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Uns auf Google folgen(FILES) Algerian writer Boualem Sansal poses in Paris on September 4, 2015. The French publisher of French-Algerian writer Boualem Sansal on November 22, 2024, called for his immediate release from detention in Algeria, confirming reports he had been detained in his home country. (Photo by Joël SAGET / AFP)Der algerische Autor Boualem Sansal. © Joel Saget/AFP

Bundespräsident Steinmeier setzte sich für die Freilassung des Autors ein, nachdem Sansal wegen seiner Regimekritik inhaftiert worden war.

Bundespräsident Steinmeier hat es mit „stiller Diplomatie“ und großer Beharrlichkeit geschafft, den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal aus seinem Gefängnis zu befreien. Er sollte eine harte zehnjährige Strafe für ein Delikt absitzen, das keines ist: den Gebrauch der freien Meinung. In einem Gespräch mit einer französischen, stark rechts geneigten Plattform hatte er sich die Meinung erlaubt, Algerien sei vor der Kolonisierung durch Frankreich im Jahr 1830 keine Nation gewesen und die heutigen Grenzgebiete mit Marokko, damals noch im Osmanischen Imperium gelegen, hätten keine klare Zuteilung gehabt. Über diese Geschichtsauffassung mag man trefflich streiten, aber nicht mit dem algerischen Regime, das die nationale Integrität als höchstes, unantastbares Gut betrachtet, auf dem seine ganze Legitimation ruht.

Sansal, ein ehemaliger Staatsbeamter, war der Nomenklatura aus alten Befreiungskämpfern, Technokraten und Armee mit seinen regime- und islamkritischen Romanen schon länger auf die Nerven gegangen. Vor direkten Repressionen scheuten sie zurück, zumal seine auf Französisch erschienen Bücher eher Bückware blieben und Sansal den einfachen Algeriern nicht vertraut war. In Deutschland sind seine Essays und Romane über den exzellenten Kleinverlag Merlin gut verbreitet und viel gelesen worden. Das 2024 geführte Interview war den Betonköpfen im „Palast“ dann doch zu viel, ein willfähriges Gericht verdonnerte den damals 80jährigen, krebskranken Autor wegen „Beeinträchtigung der nationalen Integrität“ zu fünf Jahren Knast – ein eklatanter Verstoß gegen die Meinungs- und Kunstfreiheit, die in der algerischen Verfassung offenbar nur pro forma steht.

Mehrere Gelegenheiten, von diesem rachsüchtigen Akt abzulassen und Sansal zu begnadigen, ließ der algerische Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune verstreichen. Das prekäre Verhältnis zu Frankreich, zusätzlich durch die Anerkennung der Westsahara als marokkanisches Gebiet belastet (dessen Unabhängigkeit Algerien als Patron der saharawischen Befreiungsbewegung Polisario verlangt), verschlechterte sich. Der Schriftsteller wurde zum Spielball algerisch-französischer Querelen, die der damalige rechtsgerichtete Innenminister Bruno Retailleau durch sein Vorhaben eskalierte, restriktive Maßnahmen gegen die seit Jahrzehnten laufende Einwanderung algerischer Migranten zu ergreifen. Auch die französische extreme Linke bekleckerte sich nicht mit Ruhm und gab Sansal eine Art Mitschuld an seiner Verhaftung, weil er sich mit Islamfeinden eingelassen habe.

Erleichterung

Viele Franzosen und Französinnen haben sich für Boualem Sansal mit Lesungen und Solidaritätsveranstaltungen eingesetzt. Dass er nun in Richtung Deutschland frei kam, könnte damit zusammenhängen, dass Algerien sich zunehmend isoliert fühlt, da westliche Regierungen sich zunehmend an Marokko halten und die alten Freunde Russland und China sich als neoimperiale Mächte in der Sahel-Zone breitmachen. Deutschland hat in Algerien, noch als fernes Echo der Unterstützung des antikolonialen Kampfes in den 1950er Jahren, ein besseres Renommee, und ist wichtiger noch, ein gesuchter Wirtschaftspartner auf karbonen (Erdgas) wie postkarbonen Feldern (grüner Wasserstoff), stets auch im Blick auf Brüssel.

Wie auch immer: Die Unterstützer Boualem Sansals sind erleichtert und glücklich. Wir hoffen, dass dieser freundliche Mann die fast einjährige Tortur gut überstehen wird und, ob nun in Frankreich oder Deutschland, Kraft schöpfen wird. Und wir wünschen uns, dass Schriftsteller, Journalisten und Künstler, die in Algerien wie andernorts von Unrechtsregimen drangsaliert und eingesperrt worden sind, ihre Freiheit wiedererlangen. Gerade hat wieder ein algerisches Gericht den oppositionellen Dichter Mohamed Tadjadit zu fünf Jahren Haft wegen „Unterstützung terroristischer Organisationen“ und „Verbreitung extremistischer Ideen“ verurteilt. Der Beweis ist angetreten: auch ein noch so aussichtlos erscheinendes Engagement lohnt sich. Und das algerische Regime sollte die deutsche Haltung nicht als Zeichen von Schwäche oder Nachgiebigkeit verstehen und versuchen, Deutsche und Franzosen gegeneinander auszuspielen. Oder glauben, dass wir bei weiteren Verstößen gegen die Menschenrechte schweigen werden.

Sansal jedenfalls ist aufrecht und kämpferisch. Ein Jahr Knast mache ihn doch nicht kaputt, scherzte er nach seiner Freilassung in einem kurzen Telefonat mit seinem algerischen Schriftstellerkollegen Kamel Daoud, und irgendwelche Zugeständnisse an das Regime habe er nicht gemacht. Man wird von ihm hören. Und lesen.