glaube ich kaum, dass wir wirklichen Frieden erreichen. Dennoch müssen wir jetzt alles in unserer Macht Stehende für einen echten Frieden tun.

Wie denken sie über die Rolle der USA in den Verhandlungen?

Lassen Sie es mich so sagen: Wenn wir Fleisch haben, werden auch Hunde kommen, die das Fleisch essen wollen. Die USA beteiligen sich nicht einfach so an den Verhandlungen. Wie bekannt ist, brauchen die USA Rohstoffe für ihre Industrien. Der Kongo ist ein strategisches Land für sie, auch wegen der Mineralien, die wir hier in Kivu haben. Ihr Ziel ist es, Explorationen durchzuführen und Bergbauoperationen zu entwickeln. Vermutlich werden sie Land kaufen und die Leute von dort vertreiben. Dann werden sie wahrscheinlich arme Menschen dort für sich arbeiten lassen. Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Wenn der von den USA 2025 verhandelte Deal zwischen Ruanda und Kongo Wirklichkeit wird und die Kämpfe im Osten Kongos beendet werden, wäre das natürlich zu begrüßen. Doch ich habe auch Bedenken. Chinesische Firmen betreiben hier viele Minen, wenn nun US-amerikanische Unternehmen ins Land kommen, könnte dies Missverständnisse und Spannungen produzieren. Dies könnte zu einem weiteren Konflikt im Kongo führen. Als Bürger Kongos kann ich also nur sagen, dass ich dem Deal gegenüber skeptisch bin. Dieser Deal könnte sich negativ auf unser Land, unsere Natur und unser Klima auswirken, ohne dass unser vulnerables Volk und die einfachen Menschen davon profitieren.

Interview

privat

Daniel Kalalizi, Jahrgang 2003, ist Gründer der Organisation »Act for Tomorrow« und studiert zurzeit im Master Physik am »Institute Superieure Pedagogique« in Bukavu. 2021 wurde ihm das Ausmaß der Umweltzerstörung durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und den Klimawandel bewusst und er beteiligte sich seitdem an Baumpflanzaktionen, ökologischen Aufklärungskampagnen und anderen umweltpolitischen Initiativen.

Welche Erfahrungen gibt es in Kivu und im Kongo mit dem Bergbaubusiness?

Wir haben hier große internationale Unternehmen, aber auch handwerklichen Kleinbergbau, der viele Menschen mit einem kleinen Einkommen versorgt. Für viele Minenarbeiter ist es ein Kampf um das tägliche Überleben. Menschen sterben in den Minen durch Rutschungen, durch schlechte Arbeitsbedingungen und fehlende Sicherheitsstandards. Manche internationale Unternehmen setzen Chemikalien ein, um die Rohstoffe zu extrahieren. Nach der Nutzung werden die Rückstände der Chemikalien mitsamt dem kontaminierten Wasser einfach in den Feldern und Flüssen der Gegend entsorgt. Manche Menschen pflanzen aus Mangel aus Alternativen auch auf diesen belasteten Böden Gemüse an. Diese Chemikalien kontaminieren unser Wasser, unsere Flüsse und beeinflussen die Gesundheit der Menschen hier. Wer Wasser aus den Flüssen verwendet, kann dadurch krank werden. Das trifft auch auf die Fische zu. Außerdem bedrohen die vielen Minen unseren Wald.

Wie schauen Sie in die Zukunft?

Die Ursachen von alldem sind politisch. Es gibt viele politische Gruppen, welche die Zukunft des Kongo positiv oder negativ beeinflussen können. Unser Land leidet sehr unter der Umleitung von öffentlichen Geldern in private Taschen. Viele Leute, die eigentlich Regierungsprojekte umsetzen sollten, behalten das Geld für sich selbst. Das hat natürlich eine Auswirkung auf die Zukunft des Kongo. Zurzeit sind die Politiker sehr leise, denn die nächste Wahl ist noch weit entfernt. Aber im Wahlkampf kommen sie wieder in die Dörfer und in die entlegenen Gegenden, um Geld und Nahrung an die lokale Bevölkerung zu verteilen. Die lokale Bevölkerung wird für diese Politiker, die unser Land ausrauben, applaudieren. Diese Politiker wollen das Land gar nicht entwickeln, sie genießen es einfach nur, von der Bevölkerung beklatscht zu werden. Ich kann nur sagen, dass die Zukunft des Kongo von seinen Bürgern abhängt. Es liegt an uns. Wir müssen vor den Politikern unsere Ohren und Münder öffnen. Viele Bürger beteiligen sich aber nicht an Protesten, um die schlechte Situation anzuprangern. Denn sie sind verängstigt.