Drei Jahre Krieg im Sudan und die systematische Zerstörung der Öffentlichkeit.
Am 15. April 2026 dauerte der Krieg im Sudan drei Jahre. Er wird zwischen den Sudanesischen Streitkräften, der SAF, und den Rapid Support Forces, der RSF, geführt; ausgetragen wird er in Khartum, Darfur, El Fasher, Nyala und längst in jedem Raum, in dem Information noch zirkulieren könnte. Wer darüber berichtet, riskiert Festnahme, Folter, Verschwindenlassen oder den Tod. Mindestens 16 Journalistinnen, Journalisten und Medienarbeiter wurden seit Kriegsbeginn getötet, schreibt das Committee to Protect Journalists. Das sudanesische Journalisten-Syndikat kommt auf 32 Tote und 556 dokumentierte Verstöße seit April 2023 . Die Differenz ist kein Widerspruch, eher eine Beschreibung des Zustands: In einem Land, in dem Reporter verschwinden und Netze ausfallen, wird schon die Zählung zur Kampfzone.
Der Sudan ist damit nicht nur ein Schlachtfeld. Er ist ein Beispiel dafür, wie ein Krieg die Öffentlichkeit selbst zerlegt. Nicht bloß Städte werden belagert, sondern auch Tatsachen. Nicht nur Zivilisten werden vertrieben, sondern auch Zeugenschaft. Beide Konfliktparteien behandeln Journalismus nicht als Beobachtung des Krieges, sondern als Störung des eigenen Narrativs. Das Resultat ist ein Informationsraum, der weniger vernebelt als gezielt verwüstet wurde.
Wo Medienhäuser zerstört, Archive verbrannt, Reporter ins Exil gedrängt und Kommunikationswege gekappt werden, wird nicht nur das Berichten unmöglich; es wird auch die spätere Rekonstruktion der Verbrechen sabotiert.
„Während der Krieg im Sudan in sein drittes Jahr geht, haben die meisten Medieninstitutionen ihren Betrieb eingestellt, und Journalistinnen und Journalisten wurden ins Exil, in die Vertreibung, in Haft oder ins Verschwinden gezwungen“, sagte Raghdan Orsud von Beam Reports. Das ist keine Klage über schlechte Arbeitsbedingungen. Es ist eine Lagebeschreibung eines Landes, in dem Öffentlichkeit nur noch in Restbeständen vorkommt.
Getötet, verschleppt, eingeschüchtert
Die härteste Form der Zensur bleibt die einfachste: Man erschießt den Überbringer. CPJ dokumentiert bis Mitte April 2026 mindestens 16 getötete Journalist:innen und Medienarbeiter; viele seien in ihren Häusern, auf der Flucht oder bei der Arbeit getötet worden. CPJ hält fest, dass die meisten von ihnen durch RSF-Kräfte starben, darunter durch Drohnenangriffe, die mindestens fünf Medienschaffende das Leben kosteten. Amjambo Africa schrieb bereits im Oktober 2025, der Sudan zähle seit Beginn des Bürgerkriegs zu den gefährlichsten Ländern Afrikas für Journalist:innen; der Verband habe „mehr als 30“ getötete Journalisten registriert. Auch die Internationale Journalisten-Föderation führte den Sudan 2024 als tödlichstes Land Afrikas für die Presse an, zitiert von Amjambo.
Man kann solche Zahlen nebeneinanderstellen und sie als statistische Unschärfe abtun. Treffender wäre: Sie zeigen die Struktur des Verbrechens. Wo Medienhäuser zerstört, Archive verbrannt, Reporter ins Exil gedrängt und Kommunikationswege gekappt werden, wird nicht nur das Berichten unmöglich; es wird auch die spätere Rekonstruktion der Verbrechen sabotiert. Der tote Journalist soll im Idealfall nicht einmal mehr als gezielt getöteter Journalist erscheinen, sondern als namenlose Kriegsfolge. Es ist die alte Methode autoritärer Gewalt, nur technisch aktualisiert: erst vernichten, dann verunklaren.
Bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn war erkennbar, worauf das hinausläuft. Al Jazeera berichtete im Mai 2023 von Drohlisten, auf denen Journalisten als Verräter markiert wurden. Mohi el-deen Jibril sagte damals: „Seitdem habe ich viele Drohungen erhalten. Zwei schrieben mir über WhatsApp und sagten, dass sie mich als Nächstes holen würden“. Abdelmoneim Abu Idriss, Vorsitzender der Journalistenvereinigung, beschrieb das Prinzip nüchtern: „Die [Drohungen] kommen von beiden Seiten“. Wer noch Neutralität beanspruchte, machte sich verdächtig. In manchen Kriegen wird Wahrheit zur ersten Gefallenen. Im Sudan wurde sie früh als feindlicher Kombattant eingestuft.
Dass diese Bedrohung nicht nur rhetorisch war, zeigen die Berichte aus El Fasher. Reporter ohne Grenzen schilderte im November 2025 die Aussagen zweier Journalisten, die nach dem Angriff der RSF auf die Stadt flohen. Einer sagte: „Alle flohen vor dem Inferno der Flammen“. Nach seiner Flucht sei er von RSF-Kämpfern festgenommen, geschlagen, gedemütigt und mit dem Tod bedroht worden. Ein anderer berichtete von „willkürlichen Verhaftungen, Erpressung, Folterverhören, rassistischen Beleidigungen und Morddrohungen“; er habe alle Hinweise auf seinen Beruf vom Handy gelöscht, weil er „nicht als Journalist anerkannt“ worden sei . Das ist mehr als Repression. Es ist die Aufhebung des zivilen Status. Der Journalist wird nicht mehr als Träger eines geschützten Berufs betrachtet, sondern als vogelfreies Wesen zwischen Fronten.
Verschwindenlassen und die Kunst, Spuren auszulöschen
Noch wirksamer als Mord kann das Verschwindenlassen sein. Tote können gezählt werden, Vermisste nicht zuverlässig. CPJ bezeichnet gewaltsames Verschwindenlassen als eines der alarmierendsten Muster des Krieges, vor allem in von der RSF kontrollierten Gebieten. Bis Mitte April 2026 galten laut CPJ mindestens sieben Journalist:innen im Sudan als vermisst. Beim Fall von El Fasher im Oktober 2025 erhielt CPJ Berichte über mindestens 13 Journalist:innen, die beim Versuch, die Belagerung zu verlassen, verschwanden.
Radio Dabanga meldete kurz nach der Einnahme El Fashers, unter rund 20 dort verbliebenen Medienschaffenden sei der Kontakt zu sieben komplett abgerissen; zwölf hätten fliehen können, fünf seien von der RSF festgenommen worden. Unter den Festgenommenen: der Journalist Muammar Ibrahim und der Fotojournalist Ibrahim Jibril Abkar. CPJ nannte Muammar Ibrahim im April 2026 ausdrücklich als Journalisten, der zuletzt im Oktober 2025 in RSF-Gewahrsam gesehen worden sei. Ebenso vermisst: Mawaheb Ibrahim, Zahraa Mohammed al-Hassan und Ishraqah Abdulrahman, seit ihrer Festnahme in Nyala im Februar ohne Lebenszeichen.
Die RSF regiert vielfach durch unmittelbare Gewaltherrschaft. Die SAF versucht stellenweise, der Gewalt eine administrative Form zu geben.
Wer verschwindet, verschwindet im Sudan nicht bloß räumlich. Er verschwindet aus Verfahren, aus Nachrichtenlagen, aus öffentlicher Überprüfbarkeit. Gerade in einem Krieg, in dem beide Seiten die Kommunikationskanäle sabotieren, hat das eine politische Funktion. Die Lücke ist Teil der Botschaft. Das erzwungene Nichtwissen diszipliniert die anderen. Es sagt den Kolleginnen und Kollegen: Ihr könnt nicht einmal sicher sein, dass eure Namen später auf einer Liste stehen.
Die Berichte aus El Fasher machen deutlich, dass dieses Nichtwissen nicht zufällig entsteht, sondern produziert wird. Radio Dabanga sprach von einem „vollständigen Kommunikations- und Internetausfall“, der verlässliche Informationen über die humanitäre Lage und die Zahl der Vermissten extrem erschwere und „die Verbreitung von Fehlinformationen und die Unterdrückung von Fakten“ begünstige. Information verschwindet hier nicht trotz Belagerung, sondern durch sie.
Zwei Apparate, ein Ziel: Kontrolle
Es wäre bequem, diese Gewalt allein der RSF zuzuschreiben. Bequemer, als die gesamte Architektur der Repression anzusehen. Tatsächlich zeigen die Quellen zwei verschiedene Muster, die sich in der Wirkung ähneln. In RSF-Gebieten dominieren Entführungen, sexuelle Gewalt, Verschwindenlassen, willkürliche Haft und direkte Tötung. In SAF-Gebieten treten Verhaftungen, juristische Schikane, Reiseverbote, Lizenzdruck und Betriebsschließungen hervor. Das eine wirkt roher, das andere ordentlicher. Für die Pressefreiheit ist der Unterschied überschaubar.
CPJ hält fest, dass in den von der SAF kontrollierten Gebieten ein Anstieg von Festnahmen und juristischer Einschüchterung zu beobachten sei. Journalist:innen seien bei der Arbeit festgenommen, der Zusammenarbeit mit dem Gegner beschuldigt oder wegen angeblicher „Vortäuschung journalistischer Tätigkeit“ angeklagt worden. Genannt werden unter anderem die kurzzeitigen Festnahmen von Hajar Sulaiman und Miyahelnil Elmubarak im März 2026; außerdem setzte das Informationsministerium im April 2026 die unabhängige Plattform Sudania 24 außer Betrieb.
Das Al Jazeera Media Institute beschrieb schon im September 2025, dass es weder in den von SAF noch in den von RSF kontrollierten Gebieten sichere Zonen für Journalisten gebe. Sara Qudah vom CPJ sagte dort: „Beide Kriegsparteien haben wiederholt Mitglieder der Presse ins Visier genommen“; viele arbeiteten „völlig ohne Schutzausrüstung, Sicherheitsvorkehrungen oder institutionelle Unterstützung“. Oussama Bouagila von Reporter ohne Grenzen ergänzte, in militärisch kontrollierten Gebieten seien Journalisten strenger Zensur unterworfen und würden unter Druck gesetzt, die offizielle Linie zu übernehmen.
Das ist die eine Gemeinsamkeit: Beide Seiten wollen Deutungshoheit. Der Unterschied liegt eher in der Stilfrage des Autoritarismus. Die RSF regiert vielfach durch unmittelbare Gewaltherrschaft. Die SAF versucht stellenweise, der Gewalt eine administrative Form zu geben. Der Effekt bleibt ähnlich: Unabhängige Berichterstattung wird aus dem öffentlichen Raum gedrängt. Der Staat im engeren Sinn erscheint dann nicht als Gegenmodell zur Miliz, sondern als ihre bürokratisch begabtere Variante.
Schon 2023 war diese Logik sichtbar. Al Jazeera zitierte Kholood Khair Sudan-Expertin und Gründungsdirektorin des Thinktanks Confluence Advisory, mit dem Satz „Sie stehen nicht nur gegeneinander … sondern sie sind sehr eng miteinander verbunden und waren es schon immer … darin, die Teile des Staates und des sudanesischen politischen Lebens zu zerstören, die ihnen nicht gefallen“. Selten wurde die Gemeinsamkeit der Gegner präziser beschrieben. Sie bekämpfen einander militärisch und ähneln einander politisch. Das ist weniger paradox, als es klingt. Bürgerkriege erzeugen oft Feindschaften zwischen ähnlichen Herrschaftsinteressen.
Hunger, Blackout, Propaganda: der Informationskrieg
Die Zerstörung von Journalismus im Sudan geschieht nicht nur durch Gewalt gegen Personen. Sie geschieht auch materiell. UNESCO berichtete im Juni 2025, rund 90 Prozent der Medieninfrastruktur des Landes seien zerstört und etwa 1.000 Journalist:innen vertrieben worden; dadurch seien große Teile der Bevölkerung von lebenswichtigen Informationen abgeschnitten . International Media Support zitierte das Sudan Media Forum mit einer ähnlichen Diagnose: Schätzungsweise 90 Prozent der sudanesischen Medienhäuser seien zerstört, 27 Zeitungen hätten den Betrieb eingestellt, von einst etwa 1.500 aktiven Journalisten seien nur noch 250 bis 300 aktiv, davon rund 70 in Konfliktgebieten . Die Übereinstimmung ist hier wichtiger als die Rundung. Ein Mediensektor existiert noch als Fragment.
Dazu kommen Stromausfälle, Internetsperren und blockierte Verkehrswege. In El Fasher bedeutete die Belagerung nicht nur Hunger, sondern auch eine Informationsblockade. Amjambo Africa berichtete, die RSF habe die Stadt seit Mai 2024 eingekesselt; ein Journalist sagte dem CPJ: „Man hat uns dem langsamen Tod überlassen“. Ein anderer formulierte den Zusammenhang von Hunger und Schweigen offen: „Hunger ist hier eine Waffe. Sie wollen uns zum Schweigen bringen, indem sie uns zu schwach machen, um zu sprechen“. In solchen Sätzen verrät der Krieg seine Grammatik. Nahrung wird zur Waffe, Erschöpfung zur Zensurtechnik.
Parallel dazu führen beide Seiten einen Krieg der Desinformation. Free Press Unlimited beschrieb im November 2025 koordinierte Medienkampagnen, manipulierte Bilder, irreführende Aussagen und den Missbrauch von Meta-Beschwerdesystemen, um journalistische Accounts sperren zu lassen. IMS schrieb von „Tausenden von Desinformationsbeiträgen in sozialen Medien“, die von RSF und Militär verbreitet würden, um ihre Positionen zu propagieren und Gegner anzugreifen . Radio Dabanga formulierte es knapper: „Neben der direkten Gewalt tobt ein Krieg der Desinformation, der die Krise verschärft“.
Wer Journalistinnen sexualisierte Gewalt zufügt, greift nicht nur Individuen an, sondern auch die Möglichkeit, dass Frauen als dokumentierende, kommentierende, widersprechende Stimmen sichtbar bleiben.
Das ist der Punkt, an dem Zensur und Propaganda zusammenfallen. Wo unabhängige Quellen verschwinden, muss nicht einmal eine besonders gute Lüge installiert werden. Es genügt, genug schlechte Wirklichkeiten in Umlauf zu bringen. Wahrheit verliert dann nicht, weil die Gegenwahrheit stärker wäre, sondern weil die Überprüfbarkeit zerfällt. Das Publikum wird nicht überzeugt, sondern ermattet.
Frauen im Visier, Exil als letzter Redaktionsraum
Besonders sichtbar wird die Methode des Krieges im Umgang mit Journalistinnen. CPJ verweist auf geschlechtsspezifische Gewalt, die insbesondere durch die RSF als Kriegswaffe eingesetzt werde; Reporterinnen seien Belästigung, Vergewaltigung und Drohungen ausgesetzt. Das sudanesische Journalisten-Syndikat warnte Ende November 2025, Frauen seien von digitaler Gewalt „überproportional betroffen“; gemeint sind systematisches Mobbing, Verleumdung und Verletzungen der Privatsphäre . Amjambo Africa zitierte Berichte des Darfur Women Journalists Forum das „seit Kriegsbeginn mindestens sechs Vergewaltigungsfälle von Journalistinnen dokumentiert [hat] – vier davon allein in El Fasher.“.
Hier wird nicht nur Körpergewalt ausgeübt. Es werden Perspektiven aus dem öffentlichen Raum entfernt. Wer Journalistinnen sexualisierte Gewalt zufügt, greift nicht nur Individuen an, sondern auch die Möglichkeit, dass Frauen als dokumentierende, kommentierende, widersprechende Stimmen sichtbar bleiben. Die patriarchale Ordnung des Krieges macht sich ihre alte Gewohnheit zunutze: Was nicht gehorcht, soll beschämt werden; was sich nicht beschämen lässt, soll verschwinden.
Und doch bleibt etwas bestehen. UNESCO beschrieb im Juni 2025 die „remarkable resilience“ sudanesischer Journalist:innen. Das Sudan Media Forum, Anfang 2024 gegründet, versucht mit gemeinsamer Redaktion, Faktenprüfung und mehrsprachigen Inhalten eine Gegenöffentlichkeit aufrechtzuerhalten. Free Press Unlimited, IMS und andere Quellen nennen zudem Radio Dabanga als eine der letzten verlässlichen Informationsquellen, die aus dem Exil weiter sendet. In Flüchtlingslagern, so Free Press Unlimited, versammelten sich oft zehn bis zwanzig Menschen um ein einziges Radio, um zu erfahren, wo es noch Wasser, Nahrung oder medizinische Hilfe gebe .
Darin liegt die bitterste Pointe dieses Krieges. Je weiter die Öffentlichkeit zerstört wird, desto elementarer wird Journalismus. Er ist dann nicht mehr nur Kontrolle der Macht oder Forum des Meinungsstreits, sondern eine Infrastruktur des Überlebens. Wo Konvois nicht durchkommen, kann eine verlässliche Meldung über einen sicheren Weg mehr wert sein als jeder Leitartikel. Und wo die Welt den Sudan zum „vergessenen Konflikt“ herabstuft, wie IMS schrieb wird jeder noch gesendete Satz zur Form des Widerstands gegen die zweite Tötung: die Tötung durch Nichtbeachtung.
Am Ende bedeutet das alles mehr als einen Angriff auf einen Berufsstand. Wenn Reporter ermordet, Redaktionen geplündert, Archive verbrannt, Netze gekappt und Fakten durch Propaganda ersetzt werden, verschwindet nicht bloß Berichterstattung. Es verschwindet die gemeinsame Wirklichkeit, auf die sich Gesellschaft überhaupt noch beziehen kann. Der Krieg im Sudan ist deshalb nicht nur ein Krieg um Territorien, Rohstoffe und Staatsgewalt. Er ist, in sehr wörtlichem Sinn, ein Krieg gegen die Möglichkeit, ihn zu verstehen.
Wer das für einen Nebenschauplatz hält, verwechselt Öffentlichkeit mit Komfort. Für Gesellschaften im Frieden mag Journalismus gelegentlich wie ein lästiges Korrektiv erscheinen; im Krieg zeigt sich, dass er näher an Wasserleitungen liegt als an Dekoration. Ohne ihn bleibt von der Wirklichkeit oft nur das übrig, was die Bewaffneten von ihr übriglassen wollen. Das ist im Sudan längst nicht mehr eine Gefahr. Es ist ein Verfahren.Formularbeginn