Die libysche Küstenwache hat offenbar erneut das Rettungsschiff Sea-Watch 5 in internationalen Gewässern beschossen und damit gedroht, das Schiff zu entern und nach Libyen zu bringen. Nach Darstellung von Sea-Watch ereignete sich der Angriff bereits am Montag, etwa 55 Seemeilen nördlich von Tripolis.
Kurz nachdem die 30-köpfige Besatzung 90 Menschen gerettet habe, sei ein einzelner Schuss gefallen. Im Anschluss habe die Küstenwache ohne Vorwarnung eine Salve von etwa zehn bis fünfzehn weiteren Schüssen abgegeben. Die Besatzung habe einen Notruf abgesetzt und Kurs nach Norden gehalten. Über mehrere Stunden sei das Schiff von libyschen Booten verfolgt worden.
Die EU-Kommission bat die libysche Seite um Aufklärung. Die EU-Delegation in Tripolis werde Kontakt zu den libyschen Ansprechpartnern aufnehmen, sagte ein Sprecher der Behörde in Brüssel. Alle an Rettungseinsätzen beteiligten Parteien seien verpflichtet, das Völkerrecht und das internationale Seerecht uneingeschränkt einzuhalten.
EU unterstützt Küstenwache mit Schulungen und Ausrüstung
Das Auswärtige Amt bestätigte, dass sich die Sea-Watch 5 wegen des Vorfalls an die deutsche Seenotrettungsleitstelle sowie an Stellen der Bundesregierung gewandt habe. Gesicherte eigene Erkenntnisse zum Hergang und zur Identität der beteiligten Einheiten lägen der Bundesregierung nicht vor. Die deutsche Botschaft in Tripolis habe bei den libyschen Behörden umgehende Aufklärung angefragt.
Die EU unterstützt Libyen nach Angaben der Kommission unter anderem mit Schulungen und Ausrüstung. Ziel sei eine Verbesserung der Situation durch ein »rechtsbasiertes Migrationsmanagement«, sagte der Sprecher. Laut den Vereinten Nationen sind Geflüchtete in Libyen Folter, Vergewaltigung und Menschenhandel ausgesetzt.
Auf Nachfrage räumte die EU-Kommission ein, dass es bereits in der Vergangenheit ähnliche Vorfälle gegeben habe. In solchen Fällen habe sich die EU-Delegation stets direkt an die libyschen Behörden gewandt und Aufklärung verlangt, sagte der Sprecher. Die jüngsten Vorfälle zeigten allerdings, »dass diese Arbeit noch verstärkt werden muss«.
Bundespolizei verschärft Sicherheitswarnung
Vergangene Woche hatte die Bundespolizei eine erhöhte Sicherheitswarnung für libysche Gewässer ausgeweitet. In der Mitteilung hieß es, in der Vergangenheit seien NGO- und Handelsschiffe vor Libyen mehrfach beschossen worden. Nach vorliegenden Erkenntnissen hätten die Angreifer in den meisten Fällen der libyschen Küstenwache angehört.
© Lea Dohle
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Bereits im September 2025 war die »Sea-Watch 5« nach Angaben der Organisation während eines Rettungseinsatzes bedroht und beschossen worden. Im April stellte Sea-Watch daraufhin Strafanzeige in Hamburg und Rom. Deutschland und Italien sehen Sea-Watch in der Mitverantwortung.
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