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Schwalmstadt/Kigali (Ruanda) – Wenn Roland Kastler (65) erklärt, warum er vor fast 32 Jahren nach Afrika auswanderte, reichen ihm drei Worte: „Wegen meiner Scheidung“, sagt er, als BILD ihn in der ruandischen Hauptstadt Kigali trifft. Mit seiner „German Butchery“ (deutsche Metzgerei) hat sich der gelernte Fleischer aus Hessen hier ein neues Leben aufgebaut. Seit 2003 verkauft er das beste Fleisch Kigalis.
Während er seine Lebensgeschichte erzählt, sitzt er mit einem Kaffee in seinem Restaurant, das neben der Fleischtheke und einem Supermarkt zu seinem Metzgerimperium gehört. Sein Stammplatz: der erste Tisch links, mit Blick in den Raum. „Ich mag es nicht, dem Feind den Rücken zu kehren. So habe ich den Überblick“, sagt der ehemalige Bundeswehrsoldat.

Auf dem Gelände einer ehemaligen Kneipe hat Roland sich sein Metzgerimperium aufgebaut
Foto: Jenna Müller
Leberkäse und Schweinshaxe schmecken auch den Einheimischen
Besonders stolz ist Roland auf seine Produkt-Qualität. Fleisch kauft er lokal, Gewürze importiert er aus Deutschland. „Ich bin mit dem Handwerk aufgewachsen. Mit acht lernte ich das Schlachten auf dem Hof meines Onkels. Mit 14 begann ich die Fleischerlehre.“ So hebt sich der Metzger-Meister von anderen Verkäufern ab. „Was die teils verkaufen, würde ich nicht mal meinem Hund zu fressen geben“, sagt Roland.

In der Produktion: Hier wird das angelieferte Fleisch weiter zu den Produkten verarbeitet, die später an der Theke und im Restaurant verkauft werden
Foto: Jenna Müller
Immer wieder kommen Gäste an seinen Tisch, er kennt sie alle beim Namen. Einer von ihnen: John, ein Arzt aus Kigali. „Hallo, alter Freund“, begrüßt Roland ihn auf Englisch. „Zeit für ein Bier?“ Neben den Stammgästen gehören Touristen, aber auch Diplomaten zu den Kunden. Sogar der frühere Bundespräsident Horst Köhler (†81) aß schon eine Bratwurst der „German Butchery“. Doch Cordon bleu, Leberkäse oder Schweinshaxe kommen auch bei Ruandern gut an. Verkaufsschlager ist die „Pili Pili“-Wurst. „‚Pili Pili‘ ist ein scharfes Gewürz, das hier alle lieben.“

Hier wird die beliebte „Pili Pili“-Wurst zubereitet. Roland verkauft sie für 6 Dollar pro Kilo. „Bei mir ist alles etwas teurer, aber dafür schmeckts besonders gut“
Foto: Jenna Müller
„Ich hatte in Deutschland keine Perspektive mehr“
So zufrieden wie jetzt war Roland Kastler nicht immer. Als seine Ehe 1993 zerbrach, fiel er in ein Loch. „Ich hatte in Deutschland keine Perspektive mehr.“ In dieser Zeit spricht er mit seinem Lehrmeister, der in den 1980er-Jahren in Ruanda eine Fleischerei aufgebaut hat. „Der Otmar meinte, ich solle vorbeikommen. Ich holte meinen alten Atlas vom Schrank. Afrika-Karte auf – und ich denke: ‚Mensch, wo ist es denn?‘ Ruanda ist so klein, drehst du dich um, bist du schon an der nächsten Grenze.“
Im Januar 1994 flog Roland nach Kigali und blieb zwei Monate. Er blühte auf, doch zurück in Deutschland blieb das Gefühl, dort nicht mehr anzukommen. Ende 1995 rief sein Lehrmeister wieder an. Roland löste seine Wohnung auf, verkaufte sein Auto und flog wieder nach Afrika.

Hier haben Gäste Spareribs und Nilbarsch bestellt
Foto: Jenna Müller
Einen Plan hatte er nicht. „Ich bin kein typischer Auswanderer. Ich habe nie gedacht, nach Afrika zu kommen.“ Heute ist er wieder verheiratet, hat vier Kinder und beschäftigt 80 Mitarbeiter. Er selbst arbeitet nur noch im Büro. „Dass ich das letzte Mal Gummistiefel anhatte, ist 15 Jahre her. Jetzt kann ich mir erlauben, mal drei Stunden im Restaurant zu sitzen und nichts zu tun: Das habe ich mir verdient.“
Zehn Jahre will der 65-Jährige noch machen, solange die Gesundheit mitspielt. „Freunde aus Deutschland fragen immer, wann ich zurückkomme. Was soll ich denn in Deutschland? Mein Leben ist hier. Ich werde in Ruanda sterben. Nicht heute, nicht morgen. Aber hier.“