Der Fellbacher Jochen Höfliger und seine Lebensgefährtin Alima Berger-Njoya haben vor viereinhalb Jahren ein Kamerun-Hilfswerk gegründet – inzwischen ist der 100. Brunnen im Bau.

Gerade einmal viereinhalb Jahre ist es her, seit der Fellbacher Jochen Höfliger und seine Lebensgefährtin Alima Berger-Njoya den Verein „Hilfe zur Selbsthilfe Kamerun-Ghaame Nji“ gegründet haben. Seither haben sich die Lebensumstände von rund 100.000 Menschen in der Region um die Stadt Foumban enorm verbessert. Während das Hilfswerk zunächst vor allem Sachspenden in das zentralafrikanische Land verschiffte und in Schulen und Waisenhäusern verteilte, haben sich inzwischen die Schwerpunkte verlagert: Ein Kranken- und Bildungszentrum ist im Bau und der 100. Brunnen steht kurz vor der Vollendung.

Spätestens an dieser Stelle drängt sich die Frage auf, was einen Steuerberater mit eigener, offensichtlich gut ausgelasteter Kanzlei dazu veranlasst, ein Hilfswerk für die abgelegene Region Foumban zu gründen. Der Anlass war seine Lebensgefährtin Alima Berger-Njoya, die Jochen Höfliger über Freunde kennengelernt hat. Die studierte Betriebswirtin und Medizintechnikerin lebt seit 2006 in Deutschland und hat in Schmiden eine kinesiologische Praxis aufgebaut. Sie stammt aus der Oberschicht von Foumban, und bereits ihre Mutter unterstützte dort zwei Waisenhäuser.

„In dem Moment war uns klar, was unsere Aufgabe dort unten ist“

So entstand die Idee zur Gründung des Vereins „Hilfe zur Selbsthilfe Kamerun-Ghaame Nji“, bei dem Alima Berger-Njoya die Vorsitzende ist und Jochen Höfliger passenderweise als Kassier amtiert. Ein erster gemeinsamer Besuch in der Region Foumban im Januar 2022 öffnete Jochen Höfliger dann die Augen dafür, dass sauberes Trinkwasser dort noch dringender benötigt wird als die nach wie vor begehrten Kugelschreiber, Rucksäcke und Laptops. Ein von einer anderen Hilfsorganisation gebauter Brunnen, den Jochen Höfliger eher zufällig entdeckte, dient seither als Blaupause für eine echte Erfolgsgeschichte: „In dem Moment war uns klar, was unsere Aufgabe dort unten ist.“, sagt er.

Statt verseuchtes Oberflächenwasser abzuschöpfen, profitieren immer mehr Kameruner in der eigentlich wasserreichen Region von den in Handarbeit ausgehobenen und bis zu 22 Meter tiefen Brunnen. Sauber mit vor Ort hergestellten Betonringen abgeteuft, abgedeckt und mit einer Handpumpe versehen, stehen inzwischen 96 von einer Mauer geschützte Brunnen in den Dörfern rund um Foumban. Vier weitere der einheitlich braun-gelb gestrichenen Brunnen sind im Bau.

Im Foumbaner Ortsteil Kilombo entsteht derzeit ein Bildungs- und Gesundheitszentrum. Foto: privat

Nur einer davon fällt optisch aus der Reihe, denn auf weißer Grundfarbe trägt seine Mauer einen roten Brustring. Der großzügige Spender ist ein Anhänger des VfB Stuttgart. Firmen in Fellbach und Umgebung verzichten inzwischen auf Weihnachtsgeschenke an die Kunden und Geburtstagskinder auf Präsente, weil sie lieber die für einen Brunnen benötigten 2000 Euro sammeln. „Ein Anlass ist auch, einen Brunnen in Erinnerung an eine liebe verstorbene Person zu spenden und diesen Brunnen nach ihr zu benennen“, sagt Jochen Höfliger.

Der auch für kamerunische Verhältnisse günstige Baupreis ergibt sich, weil der lokale Bauunternehmer fast zum Selbstkostenpreis arbeitet – und dafür von dem Renommee profitiert, dass „die Deutschen“ mit ihm zusammenarbeiten. Rund sechs Wochen graben jeweils drei seiner inzwischen 22 Beschäftigten an jedem Brunnen. „Die Wertschöpfung bleibt komplett vor Ort“, sagt Jochen Höfliger, der die Kalkulation des Bauunternehmers überprüft hat.

Jede Einweihung der mit einem Namensschild des Spenders versehenen Brunnen ist ein großes Fest, und ständig bewerben sich weitere Dörfer um einen Wasserspender. Die eingereichten Unterlagen landen alle bei Mama Njiawouo Nsangou, dem ehrenamtlichen Vertrauensmann vor Ort, der gleichzeitig Manager der größten staatlichen Schule in Foumban ist. Jeder Standort wird genau geprüft. „Etwa ein Drittel der Brunnen ist an Schulen angegliedert. Die Kinder bringen zum Unterrichtsbesuch den Eimer mit“, sagt Jochen Höfliger. An den so ausgestatteten Schulen haben sich die Anmeldungen teils verdreifacht, Typhus und Cholera sind auf dem Rückzug und die bisher lange Wege zurücklegenden Frauen sind entlastet.

Bildungszentrum in Kilombo: 25.000 Euro fehlen zur Fertigstellung

Deren Förderung haben sich Alima Berger-Njoya und Jochen Höfliger auch bei ihrem zweiten Großprojekt auf die Fahnen geschrieben. Im Foumbaner Ortsteil Kilombo entsteht derzeit für einen niedrigen sechsstelligen Betrag ein rund 2000 Quadratmeter großes, dreistöckiges Bildungs- und Gesundheitszentrum. Aktuell ist das 650 Quadratmeter große Erdgeschoss im Rohbauzustand. „Uns fehlen dafür noch 25.000 Euro. Wenn wir die hätten, dann wäre das Erdgeschoss im Sommer fertig“, sagt Jochen Höfliger. Die beiden anderen Stockwerke werden gebaut, während das Erdgeschoss bereits im Betrieb ist.

Der Nordflügel des ausgeklügelten Baus soll der medizinischen Versorgung der lokalen Bevölkerung dienen. Eine Bettenstation ist ebenso vorgesehen wie Unterkünfte für nicht ständig in Foumban arbeitende Ärzte und Lehrer, die zwecks Ausbildung lokaler Kräfte auch aus Europa kommen können. „Es gibt auf den Dörfern keine Ärzte oder Krankenstationen“, erklärt Alima Berger-Njoya.

Bildungszentrum stärkt Frauen mit Nähkursen und Sexualkunde

Im Südflügel des Baus entsteht ein Bildungszentrum mit vielfältigem Angebot. Neben Computerkursen und einer Erste-Hilfe-Ausbildung sollen Spezialistinnen auch Sexualkundeunterricht erteilen. In dem teilweise muslimischen Staat ist Letzteres keine triviale Aufgabe. Speziell für Frauen ist ein Ausbildungsprogramm für Näherinnen geplant. Jede Absolventin wird eine der – vom Hilfswerk aktuell besonders händeringend gesuchten – Nähmaschinen erhalten. Damit können sie sich unabhängig von einem Ehemann eine eigene berufliche Existenz aufbauen.

Zudem soll eine Werkstatt für Prothesen entstehen. Der Stuttgarter Jochen Weigel ist nicht nur eines von lediglich acht Vereinsmitgliedern, sondern zugleich Inhaber einer Stuttgarter Firma für orthopädietechnische Medizinprodukte. In Kamerun wird er sein Wissen lokalen Nachwuchskräften zur Verfügung stellen. Sie will er in die Herstellung von Prothesen einweisen, die Kriegsopfern oder aus anderen Gründen amputierten Menschen zu neuer Bewegungsfreiheit verhelfen.

Bei all dem und bei den weiteren Projekten des Vereins hat die Hilfe zur Selbsthilfe oberste Priorität: „Wir wollen, dass sich die Menschen selbst versorgen können“, sagt Jochen Höfliger.

Unterstützen Sie das Hilfswerk: Spenden für Brunnen und Bildung

Info: Wer die Arbeit des Fellbacher Vereins „Hilfe zur Selbsthilfe Kamerun-Ghaame Nji“ unterstützen möchte, kann sich unter 0711/57 88 05-0 oder per E-Mail (info@selbsthilfe-kamerun.de) an Jochen Höfliger wenden. Neben Sachspenden sind (steuerlich absetzbare) Geldspenden besonders erwünscht. So kann beispielsweise für einen namentlich gekennzeichneten Brunnen ebenso gespendet werden wie für einen Quadratmeter des Kranken- und Bildungszentrums.