Der US-Wissenschaftler Paul Sereno tat am Samstag gegenüber der BBC seinen Unmut kund. „Unverschämtheit! Es ist unverschämt!“, sagte der Paläontologe, der auch in Geologie promovierte und enge Verbindungen nach Niger hat und dort auch geforscht hat, über die Versteigerung und den generellen Umgang mit dem Marsgestein. Er sei der Meinung, dass der Meteorit wieder in Niger sein sollte.

Sereno vermutet dabei einen Rechtsbruch. „Das internationale Recht besagt, dass man etwas, das für das Erbe eines Landes wichtig ist – sei es ein Kulturgut, ein materielles Objekt, ein Naturobjekt oder ein außerirdisches Objekt – nicht einfach aus dem Land bringen darf.“ Man habe die Kolonialzeit hinter sich gelassen, in der das noch alles in Ordnung war, sagte Sereno der BBC.

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Marsmeteorit um 4,5 Mio. Euro versteigert

Niger vermutet „illegalen Handel“

Auch die Regierung von Niger selbst äußerte zuletzt in einer Erklärung „Zweifel an der Rechtsmäßigkeit der Ausfuhr“ und kündigte eine Untersuchung an, wie der Sender africanews online berichtete. In einer Erklärung hieß es, mehrere Minister – darunter jene für Bergbau und Justiz – wurden angewiesen, den Fall zu untersuchen, der ihrer Meinung nach „wahrscheinlich die Merkmale des illegalen internationalen Handels aufweist“.

Das Auktionshaus Sotheby’s bestreitet das vehement und meint, „dass ‚NWA 16788‘ (die Bezeichnung des Marsmeteoriten, Anm.) aus Niger exportiert und unter Einhaltung aller einschlägigen internationalen Verfahren transportiert wurde. „Wie bei allem, was wir verkaufen, waren alle relevanten Dokumente in jeder Phase des Transports in Ordnung, in Übereinstimmung mit (…) den Anforderungen der beteiligten Länder.“ Die von Niger in die Wege geleitete Untersuchung verfolge man, hieß es.

Rechtliche Lage unklar

Eine Reihe globaler Abkommen, unter anderem im Rahmen der UNESCO, haben in der Vergangenheit versucht, den Handel mit solchen kostbaren Artefakten zu regeln. Laut einer Studie des Völkerrechtsexperten Max Gounelle aus dem Jahr 2019 ist jedoch nicht klar, ob Meteoriten unter diese Abkommen fallen. Es bleibe den einzelnen Staaten überlassen, wie sie es auslegen, heißt es in der Studie.

Niger verabschiedete 1997 ein eigenes Gesetz zum Schutz seines Kulturerbes. In dem Regelwerk würden zwar unter archäologischen Funden „mineralogische Exemplare“ erwähnt, jedoch Meteoriten nicht ausdrücklich genannt, meint der Forscher Sereno. Auch das Auktionshaus Sotheby’s wies in seiner Erklärung zur Versteigerung des Meteoriten darauf hin, „dass es noch keine spezifischen Rechtsvorschriften für Meteoriten gibt“.

Marsmeteorit NWA 16788 wird bei Sotheby’s ausgestellt

Reuters/Eduardo Munoz

Die Auktion des rund 25 Kilogramm schweren und bisher größten Marsgesteins auf der Erde bleibt umstritten

Die nigrische Regierung nahm das zur Kenntnis; jedoch blieb für sie die Frage, wie es jemandem möglich war, ein so schweres, auffälliges Gestein aus dem Land zu schaffen, ohne dass die Behörden das bemerkten. Denn über die Umstände, wie der rund 25 Kilogramm schwere Gesteinsbrocken vom Mars in einem weltbekannten Auktionshaus in den USA gelandet war, ist bisher nur wenig bekannt.

Von Niger nach Italien bis in die USA

„NWA 16788“ wurde vor rund zwei Jahren in der Sahara – in jenem Teil, der im nordwestafrikanischen Niger liegt – von einem Meteoritenjäger, dessen Identität nicht bekannt ist, entdeckt. Einem italienischen Artikel im Fachjournal MDPI zufolge, wurde das Gestein „von der örtlichen Gemeinde in Niger an einen internationalen Händler verkauft“ und dann in eine private Galerie in der italienischen Stadt Arezzo in der Toskana gebracht.

Die Person wurde als „ein wichtiger italienischer Galerist“ beschrieben, hieß es von der Universität Florenz. Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter der Leitung von Giovanni Pratesi, einem Professor für Mineralogie an der Universität Florenz, konnte den Meteoriten untersuchen, um mehr über seine Struktur und seine Herkunft zu erfahren. Der Meteorit wurde dann im vergangenen Jahr kurzzeitig in Italien ausgestellt, auch in der italienischen Raumfahrtbehörde in Rom. Das letzte Mal wurde er vor rund einem Monat in New York ausgestellt, als er zur Auktion stand.

Kritik an Versteigerung

Doch nicht nur die Tatsache, wie der Meteorit versteigert wurde, sondern auch dass er überhaupt versteigert wurde, sorgt für Aufregung. Auch der international renommierte Meteoritenforscher Christian Köberl von der Universität Wien kritisierte das zuletzt gegenüber ORF Wissen. Der Handel mit solch seltenen Objekten sei prinzipiell eher kritisch zu sehen, denn der Forschung entginge damit etwas, so Köberl – mehr dazu in science.ORF.at.

400 solcher Objekte vom Mars konnten bisher auf der Erde identifiziert werden. Was nun mit „NWA 16788“ nach der Versteigerung weiter passieren würde, dürfte noch nicht entschieden sein – ob er im Tresor eines Sammlers oder einer Sammlerin verschwindet oder doch der Forschung zur Verfügung gestellt oder vielleicht auch als Leihgabe in einem Museum landet.

Sereno sah gegenüber der BBC trotzdem auch etwas Positives. Er sieht einen Wendepunkt im zukünftigen Umgang mit außerirdischem Gestein. Denn erstens habe es die nigrischen Behörden zum Handeln motiviert und zweitens, „wenn der Meteorit jemals in einem öffentlichen Museum ausgestellt würde, müsse sich dieses damit auseinandersetzen, dass Niger den Meteoriten offen für sich beansprucht“, so der US-Wissenschaftler.