Früher bezog Äthiopien seinen Treibstoff aus dem benachbarten Sudan. Angesichts der anhaltenden Instabilität dort wandte sich die äthiopische Regierung aber bereits vor Jahren an die Golfstaaten. So haben jüngst der Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus zu Versorgungslücken und einem Preisanstieg von rund 26 Prozent für Benzin geführt. Zudem hat Äthiopien mit Schmugglern zu kämpfen, die Millionen von Litern von importiertem Treibstoff abkappen. Die Warteschlangen an den Tankstellen sind durch all diese Herausforderungen nur länger geworden.
Die äthiopische Regierung ruft die Bevölkerung dazu auf, wenn möglich zu Fuß zu gehen, priorisiert „wichtige Transporte“ und öffentliche Verkehrsmittel bei der Treibstoffversorgung – und will die Verkehrswende umso schneller vorantreiben. Erst vergangene Woche hat die französische Regierung infolge der Treibstoffkrise ebenfalls angekündigt, mehr auf Elektromobilität zu setzen, um Abhängigkeiten entgegenzuwirken. In Deutschland setzt die regierende Koalition aus CDU und SPD dagegen auf Vergünstigungen und steuerliche Nachlässe für Autofahrer:innen.
Strom aus Erneuerbaren gibt es im Überfluss
Ausgerechnet Baden-Württemberg bremst die Verkehrswende gezielt aus: So war die grün-schwarze Regierung von Winfried Kretschmann maßgeblich daran beteiligt, das ursprünglich geplante Verbrennerverbot ab 2035 zu kippen. Auch in den Koalitionsverhandlungen der neuen Landesregierung zeichnete sich in der Verkehrsplanung eine Nähe zur Automobilindustrie ab. Als Argument wurden dabei die rund 235.000 Arbeitsplätze in Baden-Württemberg vorgehalten, wenngleich die Produktionszahlen von reinen Verbrennern zurückgehen und E-Autos zunehmend gefragt sind. Im neuen Koalitionsvertrag wird zwar von „alternativen klimafreundlichen Antriebskonzepten“ gesprochen, das Jahr 2035 findet allerdings keine Erwähnung.
Dass Äthiopien in Sachen E-Mobilität so gezielt vorausgeht, liegt auch an den großen Wasserkraftwerken im Land. Denn günstigen erneuerbaren Strom produziert Äthiopien im Überfluss, erklärt Wirtschaftsexperte Samson Berhan. „Die Verkehrswende hat auch mit diesem Stromüberfluss zu tun“, führt Berhan aus. Seit der Einweihung des größten Staudammes Afrikas an der Grenze zum Sudan hat Äthiopien seine Energieproduktion verdoppelt. „Der Überfluss muss hierzulande genutzt oder exportiert werden. Unsere Nachbarn haben für die Menge aber keine Kapazitäten“, so Berhan. Stattdessen soll also die Elektromobilität für Abhilfe sorgen.
Klar ist aber auch, dass davon nur ein Bruchteil der Bevölkerung profitiert. Nur die wenigsten Menschen in Äthiopien können sich ein neues Auto leisten. Das lohnt sich auch fast nur in den Großstädten, wo die Infrastruktur sehr gut ist und viele Menschen auf weiten Strecken pendeln müssen. Selbst in Addis Abeba sind die meisten Arbeiter:innen auf kollektive Verkehrsmittel angewiesen. Die öffentlichen und privaten Busse sind meist überfüllt, auch in den modernen Straßenbahnen ist oft kaum Platz zum Stehen.
An den Bushaltestellen stehen die Menschen insbesondere zu Stoßzeiten geduldig in langen Schlangen. Sie warten auf die öffentlichen Busse oder die günstigeren privaten Kollektiv-Taxen: alte Kleintransporter, die als Busse fungieren. Der äthiopischen Regierung sind gerade diese Taxen ein Dorn im Auge. Manche dieser Fahrzeuge seien 50 bis 60 Jahre alt, sagt Dhenge Boru, Staatsminister für Transport. „Wir haben keine nationalen Richtlinien, um sie von den Straßen zu verbannen“, so Boru. „Seit Kurzem bereiten wir Vorschriften für diese sehr alten Taxen und auch Lastwagen vor.“