Der Urlaubstag für die dreiköpfige Familie aus dem Unterallgäu war bis dahin wahrscheinlich leicht und unbeschwert. Es ist Anfang April, das Wetter im bekannten ägyptischen Badeort Hurghada ist zu dieser Jahreszeit bereits sommerlich. Das Rote Meer hat angenehme Temperaturen über 20 Grad. Es lässt sich gut entspannen. Dann beginnt in der Hotelanlage die Show eines Schlangenbeschwörers – danach ist für die Familie nichts mehr, wie es zuvor war.
Der Schlangenbeschwörer hat zwei der Reptilien im Einsatz, vermutlich Kobras. Er legt die Tiere manchen der zahlreichen Zuschauer um den Hals. Der Gruselfaktor ist hoch angesichts der giftigen Tiere. Dann nimmt die Tragödie ihren Lauf: Der Schlangenbeschwörer lässt eine der Schlangen in die Hose des Vaters kriechen. Das Tier beißt den 57-Jährigen ins Bein. Der Mann zeigt rasch starke Vergiftungssymptome, muss reanimiert werden. Er wird noch in ein örtliches Krankenhaus gebracht, stirbt dort aber. Nun drängen sich eine ganze Menge Fragen auf.
Tödlicher Schlangenbiss im Hotel in Ägypten: Warum hatten die Schlangen ihre Giftzähne noch?
Warum hatten die Schlangen ihre Giftzähne noch? Üblich ist es im Rahmen solcher Shows, die Giftzähne der Tiere zu entfernen oder zumindest das Gift vorher zu „melken“. Wieso ließ der Schlangenbeschwörer angesichts dieser Umstände das Reptil in die Hose des Urlaubers aus Schwaben kriechen? Wusste er am Ende nicht, dass die Schlangen ihre Giftzähne noch hatten? Weshalb wurde dem Mann nicht rasch ein Gegengift verabreicht? Warum starb der Unterallgäuer so schnell?
All diese Fragen zum Schlangenbiss-Drama von Hurghada sollen nun strafrechtliche Ermittlungen in Ägypten und Deutschland beantworten. Wenn ein deutscher Staatsbürger im Ausland unter nicht geklärten Umständen stirbt, werden auch Polizei und Staatsanwaltschaft in Deutschland tätig. Die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft Memmingen sind für den Fall zuständig, weil das Todesopfer nach Informationen unserer Redaktion aus dem Raum Mindelheim stammt. Viel ist von den Ermittlern nicht zu erfahren, zum Schutz der Familie des Opfers. Nur, dass die Ermittlungen nicht konkret gegen den Schlangenbeschwörer, sondern offen geführt werden. Möglicherweise trifft auch das Hotel eine Mitverantwortung oder den Veranstalter der Show. Das Ergebnis eines toxikologischen Gutachtens liegt noch nicht vor. Die Staatsanwaltschaft Memmingen schätzt, dass die Ermittlungen wegen des Auslandsbezugs mehrere Monate in Anspruch nehmen werden.
Schlangenbeschwörung: Gefährlicher Umgang mit giftigen Kobras
Schlangenbeschwörer sind im Prinzip Entertainer, die so tun, als ob sie Schlangen dressieren oder hypnotisieren können, obwohl die Tiere lediglich den Bewegungen ihres Instruments folgen. In Indien und in Nordafrika sind Schlangenbeschwörer dennoch bis heute populär und eine beliebte Touristenattraktion.
Gerade das ist jedoch problematisch, weil der Umgang oft gefährlicher ist, als er wirkt: „Direkter Kontakt mit einer Giftschlange ist sehr fahrlässig“, warnt Thomas Türbl, Facharzt für Reptilien und stellvertretender Leiter der Reptilienauffangstation in München. Selbst in der Auffangstation arbeiten Profis mit Schlangenhaken und vermeiden es, die Tiere mit bloßen Händen anzufassen.

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Der Biss einer Kobra hat offenbar im Ägyptenurlaub einen Mann aus dem Unterallgäu getötet.
Foto: Roland Weihrauch, dpa
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Der Biss einer Kobra hat offenbar im Ägyptenurlaub einen Mann aus dem Unterallgäu getötet.
Foto: Roland Weihrauch, dpa
Dass ausgerechnet Kobras in solchen Shows trotz ihrer Giftigkeit eingesetzt werden, liege an der Wirkung der Schlange: „Die Kobra ist eigentlich die einzige Schlange, die sich so angriffslustig aufrichtet“, sagt der Facharzt. Die meisten ungiftigen Schlangen würden in vergleichbaren Situationen eher fliehen – das lasse sich deutlich schlechter inszenieren. Gleichzeitig betont Türbl aber auch, Kobras seien grundsätzlich nicht gegenüber Menschen aggressiv: „Die verteidigen sich, wenn sie Angst haben und in die Enge getrieben werden.“ Wenn es zu einem Angriff komme, sei das fast immer ein Unfall oder schlechte Handhabung durch den Menschen, betont Türbl.
Schlangenbiss: Giftwirkung hängt von Mensch und Schlange ab
Wie schwerwiegend ein Unfall ausgeht, hänge sowohl von der Schlange als auch vom Menschen ab. „Die Giftwirkung ist sehr individuell“, sagt Türbl. Bei Kobras unterscheidet die Schlangenforschung zwischen afrikanischen und asiatischen Kobras. Erstere weise mehr Neurotoxine auf, also Gifte, die das Gehirn angreifen, letztere mehr Gewebe zerstörende Gifte. Türbl hält es für realistisch, dass es sich bei der Schlange in dem Fall um eine ägyptische Kobra gehandelt haben könnte.
Auch Menschen reagieren auf Giftbisse unterschiedlich. Besonders gefährlich seien Bisse in Kopf- oder Halsnähe, weil die Toxine dann schneller wirken könnten, erklärt Türbl. Zudem spielten Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und allergische Reaktionen, die einen giftbedingten Schock auslösen können, eine Rolle. Im vorliegenden Fall könnte der Verunglückte vorbelastet gewesen sein. „Dass es so schnell ging, ist ein Hinweis darauf“, so der Facharzt. Was genau passiert ist, könne er natürlich nicht sagen. „In der Regel sterben Menschen bei einem Kobrabiss aber nicht direkt“, erklärt er.