Neugierig blicken sie auf die kleine Touristengruppe, die in ihrer Nachbarschaft Zelte aufschlägt. Ein großgewachsener, schlanker Mann, ein paar Frauen und einige Kinder stehen, in farbenfrohe Gewänder gehüllt, einfach da und schauen zu. Die Frauen tragen ebenso bunte Kopfbedeckungen. Die Menschen gehören zu den Kuvale, einer der letzten halbnomadischen Volksgruppen Angolas, verwandt mit den Herero im benachbarten Namibia.

Angola ist zwar das siebtgrößte Land Afrikas, aber auf der Tourismus-Landkarte bislang ein weißer Fleck. Das mag daran liegen, dass man dort weniger die Tierwelt wie in anderen afrikanischen Ländern findet. Dafür aber beeindruckende Landschaften und den Kontakt zu Menschen, die nicht vom Massentourismus genervt sind.

Wie eben zur Kuvale-Gemeinschaft dort in der kleinen Siedlung Tchitundo Hulo. Der Reiseanbieter hatte vorher gefragt, ob die Deutschen dort eine Nacht bleiben dürften. Solche Begegnungen sind für die Bewohner der Siedlung selten und daher ein Höhepunkt in ihrem von Stille und Arbeit mit dem Vieh geprägten Leben. Aber immerhin – so viel Tourismus ist ihnen schon geläufig, dass sie fürs Fotografierenlassen Geld erwarten.

Das sie auch brauchen. Denn ansonsten leben sie fast ausschließlich vom Verkauf von Vieh und Milchprodukten auf lokalen Märkten, zum Beispiel im 30 Kilometer entfernten Ort Virei. 25 Menschen leben in der mit Ästen umzäunten Kuvale-Gemeinschaft in einfachen, zeltförmigen Lehmhütten. Nebenan warten Kühe darauf, gemolken zu werden. Viele Tiere habe die Gruppe, sagt Manuel Pedro Bongischa. Für Feldwirtschaft gebe es in diesem Ausläufer der Namib-Wüste zu wenig Wasser, erklärt der Soba, der Chef des Dorfes. Das Vieh müssen sie viele Kilometer zu den Wasserstellen treiben und den Orten, wo gegen Ende der Trockenzeit noch Gras wächst.

Ein älterer Sohn des Soba arbeitet in einem Steinbruch. Ansonsten wollen die Kuvale ihren traditionellen Lebensstil beibehalten. Daran ändere auch der Kontakt zu den Besuchern nichts, ist Bongischa überzeugt, er hat keine Sorge, dass der Tourismus die Kultur verändert.

Für eine Besonderheit ist Tchitundo Hulo bei archäologisch interessierten Menschen sehr bekannt. Auf Felsen in der Umgebung finden sich hunderte Gravuren, manche kreisförmig, andere geometrisch-symbolhaft. Die Kuvale wissen nicht, was sie bedeuten. Offenbar gibt es auch sonst wenig Interesse daran, denn die womöglich bis zu 20.000 Jahre alten Gravuren liegen ungeschützt da. Viele sind bereits durch Verwitterung verschwunden, obwohl Tchitundo Hulo zu den bedeutendsten archäologischen Stätten im Südwesten Angolas zählt.

Südlich von Tchitundo Hulo erstreckt sich in der Provinz Namibe – benannt nach der gleichnamigen Küstenstadt – der Iona-Nationalpark, ein Tor zur faszinierenden Welt der Namib-Wüste. Als ältestes und größtes Schutzgebiet Angolas reicht er bis über die Grenze zu Namibia. Hier hüpfen Springböcke zwischen teils uralten grünen Welwitschia-Pflanzen in der Savanne herum, deren grüne Blätter ein wenig an Agaven erinnern. Weiter südlich weicht das Grün dann bizarren Felsformationen und endlosen Sandflächen, die fast surreale Landschaften formen und den Blick in die unendliche Weite der Wüste ziehen.

Aus diesen südlichen Regionen nehmen Touristen, Einheimische und viele große Lkw die Verbindungsstraße EN 280 von Namibe zur zweitgrößten Stadt Angolas, Lubango. Die Straße führt durch die Berglandschaft Serra da Leba. Beeindruckend ist vor allem die Passstraße, die sich in kurvenreichen Serpentinen tausend Meter in die Höhe schlängelt und spektakuläre Aussichten auf das Tal gewährt. Von Lubango geht es in einem anderthalbstündigen Flug in die Hauptstadt Angolas, Luanda, wo üblicherweise auch eine Angola-Reise beginnt.

Luanda ist ein Moloch mit einer Einwohnerzahl irgendwo zwischen vier und zehn Millionen. Es ist laut, überall drängen Menschen in Geschäfte oder Sammeltaxis. Auf den großen Märkten ist das Getümmel und Geschrei besonders intensiv. Es gibt dort alles – von Gemüse über lebende Hühner und Ziegen bis zu Werkzeug, Batterien, Solarlampen Uhren oder Kleidung jeder Art. Die Festung San Miguel mit ihrem Militärmuseum ist da einer der wenigen Ruhepole in der Stadt. Ein mit blau-weißen Azulejos (Kacheln) ausgestatteter Raum zeigt Szenen aus der Kolonialgeschichte. Ruhiger geht es auch in edlen Strand-Gastronomien wie dem Café del mar zu, wo Luandenses und Ausländer gehoben speisen und feiern.

Angola-Reisende zieht es meist bald wieder in die ruhige Natur, die auch im Norden des Landes einiges zu bieten hat, zum Beispiel die spektakulären Kalandula-Wasserfälle, 380 Kilometer östlich der Hauptstadt. Mit einer Breite von 400 Metern und einer Höhe von 100 Metern gelten sie nach den Victoria-Fällen als die zweithöchsten Wasserfälle Afrikas. Etwa 100 Kilometer entfernt ein weiteres Naturwunder: Fast mystisch erheben sich die Felsformationen der Pedras Negras in bis zu 200 Metern Höhe und verleihen der Landschaft eine fast surreale Atmosphäre.

Irdischer geht es auf der Fazenda Terras do Koló zu, die 17 Quadratkilometer umfasst. Mit etwa 5300 Nelore-Rindern und 130 Beschäftigten ist die Farm einer der größten landwirtschaftlichen Betriebe der Region. Touristen finden komfortable Unterkünfte auf dem Gelände im Kahombo Resort Rural – und beobachten Szenen, die einem klassischen Western entnommen sein können, wenn die Vaqueros, die Cowboys Angolas, die Rinder treiben. Ein paar der Vaqueros kommen aus Brasilien, zum Beispiel Sidney Pinto. Der Veterinär lebt seit zwei Jahren hier und freut sich, die afrikanische Weise der Runderzucht kennenzulernen. Umgekehrt gehen Angolaner auch nach Brasilien. Die Länder sind eng verflochten durch die gemeinsame Kolonialgeschichte. Viele Menschen der Region wurden als Slaven nach Amerika verschifft. Und in beiden Ländern spricht man portugiesisch.

Ruhig war es selten in dem Land. Als Angola 1975 nach langem Kampf gegen Portugal die Unabhängigkeit erlangte, brach ein Bürgerkrieg aus, der erst 2005 endete. Seither ist Angola zwar offiziell eine Demokratie, wird aber autokratisch geführt und gehört zu den korruptesten Staaten der Welt. Touristen bekommen davon wenig mit. Interessant ist das Land für Reisende, die Afrika schon gut kennen und etwas Neues suchen, für Abenteurer, die den Massentourismus meiden, und für Bewunderer von Natur und alten Kulturen. Wer die kapverdischen Inseln schätzt, dürfte sich auch in Angola wohlfühlen. Große Tierherden gibt es hier nicht, dafür spektakuläre Landschaften und eine noch vom Tourismus kaum berührte Welt.

Der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen. Daher ist Angola noch sehr ursprünglich, die Menschen sind noch neugierig auf die Besucher. Man muss andererseits damit rechnen, dass vieles noch nicht so funktioniert wie in etablierten Regionen. Aber die Standards seien gut, sagt Thomas Thadewaldt, Reiseleiter bei Diamir Erlebnisreisen. „Angola bietet wunderbare Landschaften, das afrikanische Lebensgefühl und ermöglicht ein lässiges Reisen.“ Besucher erleben auch die Verbindung mit der portugiesischen Kultur.

Die Redaktion wurde von ­Diamir Erlebnisreisen und vom Tourismusministerium von ­Angola zu der Reise eingeladen.