
Klimafreundlich produzierter Wasserstoff gilt als zentral für die Energieversorgung der Zukunft. Deutschland ist dabei auf Importe angewiesen – unter anderem aus Algerien. Wie kommen die Pläne voran?
In einem kleinen Labor an der technischen Universität Blida nahe Algier analysieren angehende Chemie-Ingenieurinnen Wasserproben. In ihrem Kurs geht es um klimafreundlich erzeugten grünen Wasserstoff. Seit diesem Semester gibt es an der Uni einen eigenen Master-Studiengang Wasserstoff-Energie. Die Sahara sei nun mal ein Ort mit gigantischer Sonneneinstrahlung, so die Studentin Akbel Doukhi. „Man kann diese Flächen nutzen und Photovoltaikanlagen aufstellen und die dann mit der Technik zur Produktion verknüpfen.“
Produziert wird noch nicht, aber Algerien stellt die Weichen für grünen Wasserstoff: Der größte Gasexporteur Afrikas baut eine große Photovoltaikanlage nach der anderen. Noch fließt Strom aus Gas durch die Leitungen, mitten durch die riesigen Wüstengebiete Algeriens. Kürzlich fertig gestellt: die vier Quadratkilometer große Anlage „Tendla“ im Norden der Sahara: ein Ort mit besonders hoher Sonneneinstrahlung und Teil der grünen Energie-Offensive des Landes.
Im April des vergangenen Jahres lag die installierte Leistung für Erneuerbare Energien in Algerien bei 400 Megawatt. Bis 2035 will man auf 15.000 Megawatt aufstocken. Das entspricht in etwa der Leistung von 15 Atomkraftwerken.
Günstige Lage am Mittelmeer
Algerien biete ein hervorragendes Potenzial für grüne Energien, so Christoph Hank, Wasserstoff-Experte beim Fraunhofer-Institut. Und: Er sieht das Land auch im Vergleich mit weltweiten Konkurrenten im Vorteil. Es gebe nämlich bereits Initiativen, eine existierende Gas-Pipeline umzuwidmen und auszubauen. „Die würde es dann erlauben, den grünen Wasserstoff, der in Algerien erzeugt wird, direkt per Pipeline bis nach Deutschland zu bringen.“
Deshalb hatte auch der frühere grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck Algerien als Wasserstofflieferanten ins Auge gefasst. Vor knapp zwei Jahren reiste er mit einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation nach Algier und gab sich optimistisch für die künftige Zusammenarbeit.
Auch seine Nachfolgerin Katherina Reiche (CDU) bekenne sich zur Bedeutung von Wasserstoffimporten für die Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung Deutschlands, so das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gegenüber tagesschau.de. Eine möglichst diversifizierte und resiliente Energieversorgung sei zur Reduzierung einseitiger Import-Abhängigkeiten unabdingbar.
Algerische Firmen warten auf Zusagen
Im Januar 2025 unterzeichneten Deutschland, Algerien, Italien, Österreich und Tunesien ihre Absicht, den „südlichen Wasserstoffkorridor“ zu errichten. Damit ist eine Pipeline von Algerien über Tunesien durchs Mittelmeer nach Italien und von dort bis Deutschland gemeint.
Bei der Deutsch-Algerischen Industrie- und Handelskammer in Algier stehe das Thema Wasserstoff ganz oben auf der Agenda, so Geschäftsführer Oliver Blank. Ende 2025 häuften sich bei ihm Besuche von Delegationen aus Deutschland, von Unternehmen und auch aus dem bayerischen Wirtschaftsministerium. Die Besucherinnen und Besucher aus Deutschland hätten gesehen, dass Algerien Rahmenbedingungen geschaffen und in Infrastruktur investiert habe, so Blank. „Auf der algerischen Seite ist die Erwartungshaltung, dass jetzt auf der deutschen Seite klare Zeichen gesetzt werden, dass grüner Wasserstoff, der in Algerien produziert wird, auch abgenommen wird.“
Aber von wem? Noch gibt es keinen etablierten Markt für grünen Wasserstoff. Das Ministerium weist gegenüber tagesschau.de auf diverse europäische Maßnahmen zur Förderung der Nachfrage sowie auf Hilfen für die heimische Industrie hin. „Der Südkorridor ist ein privatwirtschaftliches Projekt, das heißt, Abnahmeverträge für grünen Wasserstoff werden von industriellen Nachfragern abgeschlossen.“
Pilotprojekte am Mittelmeer
An der algerischen Mittelmeerküste im Industriegebiet von Oran stehen mehrere Firmen in den Startlöchern für grünen Wasserstoff – bei ihnen laufen Pilotprojekte. Bisher entsteht in ihren gigantischen Industrieanlagen Ammoniak für die Chemieindustrie weltweit.
Ammoniak wird ähnlich hergestellt wie Wasserstoff. Man braucht dafür viel Wasser und viel Energie: bisher aus Gas, künftig aus Sonne und Wind. Das Wasser kommt aus dem Meer, wird direkt entsalzt. Noch sind die Firmen in der Umbauphase, aber bald wollen sie erst grünen Ammoniak und dann grünen Wasserstoff nach Europa liefern. 2030 könne man mit der industriellen Produktion von grünem Wasserstoff beginnen, so offizielle Planungen.
Deutschland macht zwar keine Abnahme-Zusagen, ist aber schon länger beratend am Start, etwa damit die europäischen Umweltstandards eingehalten werden. Auch bei der Entsalzung des Meerwassers. Dabei gelte es zu prüfen, dass die Entsalzung nachhaltig funktioniert, so Elisabeth Gager von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in Algier, „einerseits durch die Anwendung von Erneuerbaren Energien, aber andererseits dann natürlich auch in der Behandlung von Rückständen in der Entsalzung“.
Einfluss der Geopolitik
Aber wo steht Algerien politisch? Meinungsfreiheit und Demokratie werden in dem Land nicht besonders großgeschrieben. Und Russland, Iran oder China galten bisher eher als Partner als die westlichen demokratischen Industrienationen.
Aber wirtschaftlich scheint sich Algerien gerade auch jenseits grüner Energien intensiver Richtung Europa zu orientieren. Umgekehrt nimmt AHK-Geschäftsführer Blank bei deutschen Mittelständlern ein gestiegenes Interesse an Algerien wahr. Vor dem Hintergrund der „geopolitischen Situation mit den großen Unsicherheiten durch die großen Player China und die USA im Wesentlichen“ seien der Nahe Osten und Nordafrika mehr in den Fokus gerückt. Und damit auch Algerien als Wasserstofflieferant. Mit einer Prognose, wann grüner Wasserstoff aus Algerien erstmals in Deutschland landet, will sich kaum jemand vorwagen. Fraunhofer-Experte Hank rechnet nicht vor 2035 damit.
Die ersten Absolventinnen und Absolventen mit Wasserstoff-Master von der Uni Blida dürften dann längst im Berufsleben stehen, sie werden 2027 fertig. Auch der Wissenschaftsbetrieb kooperiert übrigens mit Deutschland. Partner der Universität Blida in Sachen Wasserstoff ist die Hochschule Esslingen. In Algier und Esslingen gehen die Organisatoren davon aus, dass alle mit einem Abschluss gute Berufsaussichten haben werden.
