Das neue „Handelstor“ im Osten des Landes soll Algiers regionalen Einfluss sichern, während Rabats ambitionierte Atlantik-Initiative vor massiven geografischen und diplomatischen Hürden steht.
Algier – Nach dem jüngsten algerisch-tschadischen Regierungsausschuss hat der algerische Außenminister Ahmed Attaf eine klare strategische Neuausrichtung verkündet: Der Hafen von Djen Djen in der Provinz Jijel soll zum zentralen Drehkreuz für die Binnenstaaten der Sahel- und Sahara-Region ausgebaut werden. Algerien setzt dabei auf die Fertigstellung der Trans-Sahara-Magistrale sowie eine moderne Glasfaserverbindung, um die wirtschaftliche Integration mit Partnern wie dem Tschad voranzutreiben.
Infrastrukturwettbewerb als Antwort auf regionale Verschiebungen
Dieser Vorstoß ist eine unverhohlene Reaktion auf das marokkanische Projekt „Atlantisches Afrika“. Während Rabat versucht, den Sahelstaaten einen Zugang zum Atlantik zu ebnen, forciert Algier seine bewährte Nord-Süd-Achse. Präsident Abdelmadjid Tebboune betonte bereits die Absicht, Seehäfen und Schienennetze für den afrikanischen Transitverkehr zu öffnen und Freihandelszonen mit Mali, Niger und Mauretanien zu etablieren.
Rabats Strategie zwischen diplomatischer Selbstbehauptung und Realismus
Die marokkanische Initiative wird in Fachkreisen kritisch beleuchtet. Beobachter sehen darin den Versuch Rabats, sich als unverzichtbarer regionaler Akteur zu positionieren, insbesondere in Zeiten, in denen das diplomatische Parkett schwieriger wird. Die Proaktivität des Königreichs scheint auch eine Reaktion auf externe Kritikpunkte zu sein – etwa im Kontext internationaler diplomatischer Spannungen –, um durch wirtschaftliche Fakten neue Allianzen zu schmieden. Doch die geopolitische Karte offenbart eine zentrale Schwachstelle: Marokko besitzt keine direkte Landgrenze zu den Kernstaaten der Sahelzone.
Mauretanien als das entscheidende Nadelöhr der marokkanischen Ambitionen
Damit die Vision eines marokkanischen Atlantik-Korridors Realität wird, ist das Königreich zwingend auf die Kooperation Mauretaniens angewiesen. Jeder Lkw und jedes Gut müsste mauretanisches Territorium durchqueren. Nouakchott befindet sich jedoch in einer komplexen Balance-Position. Die mauretanische Führung ist sichtlich bemüht, die historisch gewachsenen und sicherheitspolitisch relevanten Beziehungen zu Algerien nicht zu gefährden. Algerien wiederum nutzt seine Position als Energielieferant und regionaler Stabilitätsanker, um Mauretanien eng an sich zu binden. Sollte sich Mauretanien gegen eine exklusive Partnerschaft mit Marokko entscheiden oder den Transit erschweren, stünde das 1,4 Milliarden US-Dollar teure Hafenprojekt in Dakhla vor logistischen Problemen.
Ein Wettbewerb um die Gunst der Sahel-Regierungen
Während Algerien auf bestehende geografische Vorteile und Landverbindungen setzt, versucht Marokko durch Neutralität gegenüber den neuen Militärregierungen im Sahel zu punkten. Mali hat das von Algier vermittelte Friedensabkommen bereits aufgekündigt, was Marokko eine Flanke öffnete. Dennoch bleibt die Frage der Umsetzbarkeit: Algeriens Infrastruktur ist vorhanden oder im Bau, während Marokko erst die physische und politische Brücke über Mauretanien schlagen muss. In diesem geoökonomischen Kräftemessen geht es für beide Staaten um nichts Geringeres als die Vorherrschaft über die künftigen Handelsströme Nordafrikas.