In der Not wird auf Pflanzenblätter und Tierfutter zurückgegriffen, um zu überleben. Konkret betroffen sind die Regionen Nord-Darfur und Süd-Kordofan. Auch aus dem von den Vereinten Nationen koordinierten Humanitarian Needs and Response Plan 2026 geht hervor, dass 28,9 Millionen Menschen im Sudan, fast zwei Drittel der Bevölkerung, von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sind. UNO-Organisationen bestätigen eine Hungersnot in Teilen der Regionen Nord-Darfur und Süd-Kordofan.
Caritas-Vizepräsident Alexander Bodman wies in einem Pressegespräch am Montag auf die katastrophale Lage im Sudan hin und nannte diese die „größte humanitäre Krise weltweit“. Hunger werde als Waffe militärischer Streitkräfte eingesetzt werden. Die UNO bewerte die humanitäre Lage im Sudan mit der höchsten Stufe, Stufe 5, was „Katastrophe“ bedeutet, so Bodman. Die Caritas fordere Aufmerksamkeit und humanitäre Mittel, da Verstöße gegen das Völkerrecht klar erkannt werden, so der Caritas-Vizepräsident. Ernsthafter politischer Druck für einen Waffenstillstand sei notwendig – auch von Österreich, forderte Bodman.
„Skandal der Unsichtbarkeit“
Er sprach von einem „Skandal der Unsichtbarkeit“. Trotz der Dimension des Leids fehle es an internationaler Aufmerksamkeit und politischem Willen. „Sudan ist nicht vergessen, weil wir nichts wissen, sondern weil wir zu wenig hinschauen“. Gleichzeitig warnte Bodmann vor einem massiven Rückgang internationaler Hilfsgelder. Der humanitäre Hilfsplan für den Sudan war im Vorjahr nur zu rund einem Drittel finanziert, für 2026 fehlen weiterhin große Teile der benötigten Mittel. Weltweit würden Budgets gekürzt – auch in Europa. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird aus dieser Krise eine dauerhafte Katastrophe“, so Bodmann.

APA/AFP/Luis Tato
Im Südsudan verschärft sich die Hungerkatastrophe, warnen Hilfsorganisationen
Hunger als Kriegswaffe
Dem Bericht “What it Takes to Eat. Conflict and Sudan’s Fragile Food System“ der Hilfsorganisationen CARE, Action Against Hunger, International Rescue Committee, Mercy Corps und Norwegian Refugee Council zufolge sind Frauen und Mädchen besonders von der Krise betroffen. Sie sind einem hohen Risiko von Vergewaltigungen und Belästigungen ausgesetzt, wenn sie auf die Felder, Märkte oder zum Wasserholen gehen. Die von Frauen geführten Haushalte haben es deutlich schwerer, an Lebensmittel zu kommen.
Der Bericht basiert auf Befragungen von Bauern, Händlern und Helfern im Sudan. Die Krise führt er darauf zurück, dass der landwirtschaftliche Anbau von Nahrungsmitteln durch den Bürgerkrieg gestört wurde. Hunger werde als Kriegswaffe eingesetzt, indem etwa Bauernhöfe und Märkte gezielt zerstört werden. Auch Angriffe auf Krankenhäuser in den letzten zwei Wochen und ein Choleraausbruch, der 400 Menschen das Leben gekostet hat, treffen den Sudan inmitten der Krise, sagt die Länderdirektorin des Sudan, Mary Wamuyu, im Caritas-Pressegespräch am Montag.
Militärischer Konflikt um Kontrolle
Hintergrund der Krise im Sudan ist der Krieg der sudanesischen Armee und der RSF-Miliz, der mittlerweile drei Jahre anhält. Die von der Armee gestützte Regierung bestreitet, dass es eine Hungersnot gibt. Die RSF weist die Verantwortung für die Zustände in den von ihr kontrollierten Gebieten zurück.
Der Experte John Ashworth zeigte in einem Pressegespräch am Montag die Kontrolle des staatlichen Militärs über Wirtschaft und Ressourcen auf. Der militärische Konflikt im Sudan sei ein brutaler, geprägt von einem existenziellen Kampf über Kontrolle und Wirtschaft, sagte er. Friedensverhandlungen gebe es nicht, denn beide Seiten glauben, sie könnten gewinnen, so der Experte. Der Konflikt sei ein interner Krieg über die Wirtschaft, indem auch Nachbarländer wie Tschad, Äthiopien und Kenia ihre Finger im Spiel haben und Geld damit machen, sagt Ashworth.
Gleichzeitig sei es noch zu früh, um die Auswirkungen des Iran-Krieges auf den Sudan zu erkennen, sagt Ashworth. Offensichtlich sei, dass die Weltwirtschaft und daher die ärmsten Länder der Welt besonders betroffen sind. Der Sudan könnte von den Verhandlungen der Golfstaaten profitieren, da diese dort ebenfalls Interessen und Stärken haben, so Ashworth.
Millionen Flüchtlinge im Tschad
Jens Hesemann vom UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR berichtete in einem Pressegespräch am Montag von der Flüchtlingslage im Tschad. Demnach gebe es insgesamt 1,3 Millionen Flüchtlinge im Tschad, welcher selbst zu den ärmsten Ländern der Welt gehöre. Auf dem Human Development Index rangiere das Land auf Platz 189 von 191. Seit April 2023 seien 900.000 Flüchtlinge dazugekommen, ein Großteil davon aus der vom Krieg gebeutelten Darfur Region des Sudans, so Hesemann. Insgesamt seien 4,4 Millionen sudanesische Flüchtlinge ins Ausland geflohen, so Hesemann.
Dies habe einen großen demografischen Schock verursacht. Im Osten des Landes sei jeder dritte Bewohner ein sudanesischer Flüchtling. Die Flüchtlinge seien extrem schutzbedürftig und berichten von fürchterlichen Geschichten, so Hesemann. Die Unterernährung der Bevölkerung im Tschad sowie der fehlende Zugang zu Bildung und Sozialleistungen verschärfe zudem die Lage. Die Grund- und Wasserversorgung der Flüchtlinge sei ebenfalls sehr schwierig, sagte Hesemann. Pro Person stünden zwölf Liter täglich für die gesamte Grundversorgung – waschen, trinken, kochen – zur Verfügung. Der internationale sogenannte Emergency Standard betrage jedoch 15 Liter.
Hilfe wird auch in Europa gesucht
Vor allem der Osten des Tschads sei zudem vom Klimawandel betroffen, die Landflächen seien verdorrt, sagte Hesemann. Zudem leben immer noch 190.000 Flüchtlinge in Grenzgebieten auf tschadischer Seite in Slums. Es sei wirklich beeindruckend, wie viele Flüchtlinge der Tschad trotz der eigenen Lage aufgenommen habe, sagte Hesemann. Das Problem sei, dass er nicht glaube, dass diese bald zurückgehen werden. Zudem gebe es Schmugglernetzwerke sowie eine steigende Tendenz, dass Sudanesinnen und Sudanesen in Europa Hilfe suchen.