Wie ein zerfallender Staat und ein lernfähiger Dschihadismus sich gegenseitig beschleunigen.

Im April 2025 startete Al-Shabaab, die berüchtigte sunnitisch-dschihadistische Miliz Somalias, eine Großoffensive, die bis heute nachwirkt. Die Gruppe versucht seither, verlorenes Gebiet zurückzuerobern und Mogadischu einzukesseln. Ihr Ziel ist die Einnahme der somalischen Hauptstadt und die Errichtung einer islamistischen Herrschaft im Bündnis mit al-Qaida. Bislang hat die Offensive erhebliche Fortschritte erzielt; die somalische Armee befindet sich in der Defensive.

Nach der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan und dem Sieg von Hayat Tahrir al-Sham über das Assad-Regime in Syrien sind die Entwicklungen in Somalia mehr als eine lokale Krise. Sie beunruhigen nicht nur die somalische Regierung, sondern auch regionale und internationale Akteure mit Interessen am Horn von Afrika: Äthiopien, Kenia, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und die Vereinigten Staaten.

Die somalische Bundesregierung hält Teile ihrer Hauptstadt, aber kaum das Land, das sie zu regieren beansprucht. Al-Shabaab kontrolliert nach mehreren Analysen rund 30 Prozent Somalias und steht militärisch näher an Mogadischu, als der diplomatische Betrieb gern zugibt. Seit der Offensive im Frühjahr 2025 rückten ihre Einheiten bis auf etwa 50 Kilometer an die Hauptstadt heran; am Stadtrand entstanden Checkpoints, die nicht der Regierung gehören. Der Grund ist nicht nur die Stärke der Miliz. Es ist vor allem die Schwäche eines Staates, der föderal verfasst sein soll, aber zentralistisch regiert werden will — und dessen Armee eher als Budgetposten denn als nationale Kraft erscheint. Wie das endet, ist offen. Dass es bereits begonnen hat, weniger.

Die Hauptstadt als Behauptung

Das Africa Center for Strategic Studies warnt in Matt Brydens Analyse „La Somalie risque de devenir un État djihadiste“ vor einem Szenario, das in Mogadischu niemand offiziell erwartet und doch jeder einkalkuliert: den Zusammenbruch der Bundesregierung und die Übernahme der Hauptstadt durch Al-Shabaab. Bryden schreibt, ohne einen „radikalen Kurswechsel“ seien solche kurzfristigen Szenarien wahrscheinlich; die Einnahme Mogadischus sei, militärisch oder durch Verhandlung, womöglich „nur noch eine Frage der Zeit“.

Ali Ragab fasst dieselbe Diagnose in „Is Somalia facing a Kabul-like scenario?“ noch einmal zu einer politischen Warnung zusammen: Somalia trete in eine Phase extremer Instabilität ein, weil das föderale System zerfalle und regionale Rivalitäten eskalierten. Der Vergleich mit Kabul liegt nahe, aber er erklärt nicht alles. Afghanistan fiel nicht, weil eine Stadt eingenommen wurde. Es fiel, weil die Stadt längst weniger Staat war als Kulisse.

Auch in Somalia sieht man diese Kulisse. Im Oktober 2025 griff Al-Shabaab nach ADF-Angaben eine NISA-Niederlassung nahe dem Präsidentenpalast an, zerstörte Informationen und befreite Gefangene. Wer so operiert, steht nicht vor der Tür. Er kennt den Grundriss.

Die somalische Armee wirkt dabei wie ein Widerspruch in Uniform. General Odowaa Yusuf Raage erklärte laut ADF, zwischen 10.000 und 15.000 Soldaten seien in drei Jahren gefallen oder verwundet worden. Eine Armee, die solche Verluste trägt, ohne ihre Gegner zurückzudrängen, kämpft nicht nur gegen Milizen. Sie kämpft gegen ihre eigene Konstruktion: Korruption, Clanabhängigkeit, schlechte Führung, ungleiche Ausbildung und politische Instrumentalisierung.

Ein Staat, der Al-Shabaab Arbeit abnimmt

Die Bundesregierung verliert nicht einfach gegen Al-Shabaab. Sie erledigt Vorarbeiten.

Der Kern des Problems liegt im föderalen System. Somalia besitzt seit 2012 eine provisorische Verfassung, die Machtteilung vorsieht. Doch die entscheidenden Fragen – Sicherheit, Ressourcen, Fiskalordnung – blieben Verhandlungssache. Verhandelt wurde wenig. Zentralisiert wurde viel. Bryden beschreibt, wie aufeinanderfolgende Präsidenten die Macht in Mogadischu konzentrierten, statt Kompetenzen zwischen Bund und Bundesstaaten zu klären. Unter Hassan Sheikh Mohamud habe dieser Prozess einen Höhepunkt erreicht.

Puntland und Jubaland reagierten mit Distanzierung von Mogadischu. Damit zerfiel genau jene politische Front, ohne die Al-Shabaab nicht zu schlagen ist. Die Bundesregierung nennt regionale Autonomieforderungen störend. Die Regionen sehen in Mogadischu eine Zentrale, die Hilfe, Souveränität und internationale Anerkennung nutzt, um innenpolitische Gegner zu disziplinieren. Beide Seiten haben Gründe. Al-Shabaab hat Zeit.

Ragab verweist auf eine drohende Wahl- und Verfassungskrise vor dem Ende der Amtszeit Mohamuds im Mai 2026. Die Regierung stehe zwischen unausgewogenen Wahlen und gar keinen Wahlen. Beides könne den brüchigen Konsens zerstören und das Vertrauen internationaler Geber weiter untergraben. Das klingt technisch. Es ist es nicht. In schwachen Staaten ist Wahltechnik oft der höfliche Name für Machtfrage.

Die Mission der Afrikanischen Union, AUSSOM, soll die Lücke schließen. Doch auch sie steht unter Druck. Bryden nennt Unterfinanzierung, fehlende einheitliche Befehlsketten und politische Einmischung als zentrale Probleme. ADF berichtet, politische Interventionen aus Mogadischu hätten die Mission „unterbesetzt“ und anfällig für den Verlust von Gebermitteln gemacht. Der Staat braucht die Mission, misstraut ihr aber zugleich, sobald sie nicht in seine innenpolitische Logik passt.

Das ist die somalische Tragödie in Verwaltungsprosa: Die Regierung ist zu schwach, um allein zu herrschen, und zu machtbewusst, um Macht zu teilen.

Die Miliz als Verwaltung

Al-Shabaab ist nicht stark, weil sie nur schießt. Sie ist stark, weil sie mehr tut.

Roland Marchal hat bereits 2018 darauf hingewiesen, dass Al-Shabaab nicht als bloßer Import des globalen Dschihadismus zu verstehen ist. Die Bewegung sei ein Produkt des Bürgerkriegs, der Gewaltsozialisation, sozialer Marginalisierung und politischer Ausschlüsse. Das ist kein Freispruch. Es ist eine Erklärung.

Marchal beschreibt eine Organisation, die Gewalt mit Ordnung verbindet. Al-Shabaab erhebt Abgaben, betreibt Gerichte, stellt Regeln auf und sorgt für deren Durchsetzung. Ihre Gerichte genießen in Teilen der Bevölkerung Ansehen, weil sie Entscheidungen nach bekannten Regeln treffen und Urteile tatsächlich vollstrecken. Marchal kontrastiert dies mit staatlichen Institutionen, in denen nach dem Urteil oft noch einmal bezahlt werden müsse, damit es umgesetzt wird.

Darin liegt die bittere Pointe. Die Miliz ist brutal, theokratisch und repressiv. Aber sie ist für viele berechenbar. Der Staat ist anerkannt, finanziert und diplomatisch hofiert. Aber er ist für viele unberechenbar. Wer nur fragt, warum Menschen unter Al-Shabaab leben, fragt zu spät. Man müsste fragen, warum der Staat ihnen so wenig Grund gibt, ihn für die bessere Gefahr zu halten.

Die Bewegung überlebte Rückschläge, weil sie lernte. 2012 verlor sie Mogadischu. Danach verlor sie weitere Städte. Sie verschwand nicht. Sie verlagerte sich, rekrutierte, besteuerte, verhandelte lokal, tötete selektiv und kehrte zurück. Marchal nennt diese Fähigkeit nicht Mäßigung, sondern Pragmatismus. Das ist wichtig. Eine flexible totalitäre Bewegung bleibt totalitär. Aber sie ist schwerer zu besiegen als eine, die nur Dogma kennt.

Bryden warnt entsprechend vor Illusionen. Die Hoffnung, Al-Shabaab könne als vernünftiger politischer Akteur und Partner bei der Regierung Somalias betrachtet werden, sei unbegründet. Ein Video vom September 2025, so Bryden, verurteile Verfassungsordnung, Frauenrechte, Musik und Tanz als Ketzerei. Das Ziel sei eine totalitäre Theokratie, eher Taliban als konstitutionelles Experiment.

Wer also mit Al-Shabaab verhandeln will, müsste wissen, worüber. Über Kapitulation in Raten? Über Machtteilung mit einer Bewegung, die Pluralität als Gotteslästerung versteht? Über Sicherheit mit einer Organisation, deren politisches Programm die Abschaffung des Politischen ist?

Der Dschihadismus lernt über das Meer

Zur inneren Krise kommt eine äußere Beschleunigung. Somalia ist nicht mehr nur Schauplatz. Es wird Knoten.

Karen Allen beschreibt in ISS Today die wachsenden Verbindungen zwischen Al-Shabaab, dem Islamischen Staat in Somalia und den Huthis im Jemen. Die UN-Beobachter bewerteten die Beziehungen zwischen Al-Shabaab und Ansar Allah als „transaktional oder opportunistisch“. Das Wort klingt beruhigend, ist es aber nicht. Opportunismus ist in Kriegen oft stabiler als Ideologie, weil er weniger Überzeugung braucht.

Al-Shabaab nutzte Drohnen bislang vor allem für Propaganda, Abschreckung und Überwachung, nicht systematisch für Angriffe. Doch laut Allen baten Al-Shabaab-Führer 2024 bei Treffen mit den Huthis um „Waffen und eine fortgeschrittene Ausbildung“. Zugleich testete der Islamische Staat in Somalia Drohnenangriffe gegen Sicherheitskräfte in Puntland. Die Richtung ist erkennbar.

Das Zweckbündnis des Terrors am Roten Meer“ beschreibt diese Entwicklung als strategische Allianz am Roten Meer. Was mit Schmuggel begann, wachse zu einer Kooperation mit militärischer, logistischer und strategischer Dimension. Die Arbeitsteilung sei nüchtern: Al-Shabaab erhalte bessere Ausrüstung, Drohnen, möglicherweise komplexere Waffen und Ausbildung; die Huthis profitierten von Routen, Piraterie und Einnahmen.

Die ideologische Differenz – sunnitische al-Qaida-Nähe hier, schiitisch geprägte Huthi-Bewegung dort – stört weniger, als manche Analysen gern glauben. „Das Zweckbündnis des Terrors am Roten Meer“ formuliert es zugespitzt: Ideologie trennt, Logistik verbindet. Man könnte ergänzen: Theologie hat Grenzen, Schmuggelrouten haben Häfen.

Allen zitiert ISS-Analysten mit der Warnung, ein einziger Drohnenangriff von Aufständischen könne die Orientierung des Konflikts verändern. In asymmetrischen Kriegen entscheidet nicht die Größe des Arsenals, sondern der Moment, in dem eine Seite lernt, ein neues Mittel wirksam einzusetzen. Afghanistan, Irak, Ukraine: Die Lektion ist bekannt. Dass sie nun am Horn von Afrika ankommt, überrascht nur jene, die Konflikte noch immer in Landkarten statt in Netzwerken lesen.

Vom lokalen Zerfall zur regionalen Gefahr

Sollte Mogadischu fallen, wäre das kein Endpunkt. Es wäre ein Anfang anderer Art.

Bryden weist darauf hin, dass Al-Shabaab mit der Kontrolle über Mogadischu Zugriff auf die Einnahmen des Hafens erhielte. Das könnte ihre Mittel schlagartig vervielfachen. Zugleich fielen Waffen, Fahrzeuge und Infrastruktur der Regierung in ihre Hände. Eine Miliz, die heute bereits Steuern eintreibt, Territorium kontrolliert und Verwaltung simuliert, würde dann nicht nur stärker. Sie würde staatlicher.

Ragab greift genau diesen Punkt auf: Die Hauptstadt könnte zu einem Finanz- und Militärstützpunkt der Bewegung werden. Das Kräfteverhältnis im Konflikt würde sich erheblich verändern. Die Nachbarstaaten müssten mit mehr Anschlägen an ihren Grenzen rechnen. Kenia und Äthiopien, ohnehin tief in somalische Sicherheitsfragen verstrickt, würden vor einer alten Frage in neuer Form stehen: Eindämmen, intervenieren, verhandeln – oder alles zugleich.

Gleichzeitig wäre Somalia nicht automatisch vollständig verloren. Puntland, Jubaland und Somaliland verfügen über eigene Sicherheitsstrukturen und haben Al-Shabaab oder islamistische Einflussnahme teils wirksamer widerstanden als die Bundesregierung. Bryden skizziert für den Fall eines Zusammenbruchs sogar eine provisorische Bundesregierung in einer alternativen Hauptstadt wie Baidoa. Das wäre kein Staat im klassischen Sinn, eher ein Gegenstaat. Aber in Somalia ist das Klassische seit 1991 ohnehin meist eine Erinnerung.

Die eigentliche Gefahr liegt in der Verbindung von Staatszerfall, Ideologie, Technologie und Seewegen. Das Rote Meer, der Golf von Aden und Bab al-Mandab als strategische Räume. Die Huthis haben seit Ende 2023 Handelsschiffe angegriffen; Al-Shabaab könnte über Piraterie, Schmuggel und Küstenzugänge Teil derselben Störökonomie werden. Instabilität wäre dann nicht nur Folge des Konflikts. Sie wäre Geschäftsmodell.

Was jetzt noch bliebe

Die von Bryden vorgeschlagene Antwort beginnt nicht militärisch, sondern politisch: eine Regierung der nationalen Einheit, eine Rückkehr zu verlässlichen Regeln, indirekte Wahlen bis Mai 2026, eine glaubwürdige Wahlkommission und eine Sicherheitsarchitektur, die Bundesstaaten einbindet statt sie zu bekämpfen. Das klingt unspektakulär. In Somalia wäre es fast revolutionär.

Denn Al-Shabaab lässt sich nicht allein durch Spezialkräfte, Drohnen oder Geberkonferenzen besiegen. Marchals Analyse legt nahe, dass die Bewegung dort stark wird, wo der Staat nicht nur abwesend, sondern diskreditiert ist. Wer sie schwächen will, muss mehr bieten als den Appell, nicht unter Dschihadisten leben zu wollen. Er muss Recht, Sicherheit, Einkommen und politische Zugehörigkeit organisieren. Nicht als Projektbroschüre. Als Erfahrung.

Die internationale Gemeinschaft hat Somalia lange als Sicherheitsproblem behandelt. Das war nicht falsch, aber zu wenig. Sie finanzierte Armeen, Missionen, Programme gegen Extremismus und Verfassungsprozesse. Doch die zentrale Frage blieb: Wem gehört der Staat? Mogadischu? Den Bundesstaaten? Den Clans? Den Gebern? Oder jenen, die Ordnung schaffen, auch wenn diese Ordnung Peitsche heißt?

Somalia steht deshalb nicht einfach vor einem „Kabul-Moment“. Der Vergleich hilft als Warnung, aber er verführt zur falschen Dramaturgie. Kabul war ein Bild: Hubschrauber, Flughafen, Abzug. Somalia ist eher ein Prozess ohne Schlussakkord. Checkpoint für Checkpoint, Dorf für Dorf, Einnahmequelle für Einnahmequelle.

Wenn Mogadischu fällt, wird die Welt sagen, sie sei überrascht. Das ist ihre höflichste Form der Mitschuld.

Denn die Hinweise liegen offen: eine Miliz mit Gebiet, Geld und Geduld; eine Regierung ohne Einigkeit; eine Armee ohne nationales Fundament; eine AU-Mission ohne sichere Finanzierung; regionale Mächte mit eigenen Rechnungen; neue Allianzen über das Meer; Drohnen als nächstes Lernmittel des Aufstands.

Somalia verschwindet nicht, wenn der Staat scheitert. Es ändert seine Form. Genau darin liegt die Gefahr. Ein zerfallender Staat hinterlässt kein Vakuum. Er schafft Raum für jene, die Verwaltung als Zwang, Recht als Dogma und Politik als Unterwerfung verstehen.

Und manchmal reicht ihnen dafür nicht einmal mehr der Sturm auf die Hauptstadt. Manchmal genügt es, zu warten, bis die Hauptstadt nur noch so tut, als werde sie gehalten.