Die Geschichte von Ulrich Gansop und Silas Teyim zeigt, wie ein Wohnviertel in Kamerun davon profitiert, wenn junge Leute ihre Ideen umsetzen können.
Es blinkt, qualmt, surrt. Azubi Silas Teyim schraubt an einer Platine herum. Neben ihm steht ein uraltes Radiogerät, Marke Philips aus den 1950er-Jahren. Ein eleganter brauner Kasten aus lackiertem Holz mit großen Metalldrehknöpfen und weißen Tasten. Würde es funktionieren, dann könnte man seinem kratzigen Sound lauschen in diesem einzigartigen vollen Klang, wie nur alte Radios und Plattenspieler ihn zustande bringen. Doch dafür muss das Teil erst repariert werden. Stattdessen übertönen die wummernden Bässe des Reggaeton aus dem Friseursalon nebenan den Straßenlärm.
Priorität hat ohnehin eine andere Reparatur: Azubi Ulrich Gansop, der große Bruder von Silas, nimmt einen Ventilator entgegen, den ein Nachbar vorbeibringt. Es ist heiß und die Angelegenheit daher dringend. Ulrich untersucht ihn vorsichtig. Dann schraubt er das Gerät auseinander, um dem Defekt im Inneren nachzugehen. Elektrotechnik hat ihn schon als kleines Kind begeistert. „Ich wollte jedes technische Gerät öffnen und hineinschauen“, sagt der 21-Jährige.
Große Pläne in Kamerun
Ulrich hat Pläne. „Ich habe eine Vision: Ich möchte den ersten KI-Roboter Kameruns bauen. Aus alten Teilen. Er soll selbstständig Felder bewässern können und mit Sprachsteuerung und Solarenergie laufen.“ Noch steht ihm ein weiter Weg dorthin bevor. Erst vor wenigen Monaten hat er seine Ausbildung in der Elektrowerkstatt von Bertrand Njomko begonnen. Es werden noch ein paar Jahre vergehen, in denen er als Azubi lernt, ausprobiert, schraubt, lötet, scheitert, mehr lernt, etwas kaputt macht, etwas Neues entdeckt. Aber immerhin ist er nun auf diesem Weg.

„Mit zehn Jahren war meine Kindheit zu Ende. Damals hat mein Vater die Familie verlassen, meine Mutter war plötzlich alleinerziehend mit drei Kindern. Ich bin morgens in die Schule gegangen bis 15 Uhr, direkt danach haben mein kleiner Bruder Silas und ich auf dem Markt gearbeitet und Erdnüsse und andere Kleinigkeiten verkauft. Ich war erst um 22 Uhr zu Hause. Andere Kinder haben in ihrer Freizeit Fußball mit ihren Freunden gespielt.“ Für einen Moment presst er die Lippen aufeinander, sein Blick fixiert etwas, das nur er sehen kann. „Wir haben aufgehört zu träumen.“
Hohe Arbeitslosigkeit in Kamerun
So wie Ulrich und Silas geht es vielen jungen Menschen in Douala. Ihre Familien sind arm. Die größte Stadt in Kamerun mit rund fünf Millionen Einwohnern wirkt wie ein Magnet für junge Leute aus dem ganzen Land. Sie kommen in der Hoffnung, dort einen Job zu finden. Doch sind sie nur unzureichend ausgebildet, denn in Kamerun kostet die berufliche Bildung Geld.
Deshalb ist in der Küstenstadt die Arbeitslosigkeit hoch: Von der im Durchschnitt sehr jungen Bevölkerung sind weit über 80 Prozent im informellen Sektor oder gar nicht beschäftigt. Das heißt, dass sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen und in Armut leben. Nicht selten bedeutet dies eine Existenz am Rande von Kriminalität, Sexarbeit und Drogensucht.
Ein Flyer ändert alles
Das wird Ulrich und Silas erspart bleiben. Der Grund dafür ist ein Flyer, den ihre Mutter Mariette Kamguep aus der Kirche mitbrachte. Dass dieses Stück Papier über das Schicksal der ganzen Familie mitentscheiden würde, wussten sie damals alle noch nicht. Den Flyer hatte Mariette Kamguep von Laurely Nguenang. Sie ist die Ehefrau von Bertrand Njomko, bei dem die Jungs jetzt lernen.
„Ich habe diese Frau gesehen, die jeden Tag um drei Uhr morgens aufsteht und bis nachts auf dem Markt arbeitet, damit sie am Ende des Tages mit drei Euro nach Hause geht, um damit ihre drei Kinder durchzubringen“, sagt Laurely Nguenang. „Sie ist krank vom Rauch des Frittierfetts, in dem sie den ganzen Tag steht. Ich habe gesehen, wie die Kinder nach der Schule arbeiten, wie fleißig und entschlossen sie sind. Es hat mir das Herz gebrochen. Da dachte ich: Das sind genau die Richtigen für das Programm von CODAS.“
Der Flyer führte die Brüder zur Misereor-Partnerorganisation CODAS Caritas Douala, die nun ihre Ausbildung fördert. Das heißt, dass die beiden Azubis finanzielle Unterstützung von CODAS erhalten, danach verfügen sie über praktische Fähigkeiten, die dringend gebraucht werden. CODAS begleitet die jungen Leute mit Know-how. Und tut damit etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit in der Stadt.
Keine leichte Aufgabe: „Das Regime regiert an der Bevölkerung und besonders an den vielen jungen Menschen vorbei“, sagt Léon Yanda, der Direktor von CODAS. Präsident Paul Biya ist seit 1982 an der Macht, das Land wird diktatorisch von alten Männern regiert. „Die Korruption ist überall, deshalb sind die wichtigsten Stellen nicht mit kompetenten Personen besetzt, sondern mit denen, die bereit sind, ein Eintrittsgeld für ihre Arbeitsstelle zu bezahlen.“
Azubis mit Talent und Entschlossenheit