Die Künstlerin Tuli Mekondjo aus Namibia umwickelte 2022 den seit 1973 auf dem Neuköllner Friedhof Columbiadamm aufgestellten Gedenkstein für sieben zwischen 1904 und 1907 gefallene Freiwillige der Kaiserliche Schutztruppe in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika mit einem Seil. Es war eine Form des Protestes.
Die Kolonialtruppe schlug von 1904 bis 1908 einen Aufstand der Völker der Herero und Nama nieder. Bis zu 100.000 Menschen kamen bei Vertreibungen in die Wüste und Massakern nach Schätzungen ums Leben. Rund 80 Prozent der damals lebenden Hereros und die Hälfte der Nama-Bevölkerung starben. Der Befehlshaber der Kolonialtruppen war Lothar von Trotha. Er verkündete 1904, jeden Herero „mit oder ohne Gewehr“ erschießen zu lassen. Die Bundesregierung wertet die damalige Kriegsführung des Deutschen Kaiserreichs seit 2021 als Völkermord.
Die Künstlerin Tuli Mekondjo wollte mit ihrer Performance aufzeigen, was die Nachfahren der verfolgten und ermordeten Herero und Nama aus dem heutigen Namibia erwarten. Der Stein ihres Anstoßes soll aus der Berliner Öffentlichkeit verschwinden.
Das Museum Neukölln will den Stein übernehmen
Nun könnte er bald zumindest nicht mehr auf dem Friedhof in Neukölln stehen. Das Neuköllner Museum für Lokalgeschichte erklärt sich bereit, den in Namibia als Affront gewerteten Gedenkstein zu übernehmen. Der Direktor Matthias Henkel präsentierte einen Plan zur Verlegung Anfang Mai in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Neukölln. Das Vorhaben ist noch nicht in trockenen Tüchern. Machbarkeit und Kosten sind noch nicht abschließend geklärt.
Der Findling aus rotem Granit soll Schätzungen zufolge bis zu fünf Tonnen schwer sein. Ein Transport gilt als Herausforderung. Ein finales Votum der BVV steht noch aus. „Über die genaue Gestaltung des neuen Lernortes müssen jetzt weitere Gespräche geführt werden. Wir erwarten noch in diesem Sommer einen belastbaren Plan zur Umsetzung des Steins“, sagt Tjado Stemmermann, stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Fraktion in der Neuköllner BVV.
Die Neuköllner BVV hatte sich bereits 2025 dafür ausgesprochen, den umstrittenen Gedenkstein einem Museum anzuvertrauen. Lange wurde über eine Überstellung an die Zitadelle Spandau spekuliert. In der Burg befinden sich Berliner Denkmäler aus dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, der NS-Zeit und der DDR, die aus dem öffentlichen Raum entfernt worden sind. Sie sind seit 2016 in der Dauerausstellung „Enthüllt“ zu sehen.
Der Stein soll umgedreht werden
Der Transport des Gedenksteins von Neukölln nach Spandau erwies sich als zu schwierig und teuer in Zeiten klammer Kassen. Das Humboldtforum und das Deutsche Historische Museum sollen eine Übernahme des Steines aus technischen Gründen abgelehnt haben.
Matthias Henkel, Leiter des Museums für Neuköllner Lokalgeschichte in Alt-Britz, präsentierte den Mitgliedern der Neuköllner BVV die Idee, das Kriegerdenkmal auf der Grünfläche des Gutshofs Britz hinter einer Hainbuchenhecke aufzustellen. Der Granit-Findling soll in Richtung Mauer gedreht werden, damit die Inschrift von Besuchern des Geländes nicht gelesen werden kann. Der Stein soll vor dem Gutshof auf Schienen stehen. Die Eisenbahn transportierte die Soldaten des Kaisers zu den Einsätzen gegen Herero und Nama in der damaligen Kolonie.
Ebenso soll die sogenannte „Namibia-Platte“ hinter der Hecke in den Boden eingelassen werden. Die 2009 neben dem Stein auf dem Friedhof Columbiadamm in den Boden eingelassene Marmortafel mit dem Umriss Namibias sollte durch den Hinweis auf Kriegsverbrechen der Kaiserlichen Schutztruppe der historischen Einordnung des Denkmals dienen. Sie war als Geste der Aussöhnung gedacht.
Auch die Gedenkplatte ist umstritten
Die Platte wurde aber ebenfalls Gegenstand einer Debatte. Der erklärende Text vermied mutmaßlich aus juristischen Erwägungen heraus den Begriff „Völkermord“ und erinnerte stattdessen an „Opfer der Gewalt“ insbesondere in den Jahren 1904 bis 1907. Die Bundesregierung verwendete damals noch nicht offiziell den Begriff „Genozid“ zur Bewertung der Ereignisse in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika.
Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia über die Aufarbeitung des Massenmords und etwaige Reparationen begannen erst 2015 und endeten 2021 schließlich mit der Anerkennung des Genozids durch die Bundesrepublik.
Die für Kultur zuständige Bezirksstadträtin Janine Wolter (SPD) kündigt an, dass der momentane Standort des Gedenksteins auf dem Friedhof am Columbiadamm nach dessen Verlegung auf das Museumsgelände in Alt-Britz mit einer erklärenden Markierung versehen werden soll. Die neue Informations-Stele soll auf die Bemühungen der Zivilgesellschaft hinweisen, die sich seit 25 Jahren mit dem umstrittenen Kriegerdenkmal aus der Kaiserzeit auseinandersetzt habe, erklärt Wolter.
Die Zivilgesellschaft soll gewürdigt werden
Der in Berlin lebende namibische Menschenrechts-Aktivist Israel Kaunatjike hat sich in den vergangenen Jahren vehement für eine Verbannung des Gedenksteins für die Kolonialsoldaten aus der Öffentlichkeit eingesetzt. Die Umzugspläne des Neuköllner Museumsdirektors Henkel wecken nur bedingt seine Zustimmung. Er wünscht sich aus Respekt für die Opfer nach wie vor die völlige Entfernung des Soldatendenkmals aus dem öffentlichen Raum. „Der Stein muss weg“, sagt er.
Der Gedenkstein stand seit 1907 auf dem ehemaligen Kasernengelände an der Neuköllner Urbanstraße. Veteranenverbände des Afrika-Feldzugs der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg erwirkten die Restaurierung des Denkmals und den Umzug auf den Friedhof Columbiadamm 1973.
Laut Kaunatijke versammelten sich am Volkstrauertag im November regelmäßig Veteranen mit zum Teil rechtsextremer Gesinnung, um die frühere Kolonialarmee zu ehren. Solche Aktionen seien künftig auch am Museum Neukölln zu erwarten, warnt Kaunatijke
Aktivisten üben Kritik
Das Museum Neukölln plane, das Ensemble aus Gedenkstein und der sogenannten Namibia-Platte lediglich umzudrehen und hinter einer Hecke zu verbergen. Es werde aber nach wie vor gemeinsam an Opfer und Täter des Genozids erinnert, kritisiert der Aktivist.
Die in den Boden unterhalb des Gedenksteins eingelassene Platte für die Opfer der Kolonialherrschaft suggeriere dabei eine Nachrangigkeit der Ermordeten gegenüber den kaiserlichen Soldaten. „Das ist für uns Nachfahren der Opfer erniedrigend“, kritisert Kaunatjike.
Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) fordert ebenfalls eine vom Gedenkstein räumlich getrennte Erinnerung an die während des Völkermordes getöteten Herero und Nama. „Wir brauchen einen zentralen Ort des Gedenkens an die Opfer des Genozids“, sagt er. Das sieht auch Janine Wolter so. „Ein solches sehen wir in der Verantwortung des Bundes“, erklärt sie. Della äußert Zuversicht, dass ein für alle Seiten tragbarer Kompromiss in den kommenden Monaten gefunden wird. Um ein Gedenken in Würde an die Opfer des ersten Völkermords im 20. Jahrhunderte wurde in Neukölln nun schon lange genug gerungen.
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