Afrikameister Marokko reist erschüttert zur WM

Der „Titel der Schande“ lähmt die Atlaslöwen

Philipp Michaelis

Aktualisiert am 06.05.2026 – 15:59 UhrLesedauer: 7 Min.

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Spieler des Senegal und von Marokko geraten im skandalösen Finale des Afrika-Cups aneinander. (Quelle: Youssef Loulidi/AP/dpa/dpa-bilder)

Marokko müsste als afrikanischer Kontinentalmeister bei der WM eigentlich mit breiter Brust antreten. Doch der Skandaltitel hat das Team erschüttert.

Der amtierende Sieger des Afrika-Cups im Winter müsste eigentlich mit breiter Brust nach Nordamerika reisen. Doch der Titel war kein Triumph, sondern ein Skandal und wenig dazu angetan, den „Atlaslöwen“ Selbstvertrauen einzuhauchen.

Das Finale im eigenen Land gegen Senegal geriet zur Farce. Nach einem umstrittenen Elfmeter für Marokko in der Nachspielzeit diskutierten die Spieler Marokkos und des Senegal minutenlang mit dem Schiedsrichter, es kam zu Rudelbildungen, das Spiel stand mehrfach still. Parallel eskalierten Szenen abseits des Balls: Marokkanische Balljungen und Spieler griffen Senegals Torwart Édouard Mendy an, nahmen dessen Handtuch weg. Ersatzkeeper Yehvann Diouf wurde bedrängt, ging zu Boden.

Das Spiel kippte, der Senegal verließ den Platz und kehrte erst nach langer Bedenkzeit zurück. Brahim Díaz vergab den gegebenen Strafstoß kläglich, der Senegal gewann die Partie in der Verlängerung. Wochen später bestrafte der afrikanische Fußballverband den Senegal für den Eklat und die zwischenzeitliche Weigerung, das Spiel fortzusetzen. Marokko wurde Afrikameister, aber nicht auf dem grünen Rasen, sondern am grünen Tisch. Ein Titel der Schande.

Mit Mohamed Ouahbi übernimmt ein Coach aus dem eigenen Verband. Kein großer Name, sondern ein Analytiker. Die Mannschaft bleibt individuell stark – viele Profis spielen bei Topklubs in Europa. Doch die Stabilität ist nicht mehr selbstverständlich. Marokko reist voller Zweifel zur WM.

Die Qualifikation war kein Durchmarsch für Marokko. Es gab Momente, die viel über diese Mannschaft erzählen.

In Tansania reicht eine Szene, um das Spiel zu entscheiden. Ballgewinn im Zentrum, ein kurzer Blick von Amrabat, dann der Pass in die Tiefe. Hakimi startet aus dem Rücken seines Gegenspielers, nimmt Tempo auf, flache Hereingabe, Tor. Danach zieht sich Marokko zurück, verdichtet das Zentrum, lässt kaum noch etwas zu. Kein Druck, kein Risiko – nur Kontrolle.

In Sambia wird es unruhig. Ein langer Ball hinter die Abwehr, einmal unsauber abgestimmt – Rückstand. Für einen Moment wirkt die Mannschaft unsicher. Die Antwort kommt nicht aus dem Spiel heraus, sondern über eine Standardsituation. Ziyech bringt die Ecke scharf an den ersten Pfosten, der Ball wird verlängert, Ausgleich. Kurz vor Schluss folgt ein Umschaltmoment, wie er typisch ist: Ballgewinn, zwei Kontakte, Abschluss.

Das Spiel gegen Niger fühlt sich anders an. Marokko hat den Ball fast durchgehend. Doch es passiert wenig. Der Gegner steht tief, verschiebt diszipliniert, nimmt die Räume zwischen den Linien weg. Minutenlang wirkt das Spiel statisch. Dann ein Distanzschuss, abgefälscht – Tor. Plötzlich öffnen sich Räume, weil der Gegner reagieren muss.