Russlands militärische Auslandseinsätze laufen alles andere als rund. Die Realität dessen, was der Kreml als Friedens- und Schutzmission verkaufen möchte, sieht selbst dort ganz anders aus, wo Ziele zunächst mit überschaubarem Aufwand erreichbar schienen. So droht in Mali das Konzept zu scheitern, das Russland in mehreren Ländern auf dem afrikanischen Kontinent anwendet: sich im Tausch gegen Sicherheitsgarantien für die jeweilige Staatsführung Zugang zu wertvollen Rohstoffen zu sichern.
Am frühen Morgen des 25. April begannen Milizen der dem jihadistischen Terrornetzwerk al-Qaida nahestehenden Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (Gruppe zur Verteidigung des Islams und der Muslime, JNIM) und der Tuareg-Rebellenallianz Front zur Befreiung von Azawad (Front de libération de l’Azawad, FLA) eine koordinierte Offensive gegen die malische Militärjunta unter dem autoritären Staatspräsidenten Assimi Goïta. Es soll sich um die heftigsten Angriffe seit langer Zeit gehandelt haben. Berichten zufolge mobilisierte das aufständische Zweckbündnis rund 12.000 Kämpfer. In mehreren Städten attackierten sie zentrale Einrichtungen, darunter den internationalen Flughafen der Hauptstadt Bamako, der zeitweise außer Betrieb war. Auch Goïtas Wohnhaus soll der französischen Zeitung Le Figaro zufolge angegriffen worden sein. Verteidigungsminister Sadio Camara und mehrere Familienangehörige wurden getötet. Goïta hat dessen Amt mittlerweile selbst übernommen.
Am 2. Mai gab das Afrikakorps, das dem russischen Verteidigungsministerium untersteht, mit der Militärbasis Tessalit nahe der algerischen Grenze einen seiner wichtigsten Stützpunkte in Mali auf.
Einheiten des russischen Afrikakorps konnten den Attacken offenbar nicht standhalten. Die Angreifer sollen die Kontrolle über die im Nordosten von Mali gelegene Stadt Kidal übernommen haben. Aber dabei blieb es nicht: Am 2. Mai gab das Afrikakorps, das dem russischen Verteidigungsministerium untersteht, mit der Militärbasis Tessalit nahe der algerischen Grenze einen seiner wichtigsten Stützpunkte in Mali auf. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP kam es dabei nicht einmal zu Gefechten, da sich die russischen Söldner bereits vor dem Eintreffen der aufständischen Einheiten zurückgezogen hatten.
Der russische Militärblogger »Rybar«, hinter dem sich Michail Swintschuk verbirgt, ein vormaliger Mitarbeiter des Pressediensts des russischen Verteidigungsministeriums, stellt auf X die Dinge ähnlich dar. Mit einem großen Team führt Swintschuk auf Telegram auch den Kanal »Rybar«, einen der wichtigsten für Informationen über Russlands Krieg in der Ukraine und andere internationale Konflikte. Rybar versucht allerdings, den Rückzug aus Tessalit in ein vorteilhaftes Licht zu rücken: Es handle sich lediglich um ein taktisches Manöver, um Kräfte für einen Gegenangriff zu schonen. Von einem Kollabieren der Front könne keine Rede sein. Zudem seien Lager der JNIM nahe Bamako aus der Luft angegriffen worden.
Das russische Verteidigungsministerium sprach von einem versuchten Staatsstreich, der gescheitert sei. Demzufolge haben russische Kräfte ihren Geschäftspartner, Goïtas Junta, vor einem Umsturz bewahrt.
Rückzug aus den nördlichen Gebieten mit ihren großen Erdölvorkommen
Seit dem Putsch 2021 stützt sich die malische Führung auf einen Pakt mit Russland. An die Stelle von Truppen Frankreichs und der UN trat zunächst die Söldnergruppe Wagner, die inzwischen weitgehend in das staatlich kontrollierte Afrikakorps überführt wurde. Zwar zeigte sich dieses in der Lage, die Junta an der Macht zu halten, strategisch jedoch kommt der Rückzug aus den nördlichen Gebieten, in denen große Erdölvorkommen vermutet werden, einem Desaster gleich.
Derzeit bleibt dem Afrikakorps wohl wenig anderes übrig, als sich auf die Sicherung Bamakos zu konzentrieren. Auf Fragen nach der Truppenstärke des Afrikakorps und ob sie ausreichend sei, große Gebiete zu kontrollieren, verwies Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow an das Verteidigungsministerium.
Goïta hielt sich mehrere Tage lang bedeckt. Am 28. April lud er eine russische Delegation zur Audienz, bei der beide Seiten bekräftigten, die bestehende Partnerschaft insbesondere im Sicherheitsbereich fortzuführen. Igor Gromyko, der russische Botschafter in Mali und Enkel des langjährigen sowjetischen Außenministers Andrej Gromyko, stellte klar: »Russland wird Mali stets ein Freund bleiben.« Die demonstrative Einigkeit kann jedoch nicht überdecken, dass es um das Geschäftsverhältnis angesichts des Versagens russischer Söldner nicht zum Besten steht. Ein malischer Beamter soll Russland sogar »Verrat in Kidal« vorgeworfen haben.
Um Schadensbegrenzung bemüht
Außer Gromyko sind auf einem von dem Treffen gemachten Foto fünf weitere Vertreter Russlands zu sehen. Nach Recherchen des russischen Investigativportals Agentstwo soll es sich bei zwei von ihnen um Angehörige des russischen Militärgeheimdiensts GRU handeln, ein weiterer wird dem Inlandsgeheimdienst FSB zugeordnet. Zumindest sei das geleakten Daten zu entnehmen.
Auf propagandistischer Ebene bemüht sich das Afrikakorps unterdessen um Schadensbegrenzung. In seinen Mitteilungen ist von etlichen erbeuteten Waffen des Gegners zu lesen, die angeblich aus ukrainischen Beständen stammen sollen. Das ließe sich anhand von Seriennummern auf Kalaschnikows und anderen Gerätschaften feststellen. Auch wird behauptet, dass FPV-Drohnen (first person view, ferngesteuerte Drohnen mit einer Kamera), gesteuert von ukrainischen Soldaten, zum Einsatz gekommen seien. Die für ihre publikumswirksamen Schlagzeilen bekannte kremlnahe Online-Zeitung Mash deutet dies als Hinweis auf eine tatkräftige Unterstützung der aufständischen Milizen durch die Ukraine mit dem Ziel, Russlands Einfluss in der Region zu untergraben.
Tatsächlich hatte der ukrainische Militärgeheimdienst 2024 zugegeben, Tuareg-Milizen in Mali mit Informationen und militärischem Training zu unterstützen, doch die Niederlagen des Afrikakorps in Mali hat sich Russland selbst zuzuschreiben. Inwieweit sich diese in anderen afrikanischen Ländern wiederholen werden, in denen das Afrikakorps präsent ist, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie viele Ressourcen der Kreml aufbringen kann und will, um seine Positionen zu halten. In Mali betrieben die Wagner-Söldner Berichten zufolge mindestens sechs Foltergefängnisse. Damit hat Russland jedenfalls reichlich Erfahrung.