Ja, Reisen bleibt schön! Und: Ja, Kreuzfahrten bieten auch weiterhin unvergleichliche Erlebnisse, weil sie Zugänge zu Traumzielen weltweit ermöglichen. Aber: Das Risiko einer Erkrankung reist immer mit. Allgegenwärtige Werbung sowie exponentiell anschwellende Bilderfluten auf allen Social-Media-Kanälen von sich zuprostenden Menschen irgendwo an Bord rücken gesundheitliche Risiken dabei schnell in den Hintergrund. Wird schon gut gehen? In den allermeisten Fällen tut es das auch. 

Der dramatische Fall der „MV Hondius“ der niederländischen Reederei Oceanwide Expeditions mit mindestens drei Toten und mehreren Infizierten nach Ausbruch des gefürchteten Hantavirus auf der Rückfahrt von Feuerland nach Europa zeigt erneut Grenzen auf. Denn: Die Niederländer mögen dem breiten Publikum bisher eher verborgen geblieben sein. Im Expeditions-Segment – vor allem zu Polarregionen – gelten sie aber mit einer 30-jährigen Firmengeschichte als vergleichsweise solide Reise-Veteranen.

South Africa Hantavirus

Ja, es gab zuvor bereits medizinische Zwischenfälle bei der Reederei wie den tödlichen Sturz eines US-Bürgers 2022 auf der „MV Plancius“ oder den etwas mysteriösen Tod im Jahr 2020 des beliebten Kapitäns Alexej Nazarov mit 42 Jahren. Die „MV Hondius“ selbst ist mit Baujahr 2019 allerdings vergleichsweise neu, war damals weltweit das erste Passagierschiff mit der höchsten Eisklasse (PC6) überhaupt, also für besonders anspruchsvolle Eisbedingungen gebaut. 

Sie leistet sich bei einem überschaubaren Platzangebot für gerade einmal 170 Gäste auf Deck drei immerhin neben einem eigenen Arztraum auch eine etwas größere Krankenstation. Ihre Reiseofferten in die Antarktis ab 7350 Euro (z.B. für 10 Tage p.P. in der Viererkabine ab/bis Feuerland, zzgl. Flug) widerlegen auch den Vorwurf, es habe sich bei Oceanwide Expeditions um einen kleinen Billiganbieter gehandelt.

Eigentlich gibt es Regeln für den Krisenfall an Bord

Passagiere und Crew bestätigen, dass sich die Sofortmaßnahmen nach dem Hantavirus-Ausbruch an Bord entlang der internationalen Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie der Weltschifffahrtsorganisation (IMO) orientierten: Vorgeschrieben sind da Kabinenquarantäne für betroffene Passagiere, Trennung von Verdachtsfällen und der medizinischen Überwachung aller Kontaktpersonen. Wem hier Erinnerungen an Corona in den Sinn kommen, der liegt nicht ganz falsch: Es handelt sich um Standardmaßnahmen auf Schiffen bei respiratorischen Erregern, wozu auch Covid-19 und Hantaviren zählen.

Cape Verde Hantavirus ShipCape Verde Hantavirus Ship

WHO und IMO fordern des Weiteren verstärkte Hygieneprotokolle wie die „intensive Desinfektion aller Oberflächen“. Kreuzfahrern werden hierzu immer wieder einmal an Bord die „Washy-Washy“ genannten Reinigungstrupps aufgefallen sein, die mit Handschuhen, Putzlappen und Sprühflaschen bewaffnet alle möglichen Griffe, Türklinken oder Ablageflächen bearbeiten. Wer sie genauer beobachtet, wird feststellen, dass sie äußerst unterschiedlich effektiv ans Werk gehen. Unter Crew-Membern genießt diese wichtige Arbeit kein großes Ansehen und wird nicht ganz zu Unrecht oft als „Show-Putzen“ bezeichnet.

Weiterhin verlangt wird laut internationaler Protokolle außerdem schwerpunktmäßig feuchte Reinigung anstelle von trockenem Kehren sowie Maskenpflicht bei Symptomen. Veranstaltungen, bei denen viele Passagiere zusammen kommen, sollen bei einem Ausbruch dann ebenso gestoppt werden wie der Buffetbetrieb in den Restaurants.

Eingeschränkte Rechte für Passagiere

Kaum bekannt dürfte sein, dass Kreuzfahrtpassagiere grundsätzlich an Bord nur eingeschränkte Rechte haben: Auf hoher See entscheiden der Mediziner und/oder der Kapitän darüber, wer bei einer Krise in die Isolation gehen muss und wer nicht. In Häfen und oft auch in Hoheitsgewässern liegt die Entscheidung bei den Hafenbehörden oder der jeweiligen Regierung an Land. In schauriger Erinnerung wird dazu vielen die mehrwöchige Corona-Quarantäne der „Diamond Princess“ mit 3700 Passagieren und Crew-Mitgliedern vor sechs Jahren vor Yokohama in Japan geblieben sein.

Die meisten Ansteckungsgefahren lauern an Bord in Form von Noroviren (meist eher harmlos, bekannt für Brechdurchfall) sowie Influenzaviren (Erkältung, Fieber) oder Covid‑19. Hantaviren an Bord waren bisher eine Seltenheit. Der Kontakt mit einer Nagetier-Ausscheidung gilt als wahrscheinlicher Übertragungsweg. Das Virus wurde wohl von einem Landausflug eingeschleppt. Auch deshalb ist die WHO nun ernsthaft besorgt. 

Selbstverständlich existieren längst zahlreiche Präventionsmaßnahmen gegen solche Krankheitsausbrüche auf Seereisen. Vor der Einschiffung sind die Gesundheitsfragebögen und Screenings der Gäste längst etabliert. Teilweise gibt es weiterhin Temperatur- und Symptomchecks mit Messgeräten oder Vor-Ort-Kontrollen durch Mediziner. Erkrankte Passagiere dürfen Reedereien von der geplanten Reise ausschließen und müssen dafür auch keine Kosten erstatten. Das Gesundheitsrisiko vor dem Einschiffen trägt somit immer der Gast alleine. 

Und im laufenden Betrieb schalten Schiffe dann idealerweise auf „hochfrequente Desinfektion“ vor allem für Geländer, Aufzüge, Restaurants um. Eine standardisierte Lebensmittelhygiene (HACCP) mit sieben Grundsätzen ist Pflicht. Ebenso wie Lüftungssysteme mit Filtration sowie geschultes Personal für die Infektionskontrolle.

Cape Verde Hantavirus ShipCape Verde Hantavirus Ship

Ergebnis: Selbst perfekt ausgeführte und kontrollierte Schiffshygiene kann eine Ansteckung unter Passagieren nie vollständig verhindern, wenn die Infektionen vom Land her eingeschleppt werden. Expeditionskreuzfahrten legen dazu systemische Schwachstellen offen: Bei den Anlandungen wird offensiv nach Kontakt zur Natur und Wildtieren gesucht. Die Ökosysteme sind exponiert und es gibt etwa in polaren Regionen nur begrenzte Kontrolle und Übersicht über die jeweiligen Hygienestandards.

Die engen räumlichen Verhältnisse an Bord tun dann ihr Übriges: In öffentlichen Räumen gibt es eine gemeinsame Lüftung, viele soziale Kontakte. Seltene Krankheiten werden mit den begrenzten Mitteln an Bord zu spät erkannt und unspezifische Symptome wie Fieber oder Atemprobleme lassen sich in Urlaubsstimmung zunächst gut ignorieren. Die amerikanische Seuchenbehörde CDC spricht deshalb bei Kreuzfahrtschiffen schon seit Jahren von „epidemiologisch sensiblen Räumen“.

Was können Passagiere tun?

Was können die Passagiere tun, um sich zu schützen? Eine Menge und doch so wenig. Zunächst: den eigenen Körper ernst nehmen und bei einer noch so kleinen Erkrankung nicht an Bord gehen. Selbsthygiene: häufig Händewaschen, Desinfizieren, Türklinken an Bord vermeiden. Bedienrestaurants wählen anstelle von offenen Buffets. Menschenansammlungen an Pools, im Theater, beim Essen meiden, Veranstaltungen nur selektiv besuchen. Nach Landausflügen: Schuhe desinfizieren. 

Vorsichtige geben ihre gesamte Kleidung nach jedem Landausflug in die Reinigung. Und dann noch: Balkonkabine mit Frischluft wählen anstelle einer Innen- oder Außenkabine. Bei Reederei nach Art der Luftreinigung (Hepa-Filter, UV-Licht) fragen. Reisen mit sehr vielen Familien meiden (sie gelten unter Epidemiologen als „Virenbeschleuniger“). Ebenso Reisen mit einem Zielpublikum von über 60 Jahren, da diese Gruppe statistisch gesehen häufiger Vorerkrankungen mitbringt und unter einer Schwächung ihres Immunsystems leidet. Kleinere Schiffe bedeuten strukturell auch weniger Menschen und somit weniger Kontakte – doch das alleine reicht nicht, wie der aktuelle Fall ja zeigt.

Oceanwide Expeditions gibt seinen Gästen vor der Reise diese Sätze zum Nachdenken mit auf den Weg: „Bedenken Sie vor Reiseantritt das Risiko, dass Sie sich infizieren könnten oder von Einschränkungen, Einreiseverboten, Quarantänevorschriften oder anderen Sicherheitsmaßnahmen betroffen sein könnten. Informieren Sie sich außerdem über die Kapazitäten des Gesundheitswesens an Ihrem Reiseziel und darüber, wie Sie im Krankheitsfall nach Hause zurückkehren können.“ Im Falle der krisengeschüttelten Feuerlandreise der „MV Hondius“ klingt das rückblickend heute allerdings doch eher wie ein schlechter Witz.

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