Sudans „Staat von 1956“ – ein Herrschaftssystem, das auf Marginalisierung und Ethnisierung beruht.

Es gibt Kriege, die beginnen mit einem Schuss. Und es gibt Kriege, die beginnen mit einer Ordnung. Der Sudan gehört zur zweiten Kategorie. Der 15. April 2023 – jener Tag, an dem sich Armee (SAF) und Rapid Support Forces (RSF) in Khartum bekämpften – war kein Anfang, sondern ein Symptom. Wer hier einen plötzlichen Machtkampf zweier Generäle sieht, verwechselt Eskalation mit Ursache.

Denn der Sudan ist kein Staat, der im Krieg zerfällt. Er ist ein Staat, der im Krieg entstanden ist – und sich seitdem darin reproduziert.

Ein Staat, der seine Peripherie produziert

Die gängige Erklärung ist schnell erzählt: Zwei Militärführer, einst Verbündete, geraten über die Integration der RSF in die Armee aneinander. So beschreibt es auch die Emergency Alliance nüchtern als „Machtkampf“ um Struktur und Kontrolle der Sicherheitsapparate. Das ist korrekt – aber analytisch unzureichend.

Denn dieser Konflikt ist kein Unfall innerhalb eines funktionierenden Systems. Er ist die logische Fortsetzung eines Systems, das nie funktioniert hat – zumindest nicht für alle.

Seit der Unabhängigkeit 1956 wurde Macht entlang einer geografischen und sozialen Achse organisiert: Zentrum gegen Peripherie. Khartum wurde zum politischen, ökonomischen und symbolischen Mittelpunkt; Darfur, die Nuba-Berge oder der Blaue Nil zu Räumen der Verwaltung, nicht der Teilhabe.

Mahitab Mahgoub beschreibt dieses Muster lakonisch: Ressourcen fließen „ins Zentrum“, während die „marginalisierte, vom Krieg zerrüttete Peripherie vernachlässigt wird“. Das klingt wie eine Fehlentwicklung. Tatsächlich ist es das Design.

Der sogenannte „Staat von 1956“ ist weniger ein historisches Datum als ein politisches Arrangement: eine Ordnung, die Ungleichheit nicht nur hervorbringt, sondern stabilisiert. Wer dazugehört, entscheidet nicht die Staatsbürgerschaft, sondern Nähe zur Macht – ethnisch, geografisch, ökonomisch.

Instabilität als Struktur

Dass ein solcher Staat instabil ist, wäre noch kein Skandal. Skandalös ist, dass seine Instabilität selbst zur Struktur geworden ist.

Mit bisher 20 Militärputschen seit der Unabhängigkeit sind keine Abweichung, sondern Ausdruck eines Systems, das Gewalt nicht als Ausnahme kennt, sondern als Methode. Bürgerkriege – von 1955 bis 1972, von 1983 bis 2005, in Darfur in Verbindung mit einem Genozid 2003–2008 – sind nicht Randereignisse, sondern integraler Bestandteil staatlicher Praxis.

Der Krieg erscheint so als verspätete Korrektur, als „Rache der Marginalisierten“.

Der Politologe würde hier von einem „Sicherheitsstaat“ sprechen. Der Sudan zeigt, was das konkret bedeutet: Ein Staat, der seine Peripherie nicht integriert, sondern kontrolliert. Und wenn Kontrolle nicht reicht, dann zerstört.

Tsega’ab Amare spricht in diesem Zusammenhang von „institutionellem Kannibalismus“ – einem System, in dem sich der Staat aus seinen eigenen Gewaltapparaten heraus zerlegt. Die RSF ist das deutlichste Beispiel: hervorgegangen aus den Janjaweed-Milizen, formalisiert unter Bashir, eingesetzt zur Niederschlagung von Aufständen – und nun im Krieg gegen die Armee, die sie einst beauftragte.

Der Staat hat sich bewaffnet. Und wundert sich jetzt über die Schüsse.

Interessant ist jedoch nicht nur die Struktur dieses Staates, sondern seine gegenwärtige Deutung. Denn der „Staat von 1956“ ist längst mehr als eine analytische Kategorie – er ist ein politisches Instrument geworden.

Die RSF nutzt ihn als Feindbild. Ihr Narrativ ist einfach und wirkungsvoll: Dieser Staat sei ein Projekt der Nil-Eliten, das die Peripherie systematisch unterdrückt habe. Der Krieg erscheint so als verspätete Korrektur, als „Rache der Marginalisierten“.

Ganze Regionen werden marginalisiert

Dass diese Diagnose nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, macht sie politisch so brauchbar. Die Marginalisierung ganzer Regionen ist dokumentiert, die Konzentration von Macht ebenso. Selbst BBC-Analysen verweisen darauf, dass sich die RSF gezielt als Vertreter „benachteiligter Gebiete jenseits der Hauptstadt“ inszeniert.

Nur: Diese Erzählung hat einen Haken. Ihre Protagonisten sind selbst Produkte dieses Systems. Hemedti, einst Kommandeur der Janjaweed, verdankt seine Macht genau jener Ordnung, die er nun rhetorisch bekämpft.

Revolutionär ist hier vor allem die Verpackung.

Die Armee wiederum verteidigt denselben Staat – allerdings unter umgekehrtem Vorzeichen. Für sie steht nicht ein ungerechtes System zur Debatte, sondern die Existenz des Staates selbst. Sie spricht von Souveränität, meint aber Kontrolle; sie spricht von Einheit, meint Hierarchie.

Wenn Premierminister Idris erklärt, Khartum verkörpere „die Würde dieses Staates“, dann ist das mehr als Symbolpolitik. Es ist die Fortsetzung jener Logik, die den Staat überhaupt erst hervorgebracht hat: Würde ist zentralisiert.

Der Rest ist verhandelbar.

Alltag im Ausnahmezustand

Wie sich diese abstrakte Ordnung im Alltag anfühlt, zeigt die Reportage von Shamsaddin Dawalbait. Seine Reise durch den Sudan ist weniger eine Bewegung durch Raum als durch ein System von Gewalt.

Jeder Kontrollpunkt war ein Beispiel für Chaos und Gesetzlosigkeit“, schreibt er . Soldaten, Milizen, Beamte – alle verlangen Geld, kontrollieren Identitäten, entscheiden willkürlich über Weiterfahrt oder Stillstand.

Der Staat erscheint hier nicht als Institution, sondern als Serie von Begegnungen – jede potenziell gefährlich.

Im Sudan müssen nicht nur Waffen zum Schweigen gebracht werden sondern es brauche eine neue politische Grundlage – getragen von allen Teilen der Gesellschaft.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Gewalt, sondern ihre Routine. Die Kontrolle wird nicht als Ausnahme erlebt, sondern als Normalität. Der Krieg ist nicht das Ende staatlicher Ordnung. Er ist ihre Form.

Selbst Unterschiede zwischen den Konfliktparteien wirken dabei fast nebensächlich. Dawalbait beschreibt, dass die Behandlung an RSF-Kontrollpunkten teils „besser“ sei als an denen der Armee. Das mag irritieren – verweist aber auf etwas Grundsätzliches: Beide Seiten operieren innerhalb derselben Logik.

Unterschiedlich sind die Narrative. Ähnlich ist die Praxis.

Krieg Fortsetzung der „Ordnung“ unter anderen Vorzeichen 

Warum dieser Krieg so schwer zu beenden ist, erklärt sich genau daraus. Er ist kein Bruch mit der bestehenden Ordnung, sondern ihre Fortsetzung unter anderen Vorzeichen.

Barbara Plett Usher bringt es auf den Punkt: „Beide Seiten haben Gründe, weiterzukämpfen“. Für die RSF geht es um Macht und Ressourcen, insbesondere Gold. Für die Armee um Kontrolle und politische Existenz. Für externe Akteure um Einfluss.

Und für viele Kämpfer? Um Zugang zu etwas, das ihnen lange verwehrt blieb.

Der Krieg ist damit nicht nur destruktiv, sondern funktional. Er verteilt Ressourcen neu, schafft Aufstiegschancen, reorganisiert Macht. Ein Waffenstillstand würde nicht nur Gewalt beenden, sondern auch diese Dynamiken infrage stellen.

Das erklärt, warum selbst Friedenspläne ins Leere laufen. Sie zielen auf Institutionen – während der Konflikt von Anreizen lebt.

Zwischen diesen beiden Gewaltprojekten existiert eine dritte Position – und sie wirkt fast anachronistisch.

Es braucht eine neue politische Grundlage

Huwaida Schabbat spricht von einem „Gesellschaftsvertrag“, von Inklusion, Gerechtigkeit, Teilhabe. Sie argumentiert, dass Sudan nicht nur Waffen zum Schweigen bringen müsse, sondern eine neue politische Grundlage brauche – getragen von allen Teilen der Gesellschaft.

Das klingt plausibel. Fast zu plausibel.

Denn im Logikraum des Krieges hat diese Position ein strukturelles Problem: Sie setzt auf Verhandlung, wo andere auf Gewalt setzen. Sie setzt auf Legitimität, wo andere auf Kontrolle setzen.

Der „Gesellschaftsvertrag“ ist hier weniger Alternative als Gegenentwurf – einer, der politisch kaum durchsetzbar ist, solange diejenigen dominieren, die vom Gegenteil profitieren.

Was diesen Konflikt besonders macht, ist daher nicht seine Brutalität. Brutal sind viele Kriege. Besonders ist die Verschiebung seiner Logik.

Aus einem Machtkampf ist ein Deutungskampf geworden.

Die RSF kämpft nicht nur militärisch, sondern narrativ – gegen den „Staat von 1956“.
Die Armee kämpft nicht nur territorial, sondern symbolisch – für eben diesen Staat.

Beide Seiten mobilisieren entlang existenzieller Erzählungen: Angst auf der einen, Gerechtigkeit auf der anderen. Beide übersetzen strukturelle Ungleichheit in politische Legitimation.

Zunehmende Ethnisierung

Das Ergebnis ist ein Konflikt, der sich zunehmend ethnisiert. BBC-Berichte zeigen, wie historische Spannungen – etwa zwischen nomadischen Gruppen im Westen und Nil-Eliten im Zentrum – gezielt politisiert werden (Plett Usher, 2026).

Was früher strukturelle Ungleichheit war, wird nun identitär aufgeladen. Und damit schwerer verhandelbar.

Vielleicht liegt die größte Fehlwahrnehmung darin, diesen Krieg als Scheitern zu begreifen. Er ist eher eine Konsequenz.

Ein Staat, der über Jahrzehnte hinweg Ungleichheit organisiert, Gewalt institutionalisiert und Teilhabe verhindert, produziert genau die Dynamiken, die ihn irgendwann zerreißen. Nicht trotz seiner Struktur, sondern wegen ihr.

Amare geht so weit, von einer „historischen Unmöglichkeit“ der Wiederherstellung dieses Staates zu sprechen. Das mag zugespitzt sein. Aber es verweist auf ein reales Problem: Ein Staat, der seine Legitimität nie breit verankert hat, kann sie schwer zurückgewinnen.

Und doch bleibt die Alternative unklar. Zerfall bedeutet nicht automatisch Gerechtigkeit. Fragmentierung schafft keine Institutionen.

Der Sudan zeigt in zugespitzter Form, was passiert, wenn Staaten Identität verordnen, statt sie zu verhandeln. Wenn Macht konzentriert wird, statt verteilt. Wenn Gewalt nicht Mittel der Politik ist, sondern ihre Sprache.

Dann entsteht ein Staat wie der von 1956: stabil genug, um zu bestehen, instabil genug, um ständig zu brennen.

Die unbequeme Frage lautet daher nicht nur, wie dieser Krieg endet. Sondern was danach überhaupt entstehen kann.

Ein neuer Staat?
Oder nur eine neue Version desselben Problems?