Das beginnt ja gut. Mit einem Film über die Gefahren des Fahrens auf Schotter- und Sandpisten im Autoverleih-Container am Flughafen bei Windhoek. Merke: Nicht zu schnell, nicht zu nah am Rand, nicht nachts. Und: Linksverkehr! Schon sitzen wir im „Kalahari-Ferrari“, wie ihn der Autoverleih-Filmvorführer nannte. Das Abenteuer Namibia beginnt. Ein strahlend weißes Toyota-SUV. Die beiden Kinder. Eine Tasche, ein Rucksack, drei Koffer. Zwölf Tage und 2200 Kilometer. Unzählige Tiere. Für den Beinahe-Elfjährigen und die Fast-13-Jährige sind es die wilden Tiere, die zählen.

Tag 1: Es ist nicht das Einzige, das für sie zählt. „Die Luft ist sauber“, fanden sie eben beim Aussteigen aus dem Flugzeug. Nun, im Auto, finden sie die Wörter „Ruhe“ und „Leere“. In den vergangenen Jahren allerdings war es vielen in dem Land im südlichen Afrika zu ruhig. Die Corona-Pandemie verschärfte die wirtschaftlich angespannte Lage, 2020 brach die Tourismusbranche zusammen. Damals fragte ich Durr, wie es ihm gehe. „Schlecht“, antwortete der Guide, dessen Vater aus Südafrika eingewandert war. „Sehr schlecht.“ Was wohl aus ihm und seinem Traum, Schafe zu halten, geworden sein mag? Wir hatten uns versprochen, dass wir uns wiedersehen würden, irgendwann, in Namibia.

Unsere erste Wildtiersichtung ist eine Sensation

Bis dahin: Ankommen, Ausspannen, die Routenpläne studieren. Wir werden eine Raute ins Land fahren. Wir werden uns das Land erfahren. In Richtung Süden, in die Wüste. In Richtung Westen, ans Meer. In Richtung Norden, in den Etosha National Park. Dann zurück.

Tag 2: Die Morgensonne steht über den Bergen von Namibias Hauptstadt. Merke: Wer etwas erleben will, muss mit dem Sonnenaufgang raus. Oder davor. Die Nacht war kühl. Mit den Wärmflaschen, die jemand, ohne dass es uns auffiel, in die Betten gelegt hat, ging es. Kaltfront aus Südafrika. Wir fahren. Und halten gleich an einer Tankstelle. Denn merke: Immer an Tankstellen tanken, immer Wasserflaschen kaufen, man weiß nie.

Warzenschweine! Am Wegesrand! Eine Sensation!

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Warzenschweine! Am Wegesrand! Eine Sensation!
Foto: Daniel Wirsching

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Warzenschweine! Am Wegesrand! Eine Sensation!
Foto: Daniel Wirsching

Kaum unterwegs, wird die Straße zur Schotterpiste und ich, der Fahrer, zum King of the Road. Wir brauchen kein Radio, der Sound der Steinchen, die an die Radkästen plickern, ist Musik genug. Plötzlich rufen die Kinder: „Warzenschweine! Bei dem Gebüsch!“ Ich überlege, wie das Warzenschwein aus „Der König der Löwen“ heißt. Pumbaa, stimmt. Die Warzenschweine sind unsere erste Wildtiersichtung und eine Sensation.

Die Piste führt weiter und weiter geradeaus, sich zu verfahren, ist unmöglich. Nur, was ist die richtige Geschwindigkeit? Lieber langsam um die Schlaglöcher herum? Oder mit 80 Stundenkilometern über sie hinwegfliegen und einen Platten oder Achsschaden riskieren? Lieber fliegen – und auf das Beste hoffen.

Pumbaa würde hier niemand erwarten, eher Prinzessin Leia

Nach ein paar Schotter-Stunden halten wir durchgerüttelt an einem Padstal, einer Art Rastanlage. Sie gehört einer weißen Farmersfrau, die erzählt, dass sie nachts wegen der ungewöhnlichen Kälte nicht habe schlafen können. Die Landschaft ist ganz anders als die bei Windhoek. Bergiger, karger, rauer, sandiger. Pumbaa würde hier niemand erwarten, eher Prinzessin Leia aus „Star Wars“. Wir kaufen Biltong, Trockenfleisch von Antilopen, und der Beinahe-Elfjährige ein gestricktes Kuscheltier. Er nennt es „Jochen, der Rochen“. Ich denke an den Skorpion, der bei meiner ersten Namibia-Reise – „vor Corona“ – einen Fußbreit an mir vorbeiskorpionierte. Merke: Unter jedem Stein kann ein Skorpion sein. Wir müssen los, zu dieser Lodge am Rande der Namib, der ältesten Wüste der Welt.

Wer durch Namibia fährt, fährt durch unterschiedliche Landschaften. Bei Swakopmund (hinten rechts) zum Beispiel trifft die Wüste direkt aufs Meer, auf den tosenden Atlantik.

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Wer durch Namibia fährt, fährt durch unterschiedliche Landschaften. Bei Swakopmund (hinten rechts) zum Beispiel trifft die Wüste direkt aufs Meer, auf den tosenden Atlantik.
Foto: Daniel Wirsching

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Wer durch Namibia fährt, fährt durch unterschiedliche Landschaften. Bei Swakopmund (hinten rechts) zum Beispiel trifft die Wüste direkt aufs Meer, auf den tosenden Atlantik.
Foto: Daniel Wirsching

Wir essen dort Roulade aus Kudu-Fleisch, schmeckt wie Hirsch, und beeilen uns, der Sonnenuntergang naht. Welch Sonnenuntergang! Rotglühend die Bergkette, blassrosa die Wolkenschleier, der Himmel in fahlem Hellblau, später in dunkelstem Dunkelblau, durchsetzt von Gelb- und Violetttönen. Der Mond scheint wie eine Taschenlampe auf das Wasserloch vor unserem Steinhaus. Der Beinahe-Elfjährige und die Fast-13-Jährige sind still geworden. Am Wasserloch trinkt eine Oryxantilope.

Tag 3: Der Wecker klingelt um 6 Uhr, die Fast-13-Jährige sagt, sie hätte nicht gedacht, dass sie in den Ferien dauernd früher aufstehe als in der Schulzeit. Sie drückt die Schlummertaste. Wir starten vor Sonnenaufgang, um langes Warten am Sesriem Gate, dem Zugang zum Namib National Park, zu vermeiden. Das Sonnenaufgangsspektakel lässt uns, schon wieder, sprachlos werden. Es ist wie eine Fahrt durch einen Aquarell-Malkasten. Zitronengelb wird zu Deckweiß, Nacht zu Tag.

Alles in Butter? Der King of the Road schwitzt

Die Wüste Namib hat ungezählte Farben. Gerade weht der Wind den rotbraunen Sand der links und rechts neben der Straße aufragenden Dünen über den Asphalt, der rissiger wird und schließlich verschwunden ist. Die letzten Kilometer bis zum Deadvlei und zur Big Daddy-Düne sind: Sandpiste. Der Toyota hat einen Extra-Sandpisten-Gang, die Fahrt im Sand ist wie eine Fahrt auf Butter, stelle ich mir vor. Alles in Butter? Der King of the Road schwitzt, und zwar nicht aufgrund der zunehmenden Hitze, will das jedoch nicht zugeben. Merke: Nicht vom, nicht zu viel, nicht zu wenig Gas, nicht bremsen, nicht heftig lenken, nirgends anstoßen!!! Aber hey: Das ist ein Spaß!!!

Weniger spaßig: Der Wind wird zum Sturm, zum Sandsturm. Wir kämpfen uns – die Köpfe in Kapuzen, die Gesichter verhüllt von Tüchern, die Augen hinter Sonnenbrillen – Meter um Meter voran. Dann das: Deadvlei, eine von mächtigen Dünen umschlossene Salz-Ton-Pfanne, an deren Ende eine der höchsten Sanddünen der Welt über 300 Meter gen Himmel gewachsen ist. Big Daddy. Wir laufen durch einen Wald abgestorbener, je nach Lichteinfall schwarz anmutender Kameldornbaumgerippe, 900 Jahre und älter.

Und dann das: Deadvlei, eine von mächtigen Dünen umschlossene Salz-Ton-Pfanne mit abgestorbenen Kameldornbaumgerippen.

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Und dann das: Deadvlei, eine von mächtigen Dünen umschlossene Salz-Ton-Pfanne mit abgestorbenen Kameldornbaumgerippen.
Foto: Daniel Wirsching

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Und dann das: Deadvlei, eine von mächtigen Dünen umschlossene Salz-Ton-Pfanne mit abgestorbenen Kameldornbaumgerippen.
Foto: Daniel Wirsching

Tag 4, 5, 6: Aktivitäten während des Fahrens: Liste der schlimmsten Pisten erstellen; Palmen zählen zwischen der Hafenstadt Walvis Bay und Swakopmund. Es sind 800 bis tausend. Die Landschaft ist wieder völlig anders. Die Wüste trifft direkt aufs Meer, auf den tosenden Atlantik. Oder umgekehrt. Ist eine Frage des Blicks. Der schweift an diesem Tag während einer Bootstour übers Wasser. „Delfine!“, ruft die Fast-13-Jährige. Und war das nicht? Es war. Nein, es ist – ein Buckelwal. „Das war eines der besten Erlebnisse meines Lebens“, sagt sie.

Swakopmund mit seinen 76.000 Einwohnern ist Ausgangspunkt für Ausflüge aufs Meer, in die Wüste und durch den Küstenort mit seiner bewegten Geschichte, in der Namibia für eine kurze, brutale Phase im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert Teil der Kolonie Deutsch-Südwestafrika war. Der Beinahe-Elfjährige und die Fast-13-Jährige, die davon hörten, beschäftigt stärker das Deutsche, das sie entdecken: das „Brauhaus“, in dem Leberkäse mit Spiegelei aufgetischt wird. Die Fachwerkhäuser. Die deutschen Straßennamen. Die Menschen, die sie auf Deutsch ansprechen.

Die Kinder beschäftigt das Deutsche, das sie in Swakopmund entdecken – von den Straßenschildern bis zum „Brauhaus“.

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Die Kinder beschäftigt das Deutsche, das sie in Swakopmund entdecken – von den Straßenschildern bis zum „Brauhaus“.
Foto: Daniel Wirsching

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Die Kinder beschäftigt das Deutsche, das sie in Swakopmund entdecken – von den Straßenschildern bis zum „Brauhaus“.
Foto: Daniel Wirsching

Wie die Deutsch-Namibierin Christiane Borg, die das Swakopmund Guesthouse leitet. Die Wurzeln der Familie liegen in Ostfriesland. Die Folgen der Pandemie trafen ihren Familienbetrieb hart. Fast zweieinhalb Jahre Ausnahmezustand. Und jetzt? „Die Leute werden wieder reiselustiger, auch mit Kindern“, sagt sie. Tatsächlich gilt Namibia als Land für Afrika-Einsteiger, Selbstfahrer-Neulinge und als eines der sichersten Länder Afrikas. Auf der „Travel Risk Map 2025“ eines Krisenwarndienstes ist es im selben Grün eingefärbt wie Deutschland.

Im Etosha National Park: Vielleicht 30 Meter entfernt von uns sehen wir Löwen.

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Im Etosha National Park: Vielleicht 30 Meter entfernt von uns sehen wir Löwen.
Foto: Daniel Wirsching

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Im Etosha National Park: Vielleicht 30 Meter entfernt von uns sehen wir Löwen.
Foto: Daniel Wirsching

Tag 7: Hinein ins „König der Löwen“-Land, ins Ugab-Tal mit seinen bizarren Felsformationen aus scheinbar aufeinander- und durcheinander gepurzelten Steinbrocken. Hinauf mit dem SUV zu einer Lodge auf einem Bergrücken, über einen Weg, der exakt so breit wie unser Auto ist und an den Seiten steil abfällt. Der Angstschweiß lohnt sich, vor uns tut sich eine Schlucht auf, die dem Grand Canyon in den USA ähnelt. Diese Weite. Hinunter ist es einfacher, wenn man sich traut. Dank der beiden Ziplines, deren längere in bis zu 50 Metern Höhe 880 Meter ins Tal reicht. Welches Lied hast du im Kopf, fragt der dafür Verantwortliche den Beinahe-Elfjährigen auf Englisch. „Staying alive“, antwortet der. Und traut sich.

„Du bist der Held des Tages“, sagt die Fast-13-Jährige zum Beinahe-Elfjährigen

Tag 8, 9, 10: Next stop: Etosha National Park. Zwei Tage sind wir in dem Schutzgebiet, das etwas größer ist als Hessen, einmal mit einer geführten Safari, einmal allein. Merke: Nicht aussteigen, Lebensgefahr! John, der Guide, scherzt, dass die schwarzen Streifen auf den Hintern des Impalas linker Hand wie ein „M“ geformt seien, „M wie McDonald’s – für Löwen“. Wir schauen müde drein, das frühe Aufstehen, und sind hellwach, als einige Zeit danach drei Löwinnen ihre Köpfe aus dem Gras recken, ihre Mäuler blutrot vom letzten Fressen. Vielleicht 30 Meter entfernt von uns im offenen Geländewagen. Tags darauf queren wir den Nationalpark, um den Rückweg Richtung Windhoek einzuschlagen. „Da war was!“, sagt der Beinahe-Elfjährige und deutet auf das Gestrüpp rechter Hand. Da ist was, zehn Meter entfernt. Ein Nashorn! In den Gesichtern der Kinder liegt Glück. „Du bist der Held des Tages“, sagt die Fast-13-Jährige. Unsere Etosha-Tiersichtungs-Bilanz: Hunderte Springböcke und Zebras, Dutzende Impalas und Gnus, 60 Giraffen, vier Elefanten, vier Kudus, drei Löwinnen, drei Geparden, zwei Strauße, ein Nashorn.

Unser „Kalahari-Ferrari“: Lieber langsam um die Schlaglöcher herum manövrieren oder über sie hinwegfliegen?

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Unser „Kalahari-Ferrari“: Lieber langsam um die Schlaglöcher herum manövrieren oder über sie hinwegfliegen?
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Unser „Kalahari-Ferrari“: Lieber langsam um die Schlaglöcher herum manövrieren oder über sie hinwegfliegen?
Foto: Daniel Wirsching

Tag 11, 12: Zurück. Der Kopf voller Eindrücke, im Gepäck ein Kuscheltier-Rochen und Makalani-Nüsse, in die unsere Namen geschnitzt sind. Der Kalahari-Ferrari ist heil geblieben, wir auch. Kein einziger Skorpion. Durr? Der Guide, den ich „vor Corona“ kennenlernte? Wir treffen uns in Windhoek. Wie es ihm gehe, frage ich. „Gut“, antwortet er. Infolge der Pandemie habe er Namibia zwischenzeitlich verlassen, um in Südafrika Geld zu verdienen. Aus dem Traum von der Schafs-Farm wurde nichts. Doch Durr ist „back in business“ und zeigt Urlaubern sein Land. Gleich morgen früh beginne eine neue Tour.

Kurz informiert

Namibia: Die dünn besiedelte Republik Namibia, die unter anderem an Botswana und Südafrika grenzt, hat nicht nur eine lange Atlantik-Küstenlinie, sondern mit der Namib auch die älteste Wüste der Welt.
Unterkünfte: Die abwechslungsreichen Unterkünfte dieser Reise, die der Afrika-Spezialist Abendsonne Afrika aus Buch im schwäbischen Kreis Neu-Ulm zusammengestellt hat, waren: Olive Grove Guesthouse und Galton House (Windhoek), Little Sossus Lodge, Swakopmund Guesthouse, Ugab Terrace Lodge, Etosha Safari Lodge, Mushara Bush Camp.
Reisezeit: Im namibischen Sommer (November–April) ist es tags oft mehr als 30 und nachts um die 20 Grad Celsius warm.
Anreise: Direktflüge von München nach Windhoek bietet zum Beispiel Discover Airlines an.

Daniel Wirsching

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