Viele haben es schon versucht. In Namibia und Südafrika. Mit Profis und als Solisten. In der Frühe und am Abend. Doch die schönste aller Raubkatzen bleibt den allermeisten verborgen und lässt so den Traum von den Big Five bei manch einem auswachsen zum veritablen Trauma. So wie auf Elefanten und Büffel durchweg Verlass ist; so wie sich fast immer auch ein paar Nashörner und Löwen einfinden; so verschwindend gering ist die Chance auf den scheuen und mit seinem Rosettenmuster perfekt getarnten Leopard – etwa so wie ein Sechser im Lotto.

Umso größer die Hoffnung, wenn man sich – auf halber Strecke zwischen Windhoek und Etosha-Nationalpark – einfindet in Okonjima. In ganz Namibia gibt es keinen besseren Platz, um Leoparden zu sehen, darin sind alle Experten sich einig. Denn Okonjima ist zwar auch eine ausnehmend schöne Lodge, vor allem aber ein riesiges Schutzgebiet für Raubkatzen. Auf 200 Quadratkilometern können sich hier Leoparden und Geparden so lange so frei bewegen, bis sie der Elektrozaun stoppt, der das riesige Reservat umschließt.  

Diese Leopardin hat gerade eine Antilope erlegt und schleppt die Beute in ein Versteck
Foto: Eichler

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Spielwiese für Leoparden

33 Leoparden leben aktuell in Okonjima, knapp die Hälfte von ihnen trägt Funkhalsbänder. Das hat wissenschaftliche Gründe, ist aber auch ein Standortvorteil beim Wettbewerb um Touristen. Freilich auch hier ohne jede Garantie. Seit sich das Jurassic-Park-Hochsicherheitstor für das Pirschfahrzeug geöffnet hat, ist bereits eine Stunde Safari vergangen. Mit Giraffen, Warzenschweinen, Antilopen. Ein seltener Albino-Schakal pennt am Weg, ein Honigdachs flitzt übern Hügel, zwei Oryx-Antilopen kämpfen den Stärkeren aus, spitzhütige Termitenhügel säumen die Piste. Alles sehr schön, aber langsam macht sich Unruhe breit. Immer wieder hebt Fahrer-Führer John seine metallische Wünschelrute in die Luft, um Signale von Halsbändern aufzufangen. Aber alles bleibt still, wo nichts piept, da auch kein Leopard.

Doch weit gefehlt! Unvermittelt reißt John das robuste Geländefahrzeug nach rechts, mit Karacho hinein ins Stachelgestrüpp. Und dort, ja dort schlägt das Glück endlich zu. Mit voller Wucht! Keine zehn Meter entfernt zerrt ein Weibchen gerade ein frisch erlegtes Impala an der Kehle durch den Busch. Checkt kurz die Fremdlinge ab und beginnt in aller Seelenruhe zu fressen. Von hinten an die Eingeweide der Beute ran, „weil es dort am weichsten und leichtesten ist“, wie John flüstert. Der Guide ist aber noch aus einem anderen Grund aus dem Häuschen. Das Halsband der Leopardin ist seit Wochen tot, das Tier also nicht mehr zu lokalisieren. Die Info, dass und wo die Katze wieder aufgetaucht ist, wird sofort übermittelt, am nächsten Tag wird der Tierarzt von AfriCat ein neues Gerät am Hals von Leela befestigen.

„Das ist meins“, sagt der Blick, „bleibt mir vom Leib, dann kriegen wir kein Problem“
Foto: Eichler

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Schutzstation für Raubkatzen  

Während seine Gäste sich nicht sattsehen können am blutigen Mahl und Dauerfeuer klicken wie verrückt, klärt John über die Arbeit der AfriCat Foundation auf, die in Okonjima eine Schutzstation und eine Großkatzenklinik betreibt. 1992 gegründet, hat sich die gemeinnützige namibische Organisation zum Ziel gesetzt, die Raubtiere Namibias vor der Ausrottung zu bewahren. Hintergrund: Im Gegensatz zu Löwen, die in den Nationalparks geschützt sind, leben fast alle Leoparden und Geparden Namibias in den weiten Flächen des Farmlands, wo sie eine tödliche Gefahr für das leicht zu erbeutende Nutzvieh sind. Und damit auch für sich selbst. Denn bei toten Kälbern, Ziegen und Schafen fackeln Farmer nicht lange: Allein von 1980 bis 1991 wurden in Namibia 6.818 Geparden erschossen, an ausgelegten Ködern vergiftet und in Fallen getötet. Bei Leoparden waren von 8.000 Tieren in den 1980ern noch 5.500 in 2004 geblieben – ein Rückgang um über 30 Prozent.

Bilderstrecke:

Mit Guides wie John wird die Pirsch in Okonjima zum grandiosen Erlebnis.Kamera IconKamera Icon 11 Bilder

Leoparden in Namibia: Besuch in Okonjima

2019 hingegen lebten nach bisher letzter staatlicher Zählung bereits wieder 11.733 Leoparden in Namibia. Ein Erfolg, der maßgeblich der AfriCat Stiftung und ihrer Aufklärungsarbeit zu verdanken ist. Diese hatte sich von Anfang an der komplizierten Aufgabe verschrieben, die diametral widerstreitenden Interessen behutsam auszubalancieren. Einerseits nämlich konsequent das Leben der Raubtiere zu schützen, zugleich genauso wirksam aber auch das Überleben des Nutzviehs zu sichern. Ein Lern- und Überzeugungsprozess von inzwischen drei Jahrzehnten, dem Farmers Kinder und Kindeskinder schon sehr viel aufgeschlossener folgen als ihre Eltern seinerzeit. Wo früher Raubkatzen auf privatem Land fast ausnahmslos getötet wurden, wird heute die Stiftung angerufen, wenn Farmer eine Katze fangen. Lebend, in einer Käfigfalle. AfriCat-Profis holen dann das Tier ab, untersuchen es, pflanzen ihm einen Chip ein und setzen es wieder aus. Ist es krank oder verletzt, kommt es – notfalls mit dem Buschflieger – mit ins Hospital und wird danach ausgewildert im Schutzgebiet.

Fressen und gefressen werden – auch in Okonjima gelten die blutigen Gesetze der Natur.
Foto: Eichler

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Schutz-Tiere und Bimmel-Mahlzeit

„Erschießen ist schon deshalb keine Lösung, weil das verwaiste Revier über kurz oder lang von einem Artgenossen neu besetzt wird“, beschreibt John das Schusswaffen-Dilemma. „Wir haben deshalb einen ganzen Katalog an Maßnahmen entwickelt, der den gefleckten Jägern den Appetit auf Kälber so gründlich verdirbt, dass sie am Ende lieber Antilopen jagen.“ Dazu müssen die Farmer dann allerdings auch ein paar Rinder weniger halten, damit genügend Gras für Antilopen bleibt, von denen sich die Raubkatzen dann ernähren können.

Zur unmittelbaren Abwehr von Angriffen kommen zum einen Schutztiere zum Einsatz: Hütehunde für Schafe, langhornige Bullen, aggressive Rinderrassen. Weibliche Esel, die Geparden mit Bissen und Tritten abwehren oder abgerichtete Paviane, die Eindringlingen ebenfalls allzu leichte Beute vermiesen. Dazu ein ganzes Arsenal an Installationen: Elektrozäune und raubtiersichere Einzäunungen für Weiden, auf denen Kälber zur Welt kommen und aufwachsen, bis nach vier Monaten die Mutter den Schutz übernimmt. Durchaus wirksam sei auch die bimmelnde Mahlzeit, grinst John. Nähert sich ein Leopard einem Kalb mit klingelndem Glöckchen, bekommt er per Fernsteuerung über das Halsband minimale Stromstöße verpasst. „Leoparden lernen so blitzschnell, bimmelnde Tiere zu meiden und geben diese schlechte Erfahrung auch prompt an den Nachwuchs weiter.“

Auf ihrem Weg durchs Revier lässt sich diese Raubkatze von nichts und niemandem stören
Foto: Eichler

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Apropos Nachwuchs: Leela hat fürs Erste genug. Versteckt die Beute unter einem Baum – sonst gehen die Hyänen dran –, fletscht noch einmal fotogen ihr blutiges Maul und macht sich auf den Weg. Zu ihrem Kind, wie John vermutet. Eine halbe Stunde folgt John ihr kreuz und quer durch den Busch, und alle sind immer noch komplett hingerissen. Statt ersehnter weniger passabler Schüsse füllen sich die Speicherchips im Stakkato mit exquisiten Bilderserien.

Wie Leela durch den Busch streift – klick, klick, klick. Ab und an innehält mit der Nase im Wind – klick, klick, klick. Wie sie für eine Pause abhängt auf einem Termitenhügel und sich dabei bescheinen lässt von der Abendsonne – Dauerklick. Wie sie zum Finale die Kinderstube erreicht und wie dann Mama und Kind im letzten Tageslicht synchron auf einem Sandhügel liegen – das geht weit hinaus über die Grenze zum Kitsch und wird dennoch oder gerade deshalb unvergesslich bleiben. Wie der gesamte Sechser im Leoparden-Lotto. An diesem Nachmittag in Okonjima. 

Mehr Informationen:

Trip-Tipps für Namibiagrößer alsGrößer als Zeichen

Anreise: Discover Airlines und Lufthansa fliegen 6x pro Woche direkt von Frankfurt nach Windhoek; Tickets ab 645 Euro, Flugzeit 10,15 Stunden, Ankunft 9:15 Uhr morgens.

Einreise: Deutsche Touristen benötigen seit 1. April 2025 ein kostenpflichtiges Visum, das vorab online (e-Visa) oder bei Ankunft (“Visa on Arrival“) beantragt werden kann. Der Reisepass muss noch mindestens 6 Monate gültig sein. Erforderlich außerdem: Rückflugtickets und Nachweise über Unterkunft und finanzielle Mittel

Übernachtung: Eine Nacht im Plains Camp von Okonjima kostet pro Nacht/HP 330 Euro, im luxuriösen Bush-Camp 760 Euro; das Leopard-Tracking schlägt mit 57 Euro (990 N$) pro Person zu Buche 

Pauschal: Gebeco hat Namibia mit insgesamt 19 Erlebnisreisen, Studienreisen und Privatreisen zwischen 9 und 20 Tagen Reisedauer im Programm. Eine Nacht in Okonjima inklusive Leopard-Tracking ist enthalten in der 13tägigen Privatreise „Namibia – Naturparadies Caprivi“ ab 5945 Euro. Weitere Infos auf der Gebeco-Webseite.

AfriCat: Die Non-Profit-Organisation wurde von Familie Hanssen gegründet und hat seit 1992 über 1000 Geparden, Leoparden, Löwen, Hyänen, Karakale und Wildhunde gerettet. Nach eigenen Angaben konnten davon über 85 Prozent wieder ausgewildert werden. Ein Besucherzentrum klärt über die Bedeutung des Naturschutzes und eines funktionierenden Ökosystems auf. Touristen haben die Möglichkeit, bei den Fütterungen zuzuschauen oder die gefleckten Katzen auf dem Gelände zu beobachten. Okonjima ist damit gleichzeitig der größte Geldgeber der Stiftung.

Weitere Infos: www.namibia-tourism.com